Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

International Patriotische Bürger mit der Lizenz zum Schiessen

Nach dem Anschlag in Nizza will Frankreich vermehrt auf freiwillige «Hilfspolizisten» setzen. Diese teilweise ungeübten Reservisten unterstützen die regulären Sicherheitskräfte – uniformiert und bewaffnet notabene. Eine gefährliche Entwicklung, mahnt der Experte.

Der Appell kam unmittelbar nach dem Attentat in Nizza: Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve rief «alle patriotischen Franzosen» dazu auf, sich der sogenannten Operativen Reserve von Armee und Gendarmerie anzuschliessen. Jeder, der wolle, könne sich für diesen freiwilligen Sicherheitsdienst melden.

Aktuell dienen in Frankreich rund 180'000 Frauen und Männer als Reservisten. Der grösste Teil von ihnen sind ehemalige Armee- oder Polizeiangehörige. Darunter befinden sich allerdings auch 54'000 freiwillige Zivilisten – und geht es nach Meinung der Regierung, dürften es schon bald wesentlich mehr sein. Denn: «Solche Reservisten ermöglichen eine schnelle Mobilisierung», erklärte Cazeneuve.

Video
Die 22-jährige Marina ist Studentin – und Reservistin
Aus Tagesschau vom 17.07.2016.
abspielen

Ein Aufruf mit viel Symbolik

Überraschend kommt der Aufruf nicht, wie SRF-Mitarbeiter Rudolf Balmer sagt. «Man weiss in Frankreich seit Wochen, dass Polizei, Gendarmerie und auch die Armeeeinheiten völlig überlastet sind.» Sie stünden quasi rund um die Uhr im Einsatz, wie sich auch am Rande der Fussball-EM gezeigt habe. «Durch die Freiwilligen sollen diese professionellen Sicherheitskräfte entlastet werden.»

Allerdings, so gibt Balmer zu bedenken, habe der Appell wohl auch einen symbolischen Charakter. «Es ist eine Möglichkeit, der Nation zu signalisieren: Jeder kann mithelfen.»

Umstritten bleibt der Ruf nach «Hilfspolizisten» dennoch. Als Freiwilliger kann sich laut Angaben der Nationalen Gendarmerie jeder französische Staatsbürger melden, der zwischen 17 und 30 Jahre alt, «physisch und sittlich reif» ist sowie keine Vorstrafen hat. Während einer 13-tägigen Ausbildung werden die Betreffenden schliesslich an der Waffe, in Nahkampf-Techniken und Selbstverteidigung geschult. Mindestens 25 Tage pro Jahr sollen sie Dienst leisten.

Erst Schnellbleiche, dann Patrouille?

Eingesetzt werden die Freiwilligen nicht bloss im Fall nationaler Krisen, sondern auch bei Grossereignissen. «Die Reserve-Einheiten patrouillieren bereits jetzt uniformiert und mit der Waffe in der Hand auf den Strassen, in Bahnhöfen, auf Flugplätzen», sagt Balmer. Für den Durchschnittsbürger lässt sich also nicht erkennen, ob es sich um reguläre Polizisten oder womöglich um eigentliche Laien handelt. Zwar gebe es wohl eine Trennung bei der Zuteilung der Aufgaben, ansonsten sei jedoch kein Unterschied auszumachen. Und: «Im Notfall wären die Freiwilligen auch berechtigt zu schiessen.»

Audio
«Auch die Reservisten tragen Waffen und dürfen im Notfall schiessen»
06:20 min, aus SRF 4 News aktuell vom 18.07.2016.
abspielen. Laufzeit 06:20 Minuten.

Nach einer Art Schnellbleiche bewaffnet auf Patrouille gehen? Für Max Hofmann, Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter, wäre dies hierzulande ein Ding der Unmöglichkeit.

Zum Glück, wie er betont. Es gehe ihm ganz bestimmt nicht um eine gewerkschaftliche Verteidigung seines Berufsstandes. «Doch nicht umsonst dauert die Polizeiausbildung bei uns im Durchschnitt 1,5 Jahre.» Die blosse Präsenz ungeübten Personals erhöhe die Sicherheit nicht – im Gegenteil. «Wo Polizei drauf steht, muss auch Polizei drin sein.» Unterstützung könne die Zivilbevölkerung auf andere Weise sinnvoller leisten: «Indem man Verdächtiges umgehend der Polizei meldet.»

Eine Nationalgarde als Ziel

Frankreichs Regierung reicht das jedenfalls nicht. Ihr erklärtes Ziel ist offenbar, die Reserve-Einheiten zu einer permanenten Kraft wachsen zu lassen. «Mittelfristig will man wohl eine Art Nationalgarde nach amerikanischem Vorbild etablieren», sagt SRF-Mitarbeiter Balmer. «Diese soll in der Öffentlichkeit möglichst präsent sein und damit die einheimische Bevölkerung wie auch ausländische Besucher beruhigen.»

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von Fritz Frei  (Fritz Frei)
    Als Islamist würde ich mich freuen, wenn ich Waffe, Munition und Uniform nicht mühevoll beschaffen müsste. Die Attentäter sind bekanntlich überwiegend eigene Staatsbürger mit "Wurzeln" in islamischen Ländern. Die müsste man wohl zum Reservedienst zulassen.
  • Kommentar von Margot Helmers  (Margot Helmers)
    In Australien wurde 2000 nach einem Amoklauf das Waffenrecht verschärft. Bereits ein Jahr später gab es mit dem strengeren Waffengesetz folgende Gewaltexplosion: Morde + 3,2 %, Gewalttätige Angriffe + 8,6 %, Bewaffnete Raubüberfälle + 44 %.
    1. Antwort von Sebastian Klaus  (sklaus)
      Irgendjemand verdreht hier die Warheit: http://m.srf.ch/news/international/wie-australien-die-amoklaeufe-gestoppt-hat
  • Kommentar von Christophe Bühler  ((Bühli))
    Ich kann mich dem Experten nur anschliessen, eine gefährliche Entwicklung welche zum Bürgerkrieg führen kann. Wo Polizei draufsteht soll auch Polizei drin sein. Strikte Grenzkontrollen und konsequente Integration mit Zielen und in letzter Konsequenz auch Aus/weisung/bürgerung kommen billiger.