Das Opfer: Noch vergangene Woche demonstrierte Robert Kusowkow (44) mit dem Pseudonym Semjon Skrepezki in Berlin vor Russlands Botschaft. Skrepezki lebte seit 2021 in Polen im Exil und war bekannt für provokative, humoristische Karikaturen von Wladimir Putin, Josef Stalin oder Alexander Lukaschenko. Trotz Drohungen gegen seine Person lehnte er laut polnischen Behörden Polizeischutz ab. Am vergangenen Montag wurde Skrepezki am helllichten Tag im Osten Polens in der Kleinstadt Biala Podlaska mit fünf Schüssen aus nächster Nähe getötet.
Die Ermittlungen: Die polnische Polizei nahm zwei Männer aus Belarus vorübergehend fest, es gab aber keinen Tatverdacht gegen sie. Am Donnerstag gab es eine weitere Festnahme aufgrund von Monitoringaufnahmen vom Ort und der Analyse von Telefongesprächen: die eines 36-jährigen Mannes mit einem dubiosen georgischen Pass. Offenbar hat der Mann eine kriminelle Vergangenheit und steht womöglich in Zusammenhang mit einer ähnlichen Sabotage aus dem Jahr 2022. Es sei ein bekanntes Vorgehen ausländischer Dienste, Kriminelle als Wegwerf-Agenten für Aufträge anzuwerben, sagte der polnische Geheimdienstkoordinator Tomasz Siemoniak.
Der Verdacht: Die Führung in Warschau hat den Verdacht eines aus Russland gesteuerten Anschlags. «In Polen wäre das der erste politisch motivierte Mord im Auftrag eines ausländischen Staates», sagte Ministerpräsident Donald Tusk in Brüssel. Schon vorher hatte er von möglichem Staatsterrorismus gesprochen. Falls dies im Auftrag Russlands begangen worden sein sollte, gehe es um einen schwerwiegenden Vorfall von internationaler Tragweite.
Die Auswirkung auf die Sicherheit: In den über vier Jahren des Moskauer Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich die Sicherheitslage in Polen verschärft. Polen sichert die Ostflanke von EU und Nato, es unterstützt die Ukraine und ist Drehscheibe der internationalen Militärhilfe für Kiew. Für Menschen in Polen verstärkt sich das Gefühl, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine immer weiter in ihr Land vordringt.
«An der hundert Kilometer langen Grenze zu Belarus hat Polen in den vergangenen Jahren einen grossen Zaun errichtet», sagt der polnische Journalist Jana Pilker. Erstes Ziel davon sei, die illegale Migration einzudämmen. «Aber natürlich geht es auch darum, dass das mit dem Kreml verbundene Belarus als feindlicher Staat angesehen wird», so Pilker.
Gefahr für Exilanten: Polnische Experten sehen den Mord an Skrepezki als Drohung gegen Moskau-kritische Exilanten. Laut Journalist Jana Pilker verfolgt die russische Staatsmacht solche humoristische Kritik offenbar noch stärker als klare politische Statements. Nicht nur mehr als eine Million Ukrainerinnen und Ukrainer, sondern auch Zehntausende Belarussen und viele Russen haben in Polen Zuflucht gefunden. Sollte sich Moskaus Hand hinter dem Anschlag bestätigen, «besteht die Gefahr, dass solche Angriffe auch Bürger von Nato-Staaten treffen, die Putin kritisch gegenüberstehen oder sich für die Ukraine engagieren», sagte der Sicherheitsexperte Jacek Raubo von der Universität Poznan. Moskau versuche, das Sicherheitsgefühl in den europäischen Staaten zu untergraben.