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Journalist: «Die Türkei glaubt, mehr Einfluss auf die EU zu haben als andersherum»
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.09.2020.
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Powerplay im Mittelmeer Journalist: «Eine Machtdemonstration der Türkei»

Seit Wochen streiten sich zwei Nato-Mitglieder: Griechenland beschuldigt die Türkei, vor griechischen Inseln illegal nach Erdgas zu suchen. Die Türkei stellt sich auf den Standpunkt, dass die Gewässer zum türkischen Festlandsockel gehören. Nun demonstriert die Türkei ihre Macht mit einer militärischen Übung. Was will sie damit erreichen?

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Journalist in der Türkei

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Thomas Seibert , Link öffnet in einem neuen Fensterist seit 1997 Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF.

SRF News: Warum hält die Türkei ein so grosses Manöver ausgerechnet jetzt ab?

Thomas Seibert: Das ist eine Machtdemonstration. Es ist zwar ein regelmässiges Manöver, aber es wird nun als politisches Signal Richtung Griechenland, Zypern und Europa benutzt. Dieses Signal soll aussagen: Die Türkei ist kampfbereit.

Befürchtet man in Ankara nicht, dass sich die EU einmischen könnte?

Bis jetzt nicht. Die türkische Führung ist einigermassen entspannt, was die Frage von möglichen EU-Sanktionen angeht. Sie ist sicher, dass sie am längeren Hebel sitzt, weil sie damit drohen kann, die Zusammenarbeit mit Europa in der Flüchtlingspolitik aufzukündigen. Das heisst, die Türkei glaubt, mehr Einfluss auf die EU zu haben als andersherum.

Will die Türkei Griechenland aus der Ägäis und dem Mittelmeer vertreiben?

Nein, das will sie nicht. Sie will vor allem erreichen, dass sie mit Griechenland direkt über diese ungeklärten Gebietsansprüche verhandeln kann. So sähe sich die Türkei im Vorteil, denn die Türkei ist nun mal viel grösser als Griechenland. Und deswegen will Griechenland das vermeiden.

Die türkische Führung beklagt, dass die griechischen Ansprüche völlig überzogen seien.

Griechenland versucht, die EU zur Hilfe zu rufen oder schlägt vor, zum internationalen Gerichtshof zu gehen. Und das genau will die Türkei wiederum nicht. Deswegen gehen die Vorwürfe hin und her.

Ist eine solche Machtdemonstration der richtige Weg?

Darüber kann man bestimmt diskutieren. Die Türkei stellt sich auf den Standpunkt, dass sie sich in diesem Fall verteidigen muss. Die türkische Führung beklagt immer wieder, dass die griechischen Ansprüche, besonders was die Inseln in der Ägäis und im Mittelmeer angeht, völlig überzogen seien und dass die Griechen versuchten, die Türkei vor der eigenen Küste quasi einzuschnüren, und das will man nicht hinnehmen.

Die Türkei hat kein besonderes Vertrauen in die Nato.

Befürchtet die Türkei, dass die Nato und auch die EU die Position Griechenlands einnehmen könnten?

Genau. Die Türkei sieht sich hier einer Front gegenüber. Sie hat ursprünglich versucht, mit einzelnen EU-Mitgliedern zu verhandeln. Es gab auch eine Vermittlungsaktion von Deutschland. Diese hat nichts gebracht. Die EU, wie gesagt, gilt in Ankara nicht als seriöser Vermittler. Die USA stehen ebenfalls auf der Seite von Griechenland und Zypern, und deswegen hat die Türkei auch kein besonders grosses Vertrauen in die Nato.

Das klingt nach einer verfahrenen Situation. Wie geht es weiter?

Man muss zumindest in den nächsten Wochen damit rechnen, dass dieses Hin- und Her und auch das Säbelrasseln im Mittelmeer weitergehen werden. An diesem Donnerstag treffen sich die EU-Mittelmeerländer zu einem Gipfel auf Korsika. Da wird die Forderung nach EU-Sanktionen gegen die Türkei noch einmal bekräftigt. Und Ende des Monats tritt dann der EU-Gipfel zusammen, der sich mit dieser Frage befassen soll.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

Video
Aus dem Archiv: Erdgaskonflikt in der Ägäis
Aus 10 vor 10 vom 14.08.2020.
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SRF 4 News, 07.09.2020; 06:15 Uhr;

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Es wäre an der Zeit, dass im Rahmen der EU ein Machtwort Richtung Ankara gesprochen würde. Stattdessen ist der einzige spürbare Gegenpol Paris, währenddem man sich in Berlin auf eine Vermittlerrolle konzentrieren wird. Der Beistandspakt der EU wirkt nicht. Tatsache ist, dass Griechenland bewiesen hat, dass es im Sinne Europas zu handeln bereit ist! Der Handlungsspielraum Erdogans ist klein, die türkische Wirtschaft ist im Abschwung und die Erpressung mit den Flüchtlingen funktioniert nicht!
  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Die Türkei glaubt mehr Einfluss auf die EU zu haben als andersherum". Traurig aber leider wahr. 1. Der Flüchtlingsdeal von Merkel. 2. Die militärische Stärke. 3. Die ideologische Gleichschaltung mit Russland. 4. Der "Kleinkrieg" Merkel - Trump. -- Erdogan darf leider tun und lassen was er will, solange Trump und Putin dies zulassen. Auch die übertriebenen Manöver vor Zypern.
  • Kommentar von Achim Frill  (Africola)
    Leider ist das korrekt. Die Türkei sitzt am längeren Hebel als die EU – aus Erfahrung. Denn Erdogan weiss, dass der Brüsseler Club ein zahnloses Monster ist, das nur einen Weg im Umgang mit Problemen kennt: aussitzen. Von der EU kann man tatsächlich nichts erwarten, weder diplomatisch noch militärisch noch wirtschaftlich. Ich glaube, die Schweiz sollte sich dringend als Vermittler anbieten.
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Die Türkei Erdogans steht wirtschaftlich nicht gut da. Mit dieser Machtdemonstration versucht Erdogan davon abzulenken.
    2. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Achim Frill: Einverstanden, aber nur, wenn die Schweizer Regierung Erdogan klar macht, dass der Vertrag von Lausanne von 1923 nicht mehr nachverhandelt wird. Bereits in diesem Vertrag verlor Griechenland alle Gebiete an der türkischen Mittelmeerküste, die heute Ferienparadiese sind. Dort lebten Griechen seit Jahrtausenden. Sie wurden dann nach 1923 zwangsweise umgesiedelt. Damit sollte jetzt Schluss sein und Erdogan soll Ruhe geben.