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International «Nepal bleibt Schwerpunktland unserer Entwicklungshilfe»

Im nepalesischen Erdbebengebiet engagiert sich auch die Schweiz mit Experten und Medizinern. Der Chef der Humanitären Hilfe des Bundes, Manuel Bessler, erklärt im Gespräch mit SRF News, weshalb auf die Entsendung einer grösseren Rettungskette verzichtet wurde.

Legende: Video Hilfsgüter unterwegs nach Nepal abspielen. Laufzeit 01:47 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 01.05.2015.

SRF News: Was ist Ihnen in den ersten Minuten nach der Nachricht vom Erdbeben in Nepal durch den Kopf gegangen?

Manuel Bessler: Ich bekam eine SMS von unserem Pikettdienst: «Erdbeben der Stärke 7,5 in Nepal mit einem Epizentrum von rund 10 Kilometern.» Da wusste ich, jetzt ist es passiert. Wir haben ein solches Beben schon lange erwartet.

Welches waren die ersten Schritte, die Sie unternahmen?

Ich rief den Pikettdienst an und berief eine sogenannte Einsatzleitung ein. Dieses Gremium sass den ganzen Tag zusammen, sammelte Informationen, arbeitete mit Satellitenbildern, definierte die ersten Reaktionen und fällte erste Entscheide.

Bereits am Sonntag hat das Schweizerische Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) ein Soforteinsatzteam in die Katastrophenregion geschickt. Weshalb haben Sie sich dafür entschieden und nicht für eine grosse Rettungskette?

Das war die grosse Diskussion am Samstag: Welches ist das richtige Instrument, um auf diese Katastrophe zu reagieren? Es war eine schwierige Entscheidung. Wir wussten, dass das Management des Flughafens in Kathmandu mit dem Abfertigen der Flüge nicht mehr nachkommt und bereits verschiedene Flieger über der Stadt kreisten oder gar nach Neu Delhi weggewiesen wurden.

Das war ein wichtiger Grund, weshalb wir uns gegen eine Rettungskette – 100 Mann, 20 Tonnen, 18 Hunde – entschieden haben. Ich hatte die Garantie nicht, dass sie innerhalb von 48 Stunden nach dem Erdbeben in Kathmandu gelandet und bereit sein wird.

Unterdessen ist auch ein zehnköpfiges Ärzteteam aus der Schweiz in Nepal im Einsatz. Es hilft vor allem in der Geburtsabteilung eines Spitals, 80 Kilometer von Kathmandu entfernt. Weshalb dort?

Es war sehr schnell klar, dass eine Unterstützung der medizinischen Versorgung ein grosses Bedürfnis ist. Nach dem grossen Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 hatte es zwar viele Ärzte, die sich um die Verletzten kümmerten. Doch die fehlten dann für die normale Behandlung und Pflege von Patienten – das Leben geht trotz des Bebens weiter, es werden Kinder geboren und Menschen erkranken, brechen sich einen Knochen oder haben einen Blinddarm. Aufgrund dieser Erfahrung haben wir ein Mutter-Kind-Modul entwickelt, das einen Teil dieser Lücke abdeckt.

Wenn Sie die aktuelle Situation mit anderen Erdbeben-Katastrophen vergleichen: Wo liegen die Besonderheiten Nepals?

Neben den logistischen Schwierigkeiten bezüglich Flughafen und Strassen ist eine der grossen Herausforderungen in Nepal die Trümmerlage. Satellitenbilder haben sehr schnell gezeigt, dass vor allem alte Gebäude aus Backsteinen und Lehmziegeln eingestürzt sind. Das heisst, dass vor allem Schutthäufen ohne Hohlräume übrig blieben, die im Gegensatz zu anderen Trümmerlagen wenig Überleben erlauben.

Nepal wird über Jahre hinweg auf massive internationale Hilfe angewiesen sein, um den Wiederaufbau zu meistern. Wie sieht die langfristige Hilfe der Schweiz aus?

Nepal war, ist und wird ein Schwerpunktland der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) bleiben. Die Entwicklungshilfe, die also schon lange vor Ort ist, wird Hand in Hand mit der Nothilfe arbeiten. Ziel ist es, die Nothilfe bald zurückzuziehen und möglichst viel der Entwicklungshilfe zu übergeben. Letztere wird ihre Programme anpassen und den Fokus leicht ändern. Nepal wird also weiter ein wichtiges Land der Deza sein.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

Spendenaufruf

Logo und Schriftzug der Glückskette

Die Glückskette ruft zu Spenden für die Erdbebenopfer in Nepal auf: Postkonto 10-15000-6 oder auf www.glueckskette.ch mit dem Vermerk «Nepal» oder mittels der Swiss-Solidarity-App.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Müller, Bern
    Die Grenzkosten sind tief wie nie! Jetzt ist der Zeitpunkt um richtig viel Geld in die Hand zu nehmen und etwas sehr Grosses und sehr Gutes zu tun! Nepal genügend Wasserkraftwerke schenken, um auf Jahrzehnte hinaus über eine ausreichende, sichere und saubere Energieversorgung zu verfügen. Verkehrsinfrastruktur hinstellen, die abgelegene Gebiete erreichbar macht. Bestände für die Katastrophenintervention aufbauen, die in den vielen, vielen künftigen Krisengebieten signifikante Wirkung entfalten.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Was nützt es ihnen Wasserkraftwerke zu bauen, wenn sie nicht das Personal haben um diese zu betreiben, zu unterhalten und zu reparieren? So verdient bessten falls nur der ausländische Lieferant. Und was nützt ihnen Strom, wenn sie sich die Infrastruktur nicht leisten können? Und woher soll der einzelne Bewohner das Geld nehmen um den Strom zu bezahlen?Ein Entwicklungsland muss sich meines Erachtens selbst zuerst kulturell entwickeln um aus eigenen wohlwollenden Antrieb etwas erreichen zu wollen.
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    2. Antwort von peter müller, zürich
      Ist aiuch meine Meinung, dass man jetzt 25 Mio in die Hand nehmen sollte und ein paar Leistungsfähige Infrastrukturen bauen sollte. Wie z.B ein Lagezentrum für Polizei und Militär mit einer gewissen Redundanz. Hilfreich wäre auch ein zweiter Internationaler Flughafen. Bescheiden wie Bern z.B
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    3. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @H. Knecht: "Lernen bei der Arbeit" ist das Zauberwort. Es gibt viele gute Projekte in Drittweltländern, wo die einheimische Bevölkerung ab Planung, Bau, usw. mit einbezogen wird & so lernen, später diese Projekte selbständig weiter zu führen. Und es ist ja nicht so, dass ganz Nepal bisher keinen Strom hatte. Sie verwechseln da wohl die Nepalesen mit einem Völkerstamm irgendwo in Regenwäldern fernab jeder Zivilisation. Aber man tue gutes, ohne Menschen in unserem Sinne "entwickeln" zu wollen.
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    4. Antwort von Felix Müller, Bern
      Wollte Nepal selber derartige Infrastrukturprojekte schultern, müsste es sich so stark verschulden, dass in wenigen Jahren die Finanzmarktgeier über Kathmandu kreisen würden. Ohne die Zahlen zu kennen vermute ich, dass mehrere schweizer Firmen mehr Umsatz machen als das BIP von Nepal. Die Ungleichheit der ökonomischen Bedingungen ist kaum mehr vorstellbar. Möglicherweise würde eine solche Aktion nicht einmal den Ausschreibungsregeln unterliegen. Solidarität unter den zwei Flaggennonkonformisten!
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  • Kommentar von Christa Wüstner, Reinach
    Eine sehr kluge Entscheidung nach den vielen Misstönen der Schweiz gegenüber in den ersten Tagen. Ein sehr verständlicher und informativer Bericht. So kommt ein Hoffnungsschimmer auf, dass den Menschen wirklich geholfen wird, und nicht nur Hilfsgüter abgeladen werden, mit denen sie bei der Verteilung noch überfordert sind.
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