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«Wenn Serben in Albanien Ferien machen, werden Vorurteile abgebaut»
Aus SRF 4 News aktuell vom 30.07.2021.
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Projekt «Open Balkan» Drei Balkanländer schaffen Grenzkontrollen ab

Serbien, Nordmazedonien und Albanien heben die Kontrollen an den gemeinsamen Grenzen auf. Das haben Albaniens Ministerpräsident Edi Rama, sein nordmazedonischer Kollege Zoran Zaev und Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vucic am Donnerstag in Skopje beschlossen. Die Grenzöffnung gilt ab 2023 und betrifft zunächst nur den Personenverkehr. In einem weiteren Schritt wollen die Länder ihre Arbeitsmärkte öffnen und den Aussenhandel erleichtern. Adelheid Wölfl, Südosteuropa-Korrespondentin für die Zeitung «Der Standard», bewertet dies positiv.

Adelheid Wölfl

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Adelheid Wölfl ist Südosteuropa-Korrespondentin der österreichischen Tageszeitung «Der Standard».

SRF News: Was erhoffen sich die drei Länder von der Grenzöffnung?

Adelheid Wölfl: Die Bürgerinnen und Bürger in Südosteuropa möchten genauso frei reisen können wie jene in der EU. Das ist sehr populär. Und es geht den Politikern darum, mehr Freiheiten zu gewähren. In Nordmazedonien ist zum Beispiel ein Viertel der Bevölkerung albanisch. Die Beziehung zu den Albanerinnen und Albanern ist deshalb wichtig. Es geht um einen gemeinsamen kulturellen, sprachlichen Raum. Ähnliches gilt auch für Nordmazedonien und Serbien. Zwischen diesen Ländern gab es bereits zu Zeiten Jugoslawiens keine Grenzkontrollen. Das heisst, es wäre wieder ein Schritt zurück in diese Zeit.

Bei dem Projekt ‹Open Balkan› geht es auch um die gegenseitige Anerkennung von Diplomen und einen Binnenmarkt.
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Die Autobahnverbindungen im Westbalkan sind verbessert worden. Auch die Roaming-Gebühren wurden gesenkt. Das sind alles positive Zeichen. Bei dem Projekt «Open Balkan» geht es aber auch um die Anerkennung von Diplomen und einen Binnenmarkt. Das wird jedoch schwierig, denn dazu bräuchte es eine Zollunion, und die ist viel schwerer zu erreichen.

Legende: Serbens Präsident Aleksandar Vucic (l.), Albaniens Premier Edi Rama (r.) und Nordmazedoniens Premier Zoran Zaev. Keystone

Kann man sagen, dass sich die Politik der Alltagsrealität der Menschen anpasst?

Ja, man profitiert davon, wenn man etwa in Südserbien lebt und ohne Aufwand zum Markt nach Kumanovo in Nordmazedonien fahren kann. Aber es geht auch um ein positives politisches Zeichen. Denn zwischen Serbien und Albanien gab es jahrzehntelang gar keine Beziehungen. Erst in den letzten Jahren hat man diese wieder aufgenommen. Heute gibt es zum Beispiel ein Jugendwerk aller sechs Westbalkanstaaten. Dessen Sitz ist in Albaniens Hauptstadt Tirana und der Leiter ist ein Serbe. Da ist Bewegung drin und es ist sehr positiv, wenn auch Leute aus Serbien in Albanien Ferien machen, weil dadurch auch Vorurteile abgebaut werden.

Die Länder wollen künftig auch wirtschaftlich enger kooperieren. Wie wichtig ist das?

Sehr, denn das Bruttoinlandprodukt aller sechs Westbalkanstaaten macht weniger als ein Prozent des Bruttoinlandprodukts der EU aus. Sie sind wirtschaftlich komplett abgehängt und man ist bisher daran gescheitert, die regionale Kooperation zu verbessern. Deshalb sind solche Erleichterungen gut für die Wirtschaft. Aber noch effektiver wäre ein Beitritt zur EU-Zollunion.

Serbien, Albanien und Nordmazedonien wollen in die EU. Die Kandidaturen kommen aber nicht voran. Welches Signal will man mit dieser Initiative an die EU senden?

Dass man bereit ist, zusammenzuarbeiten. Drei Staaten wollen jedoch nicht mitmachen: Kosovo, Montenegro und Bosnien-Herzegowina. Das ist verständlich, da Serbien den Kosovo nach wie vor nicht anerkennt. Das bleibt irgendwie eine offene Wunde auf dem Balkan. Es wäre also wichtig, auch in dieser Richtung vermehrt politisch zusammenzuarbeiten. Es herrscht eine regionale Feindseligkeit. Die drei Staaten, die sich jetzt geeinigt haben, hatten aber immer am wenigsten Konflikte politischer Natur miteinander. Deswegen war das so leicht möglich.

Das Gespräch führte Raphael Günther.

SRF 4 News, 30.07.2021, 06:15 Uhr;

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Finde ich eine gute Entwicklung. Ein zartes Pflänzchen, das hoffentlich zu spriessen beginnt und kontinuierlich wächst. Sind es doch die Menschen im Alltag, die wissen wie miteinander umgehen. Politiker*innen haben immer wieder das Problem, dass sie sich profilieren müssen und dementsprechend die Bevölkerung anstacheln. Ich wünsche den Balkanländern eine Entwicklung Richtung Toleranz, Frieden und wirtschaftlichem Erfolg.
  • Kommentar von Matt Frei  (sense against mainstream)
    "Alles offen .. wir schaffen das!" (Mutti aka Merkel)
    1. Antwort von Falco Kirschbein  (GrafKrolock)
      Der Schengen-Raum ist älter als Merkels Kanzlerschaft, und das ehemalige Jugoslawien erst recht.
      Es spricht absolut nichts gegen offene Grenzen auf dem Balkan.
    2. Antwort von Daniel Häberlin  (Svensk)
      Reisefreiheit ist ja noch nicht gleich Personenfreizügigkeit. Und letzten Endes sollen ja nur die Grenzkontrollen zwischen den drei betroffenen südosteuropäischen Staaten abgeschafft werden (von den Grenzkontrollen zwischen diesen drei Ländern und weiteren Staaten ist gar keine Rede). Aber eben: Hauptsache, man ist gegen alles von aussen. Übrigens: Der Spruch "Wir schaffen das" stammt ursprünglich aus dem SPD-Wahlspot für die Bundestagswahl 2002, Merkel hat ihn sozusagen von Schröder geklaut.
  • Kommentar von Telemach Hatziisaak  (THI)
    Das hört man gerne. Wir erinnern uns: zerlegt wurde Jugoslawien aufgrund innerer Spannungen und massiver äusserer Einmischung, die im NATO-Bombardement gipfelte. Wenn die Völker bottom-up solche Projekte durchziehen, ist es nur zu begrüssen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
    1. Antwort von Peter Müller  (PeRoMu)
      @ : Hatziisaak: Bitte nicht die Geschichte umschreiben und die NATO resp. die 'äussere Einmischung' zur Begründung für den innerjugoslawischen Konflikt beiziehen. Sie scheinen aus Tätern Opfer machen zu wollen.
    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Das Eingreifen der NATO 1999 war die Folge der Politik des Regime Milosevic, das den Kosovo ethnisch säubern wollte. Wäre dies damals nicht praktiziert worden , dann wäre der Kosovo noch heute serbisch und die NATO hätte nie eingegriffen.
    3. Antwort von Daniel Häberlin  (Svensk)
      Eins nach dem Anderen: Die innerjugoslawischen Konflikte bestanden schon vor dem Zweiten Weltkrieg, das ist Fakt. Und dass das Ausland 1995 nach dem Völkermord in Srebrenica in den Krieg eingriff, war sicherlich notwendig. Aber am Ausbruch des Kosovokriegs 1999 war nicht nur Serbien, sondern auch die kosovarische Militärorganisation UÇK schuld, die schon Jahre zuvor aus dem Ausland mit Waffen versorgt worden war, was den Konflikt zwischen Serben und Kosovaren noch weiter angeheizt hatte.