Zum Inhalt springen

Header

Audio
Emilia Sercan entlarvt die schummelnde Elite Rumäniens
Aus Echo der Zeit vom 12.09.2019.
abspielen. Laufzeit 05:48 Minuten.
Inhalt

Plagiate-Epidemie in Rumänien Wenn der falsche Doktor mit dem Tod droht

In Rumänien ist das Erschleichen von Doktortiteln gang und gäbe. Wer dies ans Licht bringt, muss mit schwerwiegenden Folgen rechnen.

Es war um neun Uhr abends in einem Parkhaus, als auf dem Telefon von Emilia Sercan eine Textnachricht aufploppte: «Wir bringen dich um, wenn du weitermachst.» Schockiert wandte sich die Journalistin an die Polizei.

Nun ruft ihr Anwalt ständig an, weil bald der Prozess beginnt. Rumäniens Antikorruptionsbehörde hat herausgefunden, dass wohl ein Polizist hinter der Morddrohung steckt.

Er soll vom ehemaligen Rektor der Polizeiakademie dazu angestiftet worden sein. Sercan hatte in einem Artikel aufgezeigt, dass der Rektor in seiner Doktorarbeit Ideen anderer übernommen hatte, ohne diese zu zitieren. Seine Arbeit war ein Plagiat.

Den falschen Doktoren den Kampf angesagt

Vor der Journalistin ist kein falscher Doktor sicher, seit sie vor vier Jahren selbst eine Doktorarbeit schrieb. Thema: Zensur in den rumänischen Medien. Das sei hart gewesen. «Am Ende fiel ich fast in eine Depression.»

Dann bekam Rumänien einen neuen Regierungschef, einen Professor. «Bloss – der konnte sich auf Rumänisch nicht richtig ausdrücken», sagt Sercan. Und so einer hatte eine Doktorarbeit hingekriegt? Nachdem sie, die sprachlich und denkerisch Sattelfeste, sich mit ihrer eigenen Doktorarbeit so schwer getan hatte? Sercan fand heraus, dass die Arbeit des Professors abgeschrieben war. Der Mann blieb nicht lange Regierungschef.

Ein Doktortitel bringt Geld ein

Sercan widmete sich daraufhin weiteren Doktorarbeiten: Innenminister, Gesundheitsminister, Bildungsminister und viele weitere – die halbe rumänische Elite hatte bei der Doktorarbeit geschummelt. Zum Teil war alles Wort für Wort irgendwo abgeschrieben worden.

In Rumänien kommt mit dem Doktortitel nicht nur Prestige, es kommen auch Privilegien. «Doktor» auf der Visitenkarte heisst automatisch umgerechnet 250 Franken mehr Lohn pro Monat für Staatsangestellte, höchste Lohnstufe für Lehrer, Anwaltsdiplom ohne Prüfung für Juristinnen.

Diese Regelung sei ursprünglich gut gemeint gewesen, sagt Rodica Zafiu. Sie ist Professorin für Rumänisch an der ehrwürdigen Bukarester Universität – und Expertin für Plagiate. Auch sie hat einen ehemaligen Premierminister überführt: Victor Ponta hatte bei seiner Doktorarbeit geschummelt.

Victor Ponta.
Legende: Victor Ponta stolperte über seine Plagiats-Doktorarbeit. Der rumänische Premier musste 2015 zurücktreten. Reuters

Viele gekaufte Doktortitel

Im kommunistischen Rumänien habe kaum jemand studiert und doktoriert, sagt Zafiu. Durch die Privilegien für Doktoren habe das demokratische Rumänien später den Forschergeist fördern wollen. Blöderweise sei dabei vergessen gegangen, dass die Schule die Rumäninnen und Rumänen oft schlecht auf einen echten Doktortitel vorbereite, so die Professorin.

Deshalb bezahlten manche Studenten ihren Doktorvater dafür, dass dieser die Arbeit nicht so genau anschaue. Und manchmal sei Geld fürs Wegschauen gar nicht nötig: Viele Professoren betreuten heute so viele Doktorarbeiten, dass sie eh nicht alles lesen könnten.

So hat die Journalistin Sercan denn auch noch viel zu tun. Seit dem Ende des Kommunismus vor 30 Jahren seien in Rumänien 70’000 Doktorarbeiten geschrieben worden, sagt sie. Sie nehme an, dass davon 20’000 Plagiate seien. Das will Sercan nun überprüfen. Morddrohungen hin oder her.

Dem Plagiieren den Kampf angesagt

Die Dinge in Rumänien würden sich langsam zum Guten ändern, sagt Professorin Rodica Zafiu. So würden heute viele Universitäten mit dem Computer überprüfen, ob die Arbeiten ihrer Doktoranden echt seien. Viele Professoren brächten den Studierenden inzwischen zudem bei, was ein Plagiat sei und wie man es vermeide. Das sei auch der Journalistin Emilia Sercan zu verdanken, betont Zafiu. (nows)

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

34 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    In der Schweiz, dürfen "ÄrzteInnen"- egal in welchem Fachbereich - praktizieren, welche sich für diesen Beruf und den adäquaten Umgang mit Menschen/Patienten, Klienten, absolut nicht eignen, weder persönlich, noch charakterlich, fehlende Empathie und Umgangsformen! Leider gibt es noch immmer keine entsprechenden Tests in der Ausbildung!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
      Ich war frueher im Bildungswesen fuer Aerzte taetig und kann das absolut nicht bestaetigen... natuerlich gibt es ueberall "schwarze Schafe" aber im grossen Ganzen tun die CH Aerzte einen tollen Job.. und opfern fuer "ihre" Patiente viel von ihrer Freizeit! Arbeiten oft bis zum Umfallen!!!!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
      PS Dr ist ein Titel und meint nicht Arzt per se... Es kann ein Dr jur sein oder so.. oder Dr. hc...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Mohammad al-Swissri-Delavar  (mamaddelavar)
    Wie viele in der Schweiz nutzen einen Ghost Writer Dienst für deren arbeiten ? Mehr als man denkt und ein grosser Teil wird nicht aufgedeckt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Da haben Sie einen blinden Fleck getroffen, kein Wunder, kassieren Sie so viele Dislikes. Und zu betonen wäre noch, dass in CH weniger die Dissertationen (zum Dr.Titel nötig), aber schon BA/MAS-Arbeiten gerne mit fremder Hilfe bewerkstelligt werden. CH-Studis haben das Budget dafür. Neulich gab es sogar einen Doku darüber. Nach Publikwerden hat die Firma ihren Sitz nach DE verlegt. Aber pssst... das dürfen Sie in diesem Forum nicht verraten. Ist heikel...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Sie tun ja Beide so, als würde dies die Mehrheit der Abschlüsse betreffen. Betrüger gibt es in jedem System. Einen blinden Fleck kann ich auch nicht erkennen, gab es doch mehrere Artikel auf SRF und in vielen anderen Medien dazu.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von L. Leuenberger  (L.L.)
    Zum nachdenken: Wiki: "Gemäß Umfragen glauben 96 Prozent der Rumänen, dass Korruption zu den schwerwiegendsten Problemen im Land gehöre. Ein Drittel der Befragten konnte Beispiele für die Zahlung von eigenen Schmiergeldern in den letzten 12 Monaten angeben"....Rumänien lag 2017 im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International im weltweiten Vergleich auf Platz 59, gleichauf mit Griechenland, hinter Italien (54. Platz) aber vor Bulgarien (71. Platz).
    Ablehnen den Kommentar ablehnen