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Polen und der 2. Weltkrieg Das Blutvergiessen als Bühne für Heldentaten

Noch immer wird in Polen mit dem 2. Weltkrieg Politik gemacht – ein Museumsbesuch in Danzig zeigt dies eindrücklich.

«Dann kamen die Schutzpolizei und die SS», erzählt Alois Twardecki von dem Tag, als sie ihn seiner polnischen Mutter wegnahmen. Die Nazis wollten den Fünfjährigen germanisieren, ihn zu einem deutschen Jungen machen. Zehn Jahre lang, bis er 15 war, lebte Alois im Rheinland. Erst dann kam er zurück nach Polen. Und sorgte schon auf der Zugfahrt für einen Skandal.

Er sagte nämlich über einen polnischen Offizier: «Unsere deutschen Offiziere wären nie mit einer so dreckigen Uniform unterwegs.» Die Zugpassagiere hätten ihn lynchen wollen. Doch dann seien sie ganz still geworden, als sein Vater ihnen erklärte: «Das ist ein geraubter polnischer Junge.»

Legende: Im Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig ersetzte die nationalkonservative Regierung die ursprünglichen Ausstellungsmacher durch regierungsnahe Historiker. SRF/Roman Fillinger

Geschichten wie diese sind die Stärke des Danziger Museums. Die Ausstellung zoomt nahe ran ans Leben und Leiden der Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs. So wurde die Ausstellung konzipiert. Inzwischen hat die nationalkonservative Regierung jedoch eine neue Museumsleitung eingesetzt. Und die hat wichtige Akzente verschoben.

Wir wollen die wahren Dimensionen des polnischen Widerstands gegen die Nazis zeigen.
Autor: Grzegorz Berendt Direktor des Museums des Zweiten Weltkrieges

Vor einer Informationstafel über den polnischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten erklärt Grzegorz Berendt, der heutige Museumsdirektor: «Wir wollen die wahren Dimensionen des polnischen Widerstands gegen die Nazis zeigen.» Auf dieser Tafel sei nur von 30'000 Widerstandskämpfern die Rede gewesen. Von viel zu wenigen.

Der Vorwurf geht an Janusz Marszalec. Er war früher Vizedirektor des Museums und hat die Ausstellung konzipiert. «Wir zählten jene Leute, die tatsächlich mit der Waffe in der Hand gegen die Deutschen gekämpft hatten.»

Legende: Die neuen Verantwortlichen veränderten die Ausstellung so, dass polnische Heldentaten während des Zweiten Weltkriegs deutlich mehr Gewicht erhalten. So sehr, dass die früheren Ausstellungsmacher dagegen geklagt haben. SRF/Roman Fillinger

Die heutigen Ausstellungsmacher zählten alle, die den Widerstand in Polen irgendwie unterstützten, und hätten die Zahl so auf 400'000 aufgeblasen. «Sieht natürlich cooler aus», sagt der ehemalige Vizedirektor. Die Zahl sei aber nicht vergleichbar mit den Zahlen, die für die Widerstandskämpfer anderer Länder präsentiert werden und vermittle deshalb ein falsches Bild.

In den Augen von Marszalec dient die grössere Zahl polnischer Widerstandskämpfer vor allem dazu, den von der nationalkonservativen Regierung propagierten Heldenmythos zu pflegen. «Nach dem Motto: Wir mögen beim Autobau oder beim technischen Fortschritt nicht die ersten sein, dafür sind wir Polen bei Heldentum und Patriotismus führend.»

Legende: Schon vor dem Museum grüsst heute ein polnischer Held. Witold Pilecki, der sich ins KZ Auschwitz schmuggelte. SRF/Roman Fillinger

Marszalec ist überzeugt, dass die Änderungen im Museum des Zweiten Weltkriegs politisch motiviert sind – genauso wie der erzwungene Abgang von ihm und seinen Kollegen von der Gründungscrew des Museums vor vier Jahren.

Köpferollen im Kulturbereich

Klar sei dies teilweise eine politische Entscheidung gewesen, gibt der neue Direktor Berendt zu. Jede Regierung habe das Recht, die Leute auszuwählen, die staatliche Institutionen leiten. Was er nicht sagt: Die Nationalkonservativen haben gerade im Kulturbereich deutlich mehr Führungskräfte ausgetauscht als frühere polnische Regierungen.

Inzwischen stehen wir vor einer lebensgrossen Schwarzweiss-Fotografie: Eine Familie mit sechs Kindern. «Das ist die Ulma-Familie», sagt der heutige Museumsdirektor. «Polen, die Juden versteckten und dafür von den Deutschen ermordet wurden.»

Legende: Die Ulma-Familie wird präsentiert unter dem Titel «Die Polen im Angesicht des Holocausts». SRF/Roman Fillinger

Eine eindrückliche Geschichte. Aber der Titel sei völlig irreführend, kritisiert der frühere Vizedirektor: «Die Polen im Angesicht des Holocausts» steht über dem Bild. Der Mythos, dass die meisten Polen Juden retteten, sei einer der Pfeiler der nationalkonservativen polnischen Geschichtspolitik. Es gab Heldentaten, doch die grosse Mehrheit der Polen versteckte keine Juden.

Marszalec und andere Mitglieder der früheren Museumsleitung haben die heutige Führungscrew des Danziger Museums verklagt: Die Änderungen an der Ausstellung verletzten ihr geistiges Eigentum. Es sei absurd, zu sagen, dass er in seinem Museum nichts ändern dürfe, entgegnet der heutige Direktor. Ein erstes Gerichtsurteil gibt ihm weitgehend recht.

Heute will das Museum Jugendliche und Kinder auf einen Krieg vorbereiten. Früher war die Botschaft eine völlig andere: Krieg ist eine Katastrophe.
Autor: Janusz Marszalec Früherer Vizedirektor des Museums des Zweiten Weltkrieges

Die zusätzlichen Ausstellungsstücke über polnische Helden dürfen bleiben – ausser dem Film, der vorläufig noch den martialischen Schlusston der Ausstellung setzt: «Die Unbesiegbaren» heisst er und dreht sich um die polnische Widerstandskraft: «Wir setzen uns durch, weil wir nicht um Freiheit bitten, sondern für sie kämpfen.»

Krieg als Bühne für Heldentaten. «Heute will das Museum Jugendliche und Kinder auf einen Krieg vorbereiten», klagt Ex-Vizedirektor Marszalec. «Früher war die Botschaft eine völlig andere: Krieg ist eine Katastrophe.»

Für diese Botschaft wollen er und seine Mitstreiter vor Gericht weiterkämpfen – und gegen das heroische Geschichtsbild der polnischen Regierung.

Echo der Zeit, 26.08.2021, 18 Uhr

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46 Kommentare

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  • Kommentar von Maciek Luczynski  (Steine)
    Und natürlich wird nichts über Kollaborateure berichtet.
    Oder das Polen Juden an die Deutschen ausgeliefert haben.
    Der Antisemitismus wird bis heute bei den Nationalisten "gepflegt"
    Aber darüber welche Verbrechen Polen begangen haben, darf man heute nicht darüber reden.
    Da sind die Nationalisten sowohl bei den Polen wie auch den Russen gleich.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Ein mieser Klatsch von Rechtsnationalisten! Diese sind leider in Europa und den USA wie Pilze aus dem Boden geschossen….und verderben Friedensarbeit und den Ausbau von Sozialprojekten.
  • Kommentar von Witold Ming  (Ming-san)
    Weshalb darf ein neuer Direktor in einem Museum nicht Helden portraitieren? Das ist ja genau was ein Widerstand auszeichnet... und alleweil spannender als historisch korrektes Quellenstudium. Was ist die Intention dieses Artikels?
    1. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Ähm Herr Ming, vielleicht geht es auch um die Facetten des Geschehenen? Es gibt kein Land in dem nur (Kriegs-)Helden gelebt haben oder leben. Vielleicht sollten Sie sich im Fall Polens in die Geschichte einlesen. Eine einseitige Darstellung sehe ich als Zündstoff für kommende Generationen. Warum sollte Unangenehmes nicht erwähnt werden? Schmälert das die Tat der wirklichen Helden oder Heldinnen? Ich meine nein, eher das Gegenteil.
    2. Antwort von Witold Ming  (Ming-san)
      @Herr Meyer: Als geschichtlich interessierter Enkel eines polnischen Widerstandkämpfers frage ich mich schon wie Sie zu Ihrem Kommentar kommen. Wer sagt denn, dass die Geschichte jetzt einseitig dargestellt würde? Waren Sie im Museum?
    3. Antwort von Drago Stanic  (Azra)
      Ming san wüsste gar nicht, dass Polen ein Wiederstandkampf hatten? Ausgenommen Warschaw Ghetto.
    4. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Herr Ming, Zwischen Ihren Zeilen steht nirgends, sie seien der Enkel eines polnischen Widerstandskämpfers, somit kann ich es auch nicht erraten. Gemäss Herr Marszalec ist die Ausstellung einseitiger geworden. Nicht umsonst sind die Mitglieder der früheren Museumsleitung vor Gericht gezogen. Niemand hat Interesse die Taten polnischer Helden/Heldinnen zu verheimlichen. Es geht um korrekte Wiedergabe der Geschichte. Um positive und weniger positive Seiten. Warum sollte das nicht möglich sein?