Im Stadion von Kücük Kaymakli im Norden von Nikosia wirkt alles wie in einer normalen Fussballmeisterschaft. Und doch sei hier vieles frustrierend anders, sagen Mehmet und Kayra, während sie das Spiel der ersten Mannschaft ihres Clubs verfolgen.
«Zum Beispiel kommen keine Talentspäher zu uns», beklagen die beiden sechzehnjährigen Junioren. Auch können sich die bestplatzierten Clubs der Meisterschaft nicht mit Teams aus anderen Ländern messen. Nordzypern bleibt von internationalen Wettkämpfen ausgesperrt.
Ein neuer Anlauf gegen das Sportembargo
Der Präsident des nordzyprischen Fussballverbands kämpft schon seit mehr als einem Jahrzehnt gegen das Sportembargo. Vergebens. Nun will Hasan Sertoglu einen neuen Anlauf nehmen. Es gehe ja nicht gleich um die Teilnahme an der Fussballweltmeisterschaft, «aber man könnte mal mit Freundschaftsspielen beginnen – wer sollte daran Schaden nehmen?» Sertoglu glaubt, das politische Klima dafür sei günstiger geworden.
Die «Türkische Republik Nordzypern» sei kein Staat, sondern lediglich ein von der türkischen Armee besetztes Territorium – so argumentiert der griechisch-zyprische Inselteil. Als «Republik Zypern» ist der Süden international anerkannt, ausserdem Mitgliedstaat der Europäischen Union. Nordzypern dagegen ist isoliert und abhängig von der Türkei.
Bezahlt wird mit türkischer Lira, telefoniert mit türkischer SIM-Karte. Geschäfte, Banken und Versicherungen aus der Türkei prägen das Strassenbild im Norden von Nikosia, der geteilten Hauptstadt. Dass die türkische Armee 1974 in Zypern einmarschierte, wird hier auf Denkmälern als «Friedensoperation» dargestellt.
Die Türkei kam als «Schutzmacht», doch sie hat sich ausgebreitet und in Nordzypern ein Territorium mehr und mehr nach ihrem Zuschnitt geschaffen.
Nordzypern am Tropf der Türkei
Über eine Wiedervereinigung von Zypern wird seit einem halben Jahrhundert diskutiert. Bisher sind alle Anläufe gescheitert.
Die Pufferzone zwischen beiden Inselteilen wird noch immer von Blauhelmen der UNO kontrolliert. Mitten in dieser Sperrzone liegt auch der internationale Flughafen von Nikosia. Er ist zum Symbol der Teilung geworden.
Längst haben der Süden und der Norden je eigene Flughäfen. Wobei der Personen- und der Warenverkehr von Nordzypern aus via Türkei abgewickelt werden müssen. Denn die «Türkische Republik Nordzypern» ist auch in der Luft- und Schifffahrt international nicht anerkannt.
Der Geisterflughafen von Nikosia
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Bild 1 von 4. Das neue Terminal des internationalen Flughafens wurde 1968 eröffnet. Doch der Flughafen geriet 1974 direkt in die Schusslinie. Bildquelle: SRF / Philipp Scholkmann.
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Bild 2 von 4. Auf dem Vorfeld steht noch ein Passagierjet mit abgebrochenem Flügel, ausgeschlachtetem Cockpit und Einschusslöchern am Rumpf. Bildquelle: SRF / Philipp Scholkmann.
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Bild 3 von 4. Es gab den Vorschlag, aus dem Geisterflughafen eine Stätte der Versöhnung zu machen, sagt UNO-Sprecher Aleem Siddique. Doch dafür müsste es erst eine Versöhnung geben. Bildquelle: SRF / Philipp Scholkmann.
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Bild 4 von 4. Durch vergitterte Fenster kann man in die Abflughalle spähen, damals topmoderne Architektur. Bildquelle: SRF / Philipp Scholkmann.
Stattdessen hängt Nordzypern am Tropf der Türkei, auch finanziell. Was gut ist für den «De facto»-Staat mit seiner Bevölkerung von einer halben Million Menschen, darüber wird massgeblich in der türkischen Hauptstadt entschieden, nach Prioritäten, die der türkische Präsident Erdogan definiert.
Doch eine Mehrheit der nordzyprischen Bevölkerung möchte nicht erdrückt werden in der Umarmung durch diese «Schutzmacht». So lässt sich das Resultat der letzten Präsidentschaftswahlen interpretieren.
Politische Wende?
Die Wahlen endeten im Oktober mit einer Ohrfeige für die politische Rechte. Der Populist Ersin Tatar, der stramm auf Linie des türkischen Präsidenten Erdogan politisierte, verlor überraschend deutlich. Der Wahlsieger, Tufan Erhürman, will den Faden des Dialogs mit dem Süden wieder aufnehmen. Das Fernziel: ein Bundesstaat Zypern, in dem beide Volksgruppen zu ihrem Recht kommen. Offen ist, wie viel Spielraum die Türkei ihm dafür lässt.
Aber auch der Süden der Insel zeigte wenig Eile bei der Versöhnung. «Der Präsident der Republik Zypern, Nikos Christodoulidis, nimmt formal sehr moderate Positionen ein, aber eigentlich ist er ein Hardliner in der Zypernfrage. Er war 2017 am Scheitern der letzten Gespräche beteiligt», ruft Hubert Faustmann in Erinnerung, Professor an der Universität Nikosia und Leiter des dortigen Büros der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung.
Der Süden hat bereits 2004 ein grosses Ziel erreicht: die Mitgliedschaft in der Europäische Union als alleiniger Repräsentant der gesamten Insel. Das europäische Regelwerk ist aus Sicht Brüssels im Norden einfach «ausgesetzt», solange dieser nicht beigetreten ist.
Gut fünfzig Jahre nach der «Friedensoperation» sind noch immer 30'000 türkische Soldaten in Nordzypern stationiert. Die Türkei macht keinerlei Anstalten, daran etwas zu ändern. Auch die Republik Zypern im Süden rüstet auf und stärkt die militärische Zusammenarbeit mit Griechenland und Israel zur Verteidigung von Gasfeldern und Pipelines im Mittelmeer.
«Wohlfühlort für organisierte Kriminalität»
Zur Hypothek wird zunehmend die nordzyprische Wirtschaft: In seiner Aussenseiterposition hat sich der «Ministaat» spezialisiert aufs Geschäft mit Hochschulabschlüssen unterschiedlichster Qualität und lockt mit Casinotourismus. Auch schiessen an der Küste Feriensiedlungen aus dem Boden – in einem Tempo, das sich nicht allein mit dem spektakulären Meeresblick erklären lässt. Der Zypernexperte Hubert Faustmann sagt ohne Umschweife: «Nordzypern ist ein Geldwäscheparadies und ein Wohlfühlort für organisierte Kriminalität.»
Immerhin, vor Weihnachten trafen sich die Präsidenten zur ersten Tuchfühlung von Norden und Süden seit Jahren. Nun findet ein weiteres Treffen statt. Doch niemand erwartet den Durchbruch.