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Niemand weiss, ob da nicht noch mehr kommt
Aus HeuteMorgen vom 05.11.2019.
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Ölpest in Brasilien «Das Öl wird in Klumpen an den Strand geschwemmt»

Seit drei Monaten werden an Brasiliens Nordostküste Ölklumpen angeschwemmt. Ursache: unklar. Umweltverbände und die lokale Bevölkerung werfen der Regierung Untätigkeit und Versagen vor.

Am Wochenende nun hat sich Präsident Jair Bolsonaro immerhin alarmiert über die Ölpest gezeigt. Damit mache Bolsonaro aber vor allem Politik, sagt SRF-Korrespondent Ulrich Achermann.

Ulrich Achermann

Ulrich Achermann

Südamerika-Korrespondent, SRF

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Ulrich Achermann ist seit 2003 SRF-Korrespondent und berichtet über alle Länder Südamerikas. Er lebt in Santiago de Chile.

SRF News: Was weiss man inzwischen über die Ölkatastrophe?

Ulrich Achermann: Immer noch viel zu wenig. Morphologische Tests haben ergeben, dass es sich um venezolanisches Öl handeln muss. Dieses ist besonders schwer, zähflüssig und enthält viel Schwefel.

Es ist völlig unklar, wie viel Öl ausgelaufen ist.

Die brasilianische Regierung macht einen griechischen Tanker für die Ölpest verantwortlich, was die betroffene Reederei zurückweist. Völlig unklar ist, wie viel Öl ausgelaufen ist und ob davon noch mehr an die Küste angeschwemmt werden wird. Jetzt hat Präsident Bolsonaro die Sache zur Staatsaffäre gemacht und gesagt, das Schlimmste komme noch.

Riesiges Küstengebiet betroffen

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Riesiges Küstengebiet betroffen

Von der Ölpest sind ein 2250 Kilometer langer Küstenabschnitt und über 200 Ortschaften im Nordosten Brasiliens betroffen. Vor drei Monaten wurden dort erstmals Ölklumpen angeschwemmt. Einwohner des Feriengebiets mit seinen teils paradiesischen Stränden machten sich in der Folge selber mit leichtem Gerät an die Säuberung der Küste. Die Behörden dagegen reagierten kaum und erst nach Wochen. Inzwischen beteiligt sich auch die Armee am Einsammeln der Ölklumpen. Ihren Angaben zufolge wurden bislang mehr als 1000 Tonnen Ölrückstände eingesammelt. (sda)

Experten sprechen von der bislang schwersten Umweltkatastrophe im Nordosten Brasiliens. Was weiss man über das Ausmass der Verschmutzung?

Nur wenig. So ist ungewiss, ob das Schlimmste schon vorbei ist. Auch sind die Auswirkungen auf Flora und Fauna unklar, bislang wurden einige ölverschmierte Schildkröten gesichtet. Die Ölpest stellt sich anders dar als andere Ölverschmutzungen im Meer.

Von der Ölverschmutzung sind beliebte Badestrände betroffen.

So ist kein Ölteppich auf der Wasseroberfläche zu sehen, das Öl wird in Klumpen an den Strand geschwemmt. Dort müssen sie von Hand oder mit Werkzeugen entfernt werden. Die ansässigen Leute sind verunsichert, denn betroffen sind beliebte Touristen- und Badestrände. Angesichts der anstehenden Sommersaison befürchten sie, dass das Tourismusgeschäft einbrechen könnte.

Stimmen die Vorwürfe von Umweltorganisationen, die Regierung habe gegen die Ölpest bislang nichts unternommen?

Es sind immerhin rund 3000 Soldaten im Einsatz – allerdings in einem betroffenen Küstenabschnitt, der mehr als 2000 Kilometer lang ist. Auch die Kriegsmarine ist mit Helikoptern und Flugzeugen in der Luft, um das Ausmass der Verschmutzung abzuschätzen. Insgesamt allerdings ist der Aufwand bescheiden, den die Regierung betreibt. Dies vor allem auch angesichts der neusten Warnung Bolsonaros, das Schlimmste sei noch nicht ausgestanden.

Bolsonaro spricht und gestikuliert.
Legende: Bolsonaro liess sich zu der Ölpest monatelang nicht vernehmen. Reuters

Wieso macht Bolsonaro die Ölpest erst jetzt zur Staatssaffäre?

Bei Bolsonaro ist nie so ganz klar, was er warum macht. Er hat für seine Prophezeiung, das Schlimmste komme erst noch, auch keine Quelle angegeben. Möglicherweise verfügt er tatsächlich über mehr Informationen als die Öffentlichkeit. Doch womöglich kommt dem politisch sehr weit rechts stehenden Bolsonaro auch bloss gelegen, dass er mit der Ölpest auf Venezuela schiessen und die bösen Kommunisten für die Ölpest verantwortlich machen kann.

Die Bevölkerung in der betroffenen Region wählt links – das passt Bolsonaro natürlich nicht.

Macht Bolsonaro mit der Ölkatastrophe also Politik?

Ja. Er braucht die Ölpest einerseits als Speerspitze gegen die verhasste Regierung Venezuelas, aber auch gegen die im Nordosten Brasiliens ansässige Bevölkerung. Denn es ist die einzige Region, in der Bolsonaro bei der Präsidentenwahl nicht die Mehrheit der Stimmen erhalten hat. Die dortige Bevölkerung wählt weiterhin links. Das passt Bolsonaro natürlich nicht.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

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Über 2000 Kilometer Küste betroffen
Aus SRF News vom 04.11.2019.
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12 Kommentare

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  • Kommentar von Lothar Drack  (samSok)
    Statt zum Beispiel über politisch eher linke, rechte oder von mir aus ultrarechte Ölklumpen vor Brasiliens Küste und die Folgen dieser Ölpest für Natur und Mensch... unterhalten sich ein paar User in einer Kommentarspalte weiter unten munter über andere historische Aspekte. Spannende Aspekte und mitunter etwas überspannte Hypothesen, vor allem aber nur in weitesten Sinne zum Thema - ist selten, dass SRF sowas freischaltet (und dies ist mein 2. Anlauf, mein Lob zu platzieren).
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Raubbau an der Natur im Amazonas. Ausbeutung von Bodenschätzen. Bolsonaro, seit einem Jahr im Amt, ermuntert die illegalen Goldsucher und Holzfäller sogar dazu, sich schadlos zu halten; die Förderung von Tiefseeöl vor der brasilianischen Küste will er ebenfalls ausbauen. Die Folgen für Mensch und Natur sind verheerend? Brasilien leidet unter der Profitgier, mit der Präsident Bolsonaro die Zerstörung der Natur in Kauf nimmt. Die spektakuläre Ökodramen werden kaum noch wahrgenommen.
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Naturzerstörung in Brasilien. Ein neuer Goldrausch lockt zurzeit Zehntausende illegaler Goldsucher ins Amazonasgebiet. Selbst die rosafarbenen Flussdelfine, ein Symbol des Amazonas, sind mittlerweile mit Quecksilber verseucht, das die Goldsucher benutzen, um das Edelmetall vom Geröll zu trennen. Auf den riesigen Soja- und Maisplantagen im mittleren Westen des Landes verseuchen Pestizide Luft und Wasser, die in Europa zum Teil seit Jahrzehnten verboten sind. Brasiliens Natur wird total zerstört.
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