Anschlag in St. Petersburg «Oppositionspolitiker haben Angst vor mehr Restriktionen»

Wie ist die Stimmung in Russland zwei Tage nach dem Anschlag und welche politischen Konsequenzen drohen? Journalist Markus Sambale schätzt ein.

SRF News: Wie ist die Stimmung in St. Petersburg zwei Tage nach dem Anschlag?

Markus Sambale: Es kommt darauf an, wo man sich in der Stadt bewegt. Es ist hier in St. Petersburg ja eine dreitägige Staatstrauer angeordnet worden. Das heisst aber nicht, dass das Leben in der Stadt stillsteht oder dass sich alles verändert hätte. Wer mit der U-Bahn unterwegs ist, so meine Einschätzung, ist aufmerksamer oder hat dabei ein mulmiges Gefühl. Aber die U-Bahn ist voll. Die Menschen brauchen sie, um zur Arbeit zu kommen. In der Nähe der Station, wo der Anschlag passierte, ist die Stimmung natürlich sehr gedrückt. Es gibt zwei Gedenkstellen mit Kerzen und Blumen, die abgelegt wurden. Die Menschen bleiben stehen, halten inne. Manche weinen und lassen sich von anderen trösten.

Zusatzinhalt überspringen

Markus Sambale

Sambale ist Russland-Korrespondent der ARD. Er ist in dieser Funktion derzeit in St. Petersburg.

Nur ein paar Strassen weiter und in grossen Teilen der Fünf-Millionen-Stadt geht das Leben aber seinen normalen und geregelten Gang. Die Menschen wissen nun, dass sie verwundbar sind. In St. Petersburg hat es bislang ja keine grösseren Anschläge gegeben. Jetzt weiss man, man ist wie jede andere europäische Stadt ein mögliches Ziel. Insgesamt will man aber damit zurechtkommen, nach vorne schauen und sich nicht unterkriegen lassen.

Der Täter soll ein Kirgise mit russischem Pass sein, der bei dem Anschlag ums Leben kam. Weiss man dazu schon mehr, insbesondere über das Umfeld, in dem er radikalisiert wurde?

Viele Fragen sind noch offen. Die russischen Medien versuchen Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Es gibt Interviews mit Nachbarn und Angehörigen, die auch am Fernsehen gezeigt werden. Alle beschreiben den mutmasslichen Attentäter als einen besonnenen Mann. Er hat schon viele Jahre in St. Petersburg gelebt und soll sich in den letzten Monaten radikalisiert haben, möglicherweise nach einem kurzen Besuch in Kirgistan.

«  Was in diesem Fall der Hintergrund war, ist offen. Es gibt keinen Bekennerbrief. »

Die Region in Zentralasien ist dafür bekannt, dass es dort viele junge Leute gibt, die sich Extremisten anschliessen. Was in diesem Fall aber der Hintergrund war, ist offen. Es gibt keinen Bekennerbrief oder ein Video. Auch in der Wohnung des mutmasslichen Attentäters gibt es keine Hinweise, die darauf hindeuten, warum er die Tat begangen hat. Zumindest wurden bisher keine veröffentlicht. Man hat auch keinen weiteren Sprengstoff gefunden. Es gibt also noch viele Unklarheiten in diesem Fall.

Ist das Misstrauen gegenüber Personen aus Zentralasien gestiegen?

Ich glaube, das Misstrauen könnte wachsen. Es gibt hunderttausende Menschen aus Zentralasien oder dem Kaukasus, die in Russland als Gastarbeiter tätig sind und Geld nachhause schicken. In vielen Städten sieht man sie auf der Strasse und in der U-Bahn. Sie sind dem Rassismus von Russen, aber auch von der Polizei ausgesetzt. Viele dieser Gastarbeiter fühlen sich nun angesichts der Tatsache, dass ein Kirgise den Anschlag verübt haben soll, sicher noch mehr eingeschüchtert. Sie befürchten, dass sie allein durch ihre Herkunft oder ihr Aussehen noch mehr diskriminiert, kontrolliert und schikaniert werden. Diese Sorgen sind nicht unberechtigt.

 Präsident Putin legt am Anschlagsort Blumen nieder. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hielt politische Forderungen bisher zurück: Präsident Putin legt am Anschlagsort Blumen nieder. Keystone

Russland hat immer wieder Anschläge erlebt, auch islamistisch motivierte. Gibt es da politische Auswirkungen?

Präsident Putin hat sich am Tag des Anschlags geäussert, jedoch sehr zurückhaltend. Er hat nur sein Beileid ausgesprochen und angekündigt, dass die Tat aufgeklärt und den Angehörigen geholfen werde. Das war eine gemässigte Reaktion – auch im Vergleich zu anderen, ähnlichen Ereignissen. Seither hat sich Putin nicht mehr konkret geäussert.

Es gibt einige Forderungen – primär von konservativen Abgeordneten. Sie sagen, man müsse Gesetze verschärfen und die Kompetenzen der Geheimdienste weiter ausbauen. Das sind aber bisher eher Randstimmen. Es ist noch keine grosse Diskussion in Gang gekommen. Oppositionspolitiker befürchten aber, dass der Anschlag nun zum Anlass genommen wird, die Restriktionen weiter auszubauen. Und gegen jeden vorzugehen, der anderer Meinung ist. Momentan ist davon aber noch nichts zu spüren. Die Debatte der nächsten Tage wird zeigen, wie scharf die Konsequenzen sein werden.

Das Gespräch führte Lukas Mäder.

Der Anschlag in St. Petersburg

Am Montag explodierte in St. Petersburg ein Sprengsatz in einer U-Bahn nahe der Station Sennaja Ploschtschad. Die Explosion riss ein riesiges Loch in den Waggon. Mindestens 14 Menschen wurden beim Anschlag getötet, rund 50 verletzt. Eine zweite Bombe war in der U-Bahn-Station Ploschtschad Wosstanija platziert worden. Sie konnte aber von Sicherheitskräften unschädlich gemacht werden.

Die russischen Ermittler haben einen 22-jährigen Kirgisen als Attentäter identifiziert. Es soll sich dabei um einen Mann aus der früheren Sowjetrepublik mit russischem Pass handeln. Seine DNA-Spuren seien an zwei Bomben gefunden worden. Nach von der Agentur Interfax zitierten Medienberichten wurde er erst in diesem Jahr von einer islamistischen Organisation angeworben. Interfax beruft sich dabei auf eine nicht näher genannte Quelle. Der Mann kam beim Anschlag ums Leben.