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Politisches Beben vor der Wahl Neuseeland im «Jacinda»-Fieber

Ein Wahlsieg der Regierungspartei schien perfekt. Dann kam Jacinda Ardern. Was macht sie besser als Premier English? Antworten von Korrespondent Urs Wälterlin.

Legende: Audio «Ardern scheint das Volk ernst zu nehmen» abspielen.
5:27 min, aus SRF 4 News aktuell vom 22.09.2017.
  • Am Wochenende wählt Neuseeland ein neues Parlament.
  • Noch Ende Juli hatte alles nach einem klaren Erfolg für die regierenden Konservativen mit Premierminister Bill English ausgesehen.
  • Dann wechselte Labour überraschend den bisherigen Parteichef und Spitzenkandidaten aus.
  • Die bisher kaum bekannte Jacinda Ardern trat an seine Stelle und legte eine fulminante Aufholjagd hin.
  • Letzte Umfragewerte sagen der 37-Jährigen sogar einen möglichen Sieg voraus.
Porträtaufnahme Wälterlins.
Legende: Urs Wälterlin arbeitet seit 2003 als Ozeanien-Korrespondent von Radio SRF. Er lebt seit 25 Jahren in Australien. SRF

SRF News: Warum sind die Neuseeländerinnen und Neuseeländer so begeistert von Jacinca Ardern?

Urs Wälterlin: Zum einen weil sie jung ist und offen scheint. Sie hat aber auch einen guten politischen Instinkt. Wenn man sie im Umgang mit Leuten beobachtet, hat man den Eindruck, sie identifiziere sich ernsthaft mit den Problemen und Sorgen ihrer Wähler, und nicht nur oberflächlich. Sie scheint auch ehrlich nach Lösungen zu suchen.

Zum Erstaunen vieler fordert die Sozialdemokratin eine Reduktion der Einwanderung.

Was will Ardern in der neuseeländischen Politik ändern?

Mehrheitlich das, was man von einer Sozialdemokratin erwarten würde. Aber – und das mag viele erstaunen – sie fordert auch, die Zahl der Einwanderer zu reduzieren, und zwar um 30'000 der über 70'000 Menschen, die letztes Jahr neu nach Neuseeland gekommen sind. Grund für Arderns Position ist, dass es in Neuseeland dramatisch an Wohnraum fehlt. Immobilienpreise, etwa in Auckland oder Wellington, sind inzwischen so hoch, wie in den teuersten Städten der Welt. Vor allem junge Neuseeländer haben kaum mehr eine Chance, im Wohnungsmarkt Fuss zu fassen. Das frustriert natürlich viele.

Trotz florierender Wirtschaft wächst der Graben zwischen Arm und Reich. Das Leben ist teuer und der Lohn reicht kaum.

Das erstaunt, denn der Wirtschaft geht es gut. Was macht Regierungschef English falsch?

Die neuseeländische Wirtschaft wuchs im letzten Jahr um vier Prozent – bei einer Arbeitslosenrate von unter fünf Prozent und ohne Zeichen von Inflation. Die Exportindustrien, angeführt von Milchproduktion und Tourismus, laufen auf Hochtouren. Die Konservativen sagen deshalb: «Unserer Wirtschaft geht es doch so gut, warum wechseln?» Wer aber an der Oberfläche kratzt, sieht sehr rasch, dass auch in Neuseeland der Graben zwischen Arm und Reich wächst. Das Leben ist teuer und der Lohn reicht kaum.

Die Regierung war zu erfolgsverwöhnt, um zu sehen, dass sich der Wind dreht. Jetzt erhält sie die Rechnung.

Ardern macht also die Dinge richtig, die English falsch gemacht hat?

Man muss English zugestehen: Seit er vor nicht einmal einem Jahr die Nachfolge von Premier John Key antrat, hat er einen schweren Stand. Key war sicher charismatischer als English und weit über die Grenzen der Nationalpartei beliebt. Man muss aber auch sagen, dass die Regierung in den letzten Jahren gerade wegen dieser wirtschaftlichen Entwicklung erfolgsverwöhnt wurde. Sie nahm die oben erwähnten Probleme vielleicht zu wenig ernst, war zu arrogant, um zu sehen, dass sich der Wind dreht. Jetzt erhält sie die Rechnung.

Bei den Wahlen vom Samstag könnte es also zu einem Machtwechsel kommen?

Ja, mit Jacinda Ardern tritt eine Frau auf das politische Parkett, die das Volk ernst zu nehmen scheint. Daran hat es in den letzten Jahren in Neuseeland gefehlt. Als ehemalige Mitarbeiterin des britischen Ex-Premiers Tony Blair und der ehemaligen neuseeländischen Regierungschefin Helen Clark ist Ardern zwar Teil des politischen Establishments. Aber doch scheint sie frisch und anders zu sein. Allerdings hat ein sehr böser Kritiker jüngst gesagt: «Jacinda muss erst beweisen, dass sie mehr ist als Lippenstift an einem Schwein.»

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.