«‹NYTimes› ist Bindeglied zwischen Behörden und anderen Medien»

Rund um den Fifa-Korruptionsskandal spielen die Medien eine interessante Rolle. Die «New York Times» etwa publizierte die Namen der angeschuldigten Funktionäre, bevor sie öffentlich bekannt waren. Ausgesuchte Medien würden schon lange für die Zwecke der US-Behörden eingesetzt, sagt ein Journalist.

Ein Mann putzt die Buchstaben der NYT vor dem Eingang. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Weiss vorab mehr als viele andere Medien: Die NYT wird von den US-Behörden gezielt mit Informationen versorgt. Reuters

In der Veröffentlichung des Korruptionsskandals rund um die Fifa spielen die Medien eine interessante Rolle – allen vorab die «New York Times» (NYT). Die Zeitung war nicht nur ein weiteres Mal bei den Verhaftungen in Zürich vor Ort, sondern publizierte auch schnell die Namen der angeschuldigten Funktionäre genauso wie den Inhalt der Anschuldigungen.

Und das alles, bevor die Generalstaatsanwältin überhaupt vor die Medien getreten war. Daraus kann man schliessen, dass schon im Vorfeld Informationen aus dem Justizministerium geflossen sind.

«  FBI-Agenten bestätigten als Zeugen in Prozessen immer wieder, Medien gezielt mit Informationen zu versorgen, um ihrem Ziel näher zu kommen. »

SRF: Werden die US-Medien gezielt mit Informationen ausgestattet?

Walter Niederberger: Ja. Informationen gezielt zu streuen, gehört seit Langem zum Arsenal der amerikanischen Regierung. Das ist nichts Neues. Insbesondere gilt das auch für die Polizei- und Justizbehörden, die so oft auch die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung suchen. FBI-Agenten bestätigten als Zeugen in Prozessen immer wieder, Medien gezielt mit Informationen zu versorgen, um ihrem Ziel näher zu kommen. Das Weitergeben von Material, das noch nicht öffentlich ist, ist aber nicht legal. Aber es wird de facto eigentlich nie strafrechtlich geahndet.

Was waren andere Beispiele für diese «Daily Routine»?

Zusatzinhalt überspringen

Walter Niederberger

Walter Niederberger arbeitet seit vielen Jahren als Journalist, seit 1997 für den «Tagesanzeiger». Seit 2002 ist er Wirtschaftskorrespondent in den USA.

Beim Steuerstreit zwischen den USA und der Schweiz hatte die Justiz einige wenige, und immer die gleichen, Reporter in den USA vorab informiert: Darüber was passieren wird, was sie für Pläne hat, in welche Richtung die Untersuchungen gehen. Für die Behörden ist es einfacher, wenn sie nur einige wenige Reporter informieren müssen. Damit können sie sozusagen einen Grundteppich an Information legen. Sie wissen, dass wenn die «NYT» über den Fifa-Fall berichtet, alle anderen Medien diese Informationen übernehmen, weil sie davon ausgehen, dass diese Informationen Substanz haben und glaubwürdig sind. Die «NYT» ist sozusagen ein Bindeglied zwischen Regierung, Behörden und den anderen Medien.

Warum haben die Behörden ausgerechnet der «NYT» den Vorzug im Fall der Fifa gegeben?

Dabei spielt sicher auch die Effizienz eine Rolle. Die NYT verfügt über ein ausgewiesenes Team von Reportern, die schon seit einigen Monaten an dem Fall dran sind und selber sehr aktiv recherchieren. Es ist also nicht so, dass die Zeitung nur ein passiver Informationskanal wäre. Die Behörden können davon ausgehen, dass sie mit der «NYT» jemanden auf der Gegenseite haben, dem sie vertrauen und dem auch die anderen Medien glauben.

Sie nennen das Vertrauen. Man könnte auch etwas zugespitzt sagen, dass es eine Art Verbrüderung ist, die zwischen den Behörden und der «NYT» herrscht.

Verbandelung der US-Behörden mit den Medien

8:07 min, aus SRF 4 News aktuell vom 04.12.2015

Ja und das ist teilweise bedenklich, vor allem, wenn es um spektakuläre Strafprozesse geht. Erinnern wir uns an den Prozess gegen Michael Jackson wegen Kindsmissbrauchs oden denjenigen gegen O.J. Simpson. Diese beiden Prozesse wurden zum grossen Teil auch dadurch geprägt, dass die Medien diese beiden Täter vor allem als Berühmtheiten dargestellt haben. Das hat auch die Geschworenen beeinflusst. Insofern stellt sich die Frage, wie weit sich welche Medien in welche Position begeben.

Also gibt es eine Art «Common Understanding» zwischen Behörden und Zeitung: Was wäre, wenn es bei diesem Verfahren in Sachen Fifa zu Unsauberkeiten oder zu Behördenfehlern käme? Würde dann die «NYT» die Behörden mit Samthandschuhen anfassen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die «NYT» in dieser Hinsicht nachsichtig wäre. Die Zeitung hätte einen guten Ruf zu verlieren. Es ist auch so, dass sie eine ziemlich strikte Trennung zwischen der Berichterstattung, der Recherche und der Kommentierung hat und durch unterschiedliche Redaktionen wahrgenommen wird, die sich ziemlich gut voneinander abgrenzen.

Wie beurteilen Sie die Folgen dieser Zusammenarbeit – gerade auch, wenn sie das mit den Schweizer Verhältnissen vergleichen?

Medien werden, vor allem auch durch die Fernsehnachrichtensender, angetrieben. In Folge gibt es einen immer grösseren schneller werdenden Medienzirkus, der auch die Grenzen zur Privatsphäre verwischt. Es ist erstaunlich, dass man etwa im aktuellen Fall zum Massaker in San Bernadino sehr viel über die Opfer der Schiesserei weiss, aber sehr wenig über die Täter. Die Opfer werden nicht geschützt, Namen und Bilder von ihnen zirkulieren in den Medien. Diese Verwischung zwischen Öffentlichem und Privatem findet in den USA immer mehr statt. Das erachte ich als wesentlicher Unterschied gegenüber dem, was in Europa oder auch der Schweiz passiert.

Wird die New York Times auch weiterhin mit Enthüllungen rund um die Fifa auftrumpfen?

Ich wäre nicht überrascht, weil die Zeitung sehr gute Reporter auf den Fall angesetzt hat. Die wurden auch nach Zürich eingeflogen, als man wusste, dass dort irgendetwas passiert. Interessant ist, dass der Korruptionsskandal rund um die Fifa bereits seit zehn Jahren bekannt ist. Damals hat ein englischer Reporter den Fall aufgedeckt. Die Frage ist, warum die Justiz so lange brauchte, bis sie überhaupt tätig wurde, um diesen Korruptionsring zu knacken.