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Russland: Wer war der getötete Kriegsblogger?
Aus Echo der Zeit vom 04.04.2023. Bild: Reuters/MAXIM SHEMETOV
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Propagandisten des Kremls «Putin versucht, die Kriegsblogger unter Kontrolle zu bringen»

Noch immer ist ungeklärt, wer für den Bombenanschlag auf den russischen Militärblogger Wladlen Tatarski in St. Petersburg am Sonntag verantwortlich ist. Wer Tatarski war und welche Absichten die russischen Militärblogger verfolgen, weiss der Russlandexperte Fabian Burkhardt.

Fabian Burkhardt

Fabian Burkhardt

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Fabian Burkhardt ist Politikwissenschaftler und Russlandexperte am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg.

SRF News: Inwiefern steht der ermordete Wladlen Tatarski stellvertretend für die grosse Szene der russischen Kriegsblogger?

Fabian Burkhardt: Es gibt zwei Lager, die aber beide wollen, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine gewinnt: Jene, die vor allem Propaganda verbreiten – zu diesen gehörte Tatarski. Das andere Lager von Kriegsbloggern versucht, die Truppenbewegungen und den Kriegsverlauf mitzuverfolgen und zu analysieren. Letztere sagen, es bringe die Russen dem Sieg nicht näher, wenn nur propagandistisch gelogen werde. Man müsse auch schauen, was auf dem Kriegsschauplatz passiere.

Wer war Wladlen Tatarski?

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Legende: Reuters

Wladlen Tatarski ist ein Pseudonym, richtig hiess er Maxim Fomin. Er stammte aus einer Bergarbeiterfamilie in Donezk in der Ostukraine. Dort wurde er wegen krimineller Aktivitäten zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Weil er sich als Zeitsoldat dem Kriegsdienst verpflichtete, kam er 2014 frei und begann als Kriegsblogger. 2021 wurde er russischer Staatsbürger. Richtig bekannt wurde Tatarski erst nach dem russischen Grossangriff auf die Ukraine Ende Februar 2022. Zuletzt hatte er 560'000 Follower auf Telegram. Tatarski zählte zu den prominentesten Militärbloggern Russlands und befürwortete Russlands Krieg gegen die Ukraine, kritisierte aber auch oft Spitzenvertreter des Militärs. Trotzdem: «Man muss ihn als willigen Helfer von Russlands Angriffskrieg bezeichnen, der auch mit Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin kooperierte», sagt Russlandexperte Fabian Burkhardt.

Am Sonntag starb Tatarski, als in einem St. Petersburger Café eine Bombe explodierte. Er wurde 39 Jahre alt.

Was sind die Kriegsblogger für Leute, wo kommen sie her?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche sind in der Ukraine geboren, einige haben einen kriminellen Hintergrund, manche waren schon vorher Blogger und sind mit dem Krieg gewachsen. Einige haben früher für russische Staatsmedien als Kriegspropagandisten gearbeitet.

Millionen von Followern

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Die russischen Kriegsblogger haben in den sozialen Medien Telegram und V-Kontakte ein Publikum von insgesamt bis zu neun Millionen Followern.

Was sind ihre Beweggründe?

Es geht vor allem um Propaganda und die Rechtfertigung des russischen Angriffskriegs. Es gibt aber auch wirtschaftliche Interessen. Zudem werden manche Blogger von russischen Elite-Gruppen als Werkzeug benutzt – etwa von Jewgeni Prigoschin oder vom Propaganda-Kanal RT.

Zahlreiche russische Figuren und Gruppen versuchen, die Militärblogger zu kontrollieren und zu beeinflussen.

Die russische Präsidialverwaltung und das Verteidigungsministerium versuchen, manche auch mit bezahlten Posts unter Kontrolle zu bringen, wenn sie das Militär zu stark kritisieren. Der Geheimdienst FSB ist aktiv, ebenso der Militärkonzern Rostec. Zahlreiche russische Figuren und Gruppen versuchen also, diese «neue Öffentlichkeit» der Militärblogger zu kontrollieren und zu beeinflussen.

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Archiv: Russischer Militärblogger bei Explosion getötet
Aus Tagesschau vom 02.04.2023.
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Welchen Einfluss haben die Militärblogger konkret?

Eigentlich liefern sie viele wichtige Informationen, doch in Russland ist keine Unabhängigkeit gewünscht – egal ob die Personen total loyal oder oppositionell sind. Seit dem russischen Rückzug aus Charkiw hat der Kreml denn auch versucht, die Kriegsblogger unter Kontrolle zu bringen.

Putin trifft sich regelmässig mit den Militärbloggern.

So trifft sich Putin regelmässig mit ihnen, sie werden auch in Gremien wie den russischen Menschenrechtsrat eingeladen. Mit staatlichen Preisen und Orden wird zudem versucht, die Leute loyal zu halten.

Junge Frau wegen Terrorismus angeklagt

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Legende: Reuters/Evgenia Novozhenina

Nach der tödlichen Bombenexplosion in dem St. Petersburger Café war am Montag eine 26-jährige Russin verhaftet worden. Jetzt wurde sie formell wegen Terrorismus angeklagt. Das teilte das staatliche russische Ermittlungskomitee mit, das Befugnisse einer Staatsanwaltschaft hat. Die junge Frau soll Tatarski eine Figur mit einem versteckten Sprengsatz überreicht haben. Laut unbestätigten russischen Medienberichten soll sie den Ermittlern gesagt haben, dass sie nichts von der Bombe gewusst habe. (Reuters)

Wer hatte denn am meisten Interesse daran, Tatarski ermorden zu lassen?

Die offizielle Version lautet, es handle sich um einen terroristischen Anschlag, geplant vom ukrainischen Geheimdienst zusammen mit Alexei Nawalnys Antikorruptionsstiftung – das tönt allerdings sehr unwahrscheinlich. Doch es deutet darauf hin, worauf der Kreml hinaus will: Es geht um Terror, entsprechend soll die Terrorgesetzgebung angepasst werden. Ausserdem soll jede Kooperation mit Organisationen, die als terroristisch eingestuft werden, viel härter bestraft werden. Auch könnte Nawalnys Organisation bald als terroristisch eingestuft werden.

Es könnte sich um einen Konflikt unter jenen Eliten handeln, die auf die Militärblogger Einfluss nehmen wollen.

Eine zweite These lautet, dass es sich um einen Konflikt unter jenen Eliten handelt, die versuchen, auf die Militärblogger Einfluss zu nehmen, um ihre eigenen Interessen wahrzunehmen. Mit der Ermordung Tatarskis, der mit Prigoschin kooperiert hatte, könnte also ein Konflikt an die Oberfläche getreten sein, den man bisher nicht wahrgenommen hat. Man wird sehen müssen, wie es jetzt weitergeht.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

Echo der Zeit, 4.4.2023, 18:00 Uhr;

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