«Österreich handelt nicht viel anders als Ungarn»

Der Journalist Bernhard Odehnal beobachtet den Flüchtlingsstrom im Grenzgebiet zwischen Ungarn und Österreich. Die Menschen würden hier grosszügig versorgt, bevor sie nach Deutschland durchgewunken werden. Damit verstosse eigentlich auch Österreich gegen das Dublin-Abkommen, sagt der Journalist.

Flüchtlinge in Nickelsdorf Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Flüchtlinge besteigen einen Bus in Nickelsdorf. Keystone

Ungarn hat damit begonnen, mehrere tausend Flüchtlinge in Bussen an die Grenze zu Österreich zu fahren. Im Grenzort Nickelsdorf werden sie von Hilfsorganisationen und hilfsbereiten Österreichern empfangen, versorgt und weitergeleitet. Der Journalist Bernhard Odehnal befindet sich zurzeit in Nickelsdorf und beobachtet die Ankunft der Flüchtlinge.

SRF: Bernhard Odehnal, wie erleben Sie die Flüchtlinge?

Bernhard Odehnal: Die Menschen sind sehr erschöpft, aber sie sind sichtbar glücklich, dass sie Ungarn hinter sich haben. Jeder, mit dem man spricht, sagt immer nur «Hungary very bad, Hungary very bad».

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Bildlegende: Das kleine Nickelsdorf befindet sich an der Grenze zu Ungarn. SRF

Hier werden die Menschen gut versorgt. Die Österreicher sind sehr gut vorbereitet, es sind viele Leute des Roten Kreuzes und Ärzte da. Die Menschen werden erstversorgt, sie bekommen Wasser, Nahrung und Decken. Sie werden dann von der Grenzstation mit Bussen ins nahegelegene Nickelsdorf gebracht. Vom Bahnhof aus fahren dann Regelzüge und Sonderzüge der Österreichischen Bundesbahnen nach Wien, wo die Flüchtlinge die Möglichkeit haben, in die Züge nach Deutschland umzusteigen. Und es ist eigentlich klar: Alle, die hier sind, sagen «Germany, Germany»! Alle, die hier sind, wollen nach Deutschland. Die österreichische Polizei sagt, sie erwarte heute noch weitere 10'000 Menschen aus Ungarn.

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Bernhard Odehnal

Bernhard Odehnal ist Osteuropa-Korrespondent der Zeitung «Tages-Anzeiger». Er berichtet seit den 90er-Jahren für Medien in der Schweiz und in Österreich aus Osteuropa und den Balkan-Staaten.

Hat sich die Stimmung in Österreich verändert durch die Entwicklung der letzten Tage?

Ja, die Stimmung hat sich sehr verändert, es gehört jetzt zum gesunden Menschenverstand, dass man den Flüchtlingen helfen muss. Die Gegenstimmen oder die Angst, dass das Land überrannt wird, hört man überhaupt nicht mehr. Es herrscht eine grosse Hilfsbereitschaft. Man hat das Gefühl, dass alle bei dieser Hilfsaktion dabeisein wollen. Mittlerweile gibt es viel zu viele Lebensmittel und viel zu viel Wasser. Die Flüchtlinge können gar nicht so viel nehmen, es bleibt vieles liegen. Trotzdem kommen immer mehr Menschen, die etwas herantragen, jeder möchte irgendwie helfen.

Und Sie gehen davon aus, dass Ungarn den anhaltenden Flüchtlingsstrom nicht mehr blockieren wird und die Flüchtligne den Weg nach Österreich und nach Deutschland finden?

Das einzige, was wir aus Ungarn wissen von der österreichischen Polizei: Es warten ungefähr noch 100 bis 120 Busse an der Grenze. Doch alle Strassen sind verstopft oder versperrt, ein normaler Grenzverkehr ist nicht möglich. Es sieht aber schon so aus, als würden die Ungarn alle Leute über die Grenze bringen wollen. Die österreichische Polizei beklagt sich, dass es überhaupt keine Kooperatin mit den Ungarn gibt.

Was heisst das für die Flüchtlingspolitik in Österreich?

Eigentlich heisst das, dass das Dublin-Abkommen gestorben ist. Wobei die österreichische Politik immernoch so tut, als würde man sich daran halten. Der österreichische Kanzler sagte gestern, es sei eine Notsitutation, ausnahmsweise werde man die Regelung ausser Kraft setzen. Ich weiss nicht, wie die österreichische Politik weitermacht, wenn in den nächsten Tagen ebenfalls Flüchtlinge kommen.

Man muss sagen: In Wirklichkeit handeln die Österreicher nicht viel anders als die Ungarn, nach dem Motto «aus den Augen, aus dem Sinn». Sie sind natürlich bestrebt, alle Flüchtlinge nach Deutschland weiterzuleiten.

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