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Morddelikte in den USA Erstickende Waffen-Gewalt: Unterwegs in einem Viertel Baltimores

Baltimore erlebt eine Gewaltwelle. Opfer sind meist junge Männer. Während dem «Ceasefire» sollen die Waffen aber ruhen. Ein Rundgang in einem Armenviertel, wo man sich sonst zu Fuss nicht auf die Strasse wagt.

«Welcome to Brooklyn» steht auf dem tristen Schild bei der Autobahnausfahrt, das auf einer sonnenverbrannten Rasenfläche steht. In Brooklyn, Baltimore leben 40 Prozent der Familien in Armut. Vernagelte Türen, verwahrloste Gärten, Glasscherben und tote Ratten auf dem Trottoir.

Es ist kein Ort, wo man sich zu Fuss auf die Strasse wagt.

Legende: Die meisten Anwohner und Anwohnerinnen meiden den Kontakt mit Aussenstehenden, die Gruppe um Reverend Scott Slater bleibt unter sich. Isabelle Jacobi / SRF

Doch genau das tut Reverend Scott Slater. Der anglikanische Pfarrer führt regelmässig Gruppen durch das Quartier, in Begleitung eines Polizeiwagens.

Leben wirklich Menschen in diesen Häusern, werde er oft gefragt. Und warum ziehen sie nicht weg? «Das ermöglicht mir, über die Rassendiskriminierung zu sprechen, über den Mangel an billigem Wohnraum oder an frischen Lebensmitteln, über die vielen Schichten eklatanter Ungleichheit», sagt Reverend Slater.

Legende: Tatort 700 East Jeffrey Street – hiert strab Shawn Pressley im Dezember 2020. Isabelle Jacobi / SRF

Vor einem Reihenhaus mit verwucherten Vorgarten stoppt der Pfarrer, und die Gruppe beginnt für das Gewaltopfer Shawn Pressley zu beten.

Der Afroamerikaner wurde am 21. Dezember letzten Jahres an genau dieser Stelle erschossen. Dreizehnmal vollzieht die Gruppe das Ritual für Gewaltopfer, alles Afroamerikaner im Alter von 16 bis 33 Jahren. Der etwas makabre Rundgang ist Teil des «Ceasefire»-Wochenendes, einer jährlichen Veranstaltung mit Partys und Aktionen gegen Gewalt.

Legende: Erricka Bridgeford ist die Mit-Gründerin von «Baltimore Ceasefire 365» – eine der wichtigen Gewaltpräventionsgruppen in Baltimore. Isabelle Jacobi / SRF

Die afroamerikanische Aktivistin Erricka Bridgeford ist die Mit-Gründerin von «Baltimore Ceasefire 365». Die Idee sei es, einmal im Jahr die Waffen ruhen zu lassen und stattdessen das Leben zu feiern, sagt sie, huscht davon und verteilt Flyer an junge Männer mit gezeichneten Gesichtern, die auf der Veranda sitzen. Mit ihrem Tüllrock und violetten Flügelchen am Rücken versprüht sie eine paradox wirkende Fröhlichkeit.

Legende: Der andächtige Quartier-Spaziergang findet unter Polizeischutz statt. «Die Anwohner sind die Opfer eines Verbrechenstourismus», sagt Officer Torres. Isabelle Jacobi / SRF

In Baltimore gibt es seit Jahren Anti-Gewaltprogramme verschiedener Gruppen. Gerade hat die Stadtregierung einen neuen 5-Jahres Plan zur Gewalt-Minderung verabschiedet. Das Ziel: Die Rekord-hohe Mordrate um 15 Prozent zu senken, mittels Polizeireform, Gewaltprävention und Bevölkerungs-Engagement.

Als ich Erricka Bridgeford frage, warum denn trotz allen Bemühungen in Baltimore jährlich rund 300 Menschen in Schiessereien sterben, reagiert sie brüskiert. Das zeige, wie die Medien die falschen Fragen stellen würden. «Wenn man Gewalt als ein Problem der öffentlichen Gesundheit ansähe, als eine Folge der Rassen-Unterdrückung, dann würde man begreifen, weshalb man nicht sofort ein Resultat sehen KANN», sagt Erricka.

«Es ist wichtig den Menschen Hoffnung zu machen und nicht ein Narrativ des Scheiterns zu verbreiten». Seit der bekannten Fernsehserie «The Wire» wird Baltimore das Image einer Mord- und Drogen-Metropole nicht mehr los.

Legende: Dieser weisse Anwohner will diskutieren. Er verlangt mehr Polizisten statt Polizeireform. Das hören die Aktivistinnen nicht gern. Isabelle Jacobi / SRF

Ein Anwohner im Rollstuhl findet Interesse an der Besuchergruppe. «Die Waffengewalt ist schlimm in Baltimore», sagt er, es müsse aufhören. Er ertrage es nicht mehr, immer diese Schiessereien zu hören und zu wissen, es würden Jugendliche erschossen. «Und der Gouverneur und der Bürgermeister unternehmen rein gar nichts. Wir brauchen mehr Polizei auf der Strasse, nicht weniger.»

Legende: Die 19-jährige «Young Elder» mobilisiert gegen die Gewalt, die ihr junges Leben geprägt hat. Isabelle Jacobi / SRF

Eine junge afroamerikanische Frau hat sich bisher diskret im Hintergrund gehalten. «Young Elder» ist eine 19-jährige Rapperin, die weiss, was es heisst, in einem Armenviertel in Baltimore aufzuwachsen. Die Gewalt habe sie beeinträchtigt, sagt sie und berichtet, wie ihr bester Freund in einem Kreuzfeuer umkam. Er sei ein anständiger Typ gewesen, habe keine Drogen genommen.

Warum greifen denn so viele Jugendliche zur Waffe? «Weil sie traumatisiert sind, auf verschiedene Weisen. Wegen der Bedrohung durch Waffengewalt, wegen der rassebedingten Ungleichheit und wegen der Armut. Sie macht die Menschen gewalttätig. Es ist ein Teufelskreis, sagt Young Elder. Sie mobilisiert an Schulen in Baltimore gegen die Gewalt.

Legende: Ein gängiges Bild auf den Strassen Baltimores: Angehörige erweisen Gewaltopfern die letzte Ehre – die leeren Flaschen lassen sie zur Erinnerung stehen. Isabelle Jacobi / SRF

Vor einer kleinen Hütte wehen goldene Ballone im Wind, daneben stehen leere Wein- und Vodkaflaschen. «Rest In Peace» hat jemand auf die mit Brettern verrammelte Tür gesprayt. Ruhe in Frieden. Hier starb Keyon Rogers, am 10. April. Er wurde 23 Jahre alt.

Rendez-vous, 10.8.2021, 12:30 Uhr

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Roland Brechbühl  (RoBre)
    USA scheinen an vielen Ecken und Enden schrecklich, nicht besser als sogenannte Drittweltländer. Sollen mal bei sich aufräumen und die Zustände verbessern, bevor sie Weltpolizei spielen und moralische Instanz sein wollen.
    1. Antwort von Lukas Gubser  (Mastplast)
      Genau dass wird jetzt passieren.
  • Kommentar von Felix Stern  (Felix Stern)
    Das Problem sind die Aktivisten, wei "Black Lives Matter", die die Polizei abschaffen wollen. In Baltimore wurde die Polizei abgebaut - wie in praktisch allen Städten der USA; wo die Demokraten regieren. Zuerst wollte man die Polizei ganz abschaffen. Das Motto lautete "Defund the Police". Das kam freilich nicht gut an (vor allem bei den Menschen vor Ort, was die Folge sein wird). Jetzt nennt man es "Polizeireform". Das ist die Ursache für die Gewaltspirale.
    1. Antwort von Christoph Cramer  (Christoph Cramer)
      Gewalt, wie sie in dem Artikel beschrieben wird, gab es in Amerika lange vor der Black Lives Matter Bewegung. Höchstwahrscheinlich wären die Probleme mit einer Abschaffung der Polizei in der Tat nicht gelöst, aber die Anliegen der Black Lives Matter Bewegung dafür verantwortlich zu machen, ist schlicht absurd.
    2. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      Wie kommen Sie darauf, dass in Baltimore die Polizei wegen dem «Defund the Police» abgebaut wurde und nicht einfach, weil man kein Geld mehr in der Staatskasse hatte?
      «Defund» meinte ja auch nicht zwingend den Abbau der Polizisten, sondern den Abbau bei den Milliarden von Dollar, welche die Polizei in Form von Panzerfahrzeugen, gepanzerten Anzügen und weiss der Teufel für martialisches, militärisches Zeugs erhält.
    3. Antwort von Reto Bieri  (Yo-Han Kapuzi)
      Ihre Aussage ist in etwa so logisch, als wenn Sie behaupten würden, eine Druckwelle sei die Ursache einer Explosion gewesen. Die Black Lives Matter - Bewegung ist eine Folge von Gewalt, nicht deren Ursache.
  • Kommentar von Richard Meier  (meierschweiz)
    Ich verstehe nicht, warum die Rassenunterdrückung in dieser Stadt das Problem ist. Der Bürgermeister Brandon Scott ist dunkler Hautfarbe und Demokrat.
    1. Antwort von Felix Stern  (Felix Stern)
      Die Demokraten sind die Verkörperung des "systemic Racism". Sie tragen überall dort die Verantwortung, wo es der afroamerikansichen Bevölkerung am schlechtesten geht. Sie treiben die Menschen in die Abhöngigkeit von Staatssubventionen (und erzielen die gleichen Probleme wie in den Hartz-IV Viertel im Ruhrgebiet) und sie schlefen die innere Sicherheit.

      Rudy Giuliani hat seinerzeit gezeiogt, wie man diesem Teufelskreis entkommt. Das Gegentiel dessen, was die Demokraten machen.
    2. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      @Stern: was Rudy ist, hat er in der letzten Amtsperiode der Nummer 45 gezeigt. Ein Winkeladvokat.
      Und den Demokraten die Schuld zu geben, ist eine sehr simple Sicht auf die Welt. Wer gerrymandert, wer bringt Wahllokale an Orte, wo man als Unterpriviligierte gar nie dann hinkommt, wenn man sich registrieren will? Wer stellt sicher, dass die schwarzen Schulbezirke unterfinanziert sind.
      Die Tea Party-Reps, denen ihr scheinheiliges Getue und ihre Finanzen über Menschlichkeit gehen.