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Nach Todesfall in Lyon «In Frankreich radikalisieren sich jüngere Gruppen verstärkt»

Am Samstag ist in Frankreich ein junger Mann gestorben, der in Lyon bei einer Prügelei am Rande einer Veranstaltung der linken Partei La France Insoumise am vergangenen Donnerstag schwer verletzt worden war. Jacob Ross, Frankreich-Experte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, ordnet den Vorfall ein.

Jacob Ross

Frankreich-Experte

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Jacob Ross arbeitet als Analyst und Wissenschaftler bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Dort beschäftigt er sich insbesondere mit französischer Politik.

SRF: Ist dieses Ausmass an politisch motivierter Gewalt in Frankreich neu?

Jacob Ross: Solche Auseinandersetzungen hat es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Und so kurz vor den Kommunalwahlen im März hat das im ganzen Land zu sehr starken Reaktionen geführt. Insbesondere von der extremen Rechten, aber auch von den gemässigten Rechten, die den Tod dieses jungen Mannes als Anlass nehmen, um auf die politische Gewalt der Linken und der extremen Linken hinzuweisen. Und auch aus dem linken Spektrum, insbesondere von La France Insoumise, die jegliche Verantwortung für diesen Vorfall zurückweist.

Der französische Justizminister hat gesagt, es sei offensichtlich die Ultralinke, die den jungen Mann getötet habe. Wie beurteilen Sie diese Aussage?

Dieser Vorfall hat sich bei Protesten gegen den Auftritt einer Europaabgeordneten von La France Insoumise in Lyon ereignet. Zu den Protesten hatten rechtsidentitäre Gruppen aufgerufen. Der junge Mann war offensichtlich im Ordnungsdienst (was der Anwalt der Familie bestreitet, Anm. der Red.) und wurde von anderen Demonstranten und Antifa-Gruppen angegriffen. Der Justizminister und der Innenminister haben die Verantwortung für den Tod dieses jungen Mannes sehr schnell linksextremen politischen Gruppen zugewiesen. Wenn ein Justizminister öffentlich so etwas äussert, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass er schon erste Erkenntnisse hat.

Hat Frankreich denn ein Problem mit Linksextremismus?

Ich glaube, dass sowohl im linken als auch im rechten politischen Spektrum seit mehreren Jahren die Gewaltbereitschaft wächst. Insbesondere im politisch linken Spektrum hat die Gewalt seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dem Krieg in Gaza zugenommen, da haben sich viele Demonstrierende radikalisiert. Und so kann man schon sagen, dass Frankreich ein wachsendes Problem mit linksextremer Gewalt hat.

Es hat in den vergangenen Jahren immer wieder Angriffe gegeben, insbesondere auf lokale Amtsträgerinnen und Amtsträger.

Gehen in Frankreich Links- und Rechtsextreme härter aufeinander los?

Ja, ich glaube schon. Und dafür spricht jetzt tatsächlich auch dieser Einschnitt, der der Tod dieses jungen Mannes mit Sicherheit ist. Es hat in den vergangenen Jahren immer wieder Angriffe gegeben, insbesondere auf lokale Amtsträgerinnen und Amtsträger. Auch jetzt, im Zuge des Todes dieses 23-Jährigen, gab es als Reaktion Angriffe auf Wahlkreisbüros von linken Parteien.

Woher kommen dieser Hass und diese Gewaltbereitschaft?

Ich glaube, dass sich insbesondere jüngere Gruppen wieder verstärkt radikalisieren, dass auch wieder offen mit politischen Ideologien geworben wird. All das führt zu einem gesellschaftlichen Klima, in dem gerade jüngere Menschen offensichtlich Gewalt wieder als legitimes politisches Mittel ansehen.

Der Tod dieses jungen Mannes wird von allen Seiten gebraucht, um gegen den politischen Gegner Front zu machen.

Dieser Vorfall gibt in Frankreich viel zu reden. Kann es eine Chance sein für Besinnung, oder wird der Hass jetzt noch mehr befeuert?

Ich habe leider den Eindruck, dass es jetzt keine Bewegung hin zu einem gemeinsamen Innehalten gibt, im Gegenteil: Der Tod dieses jungen Mannes in Lyon wird von allen Seiten gebraucht, um gegen den politischen Gegner Front zu machen.

Das Gespräch führte Reena Thelly.

SRF 4 News, 16.2.2026, 16:21 Uhr ; 

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