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Ali Alezzi: Stolz auf den Aufstand in Irak
Aus Echo der Zeit vom 20.11.2019.
abspielen. Laufzeit 05:22 Minuten.
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Proteste gegen Führung in Irak «Das ist eine echte Revolution»

Der Künstler Ali Alezzi hinterfragt seit Jahren die Lage im Land. Jetzt sieht er die Zeit der neuen Generation gekommen.

«Alle vier Jahre stirbt Irak.» Das war der Titel eines Artikels, den der Künstler, Komponist und Schriftsteller Ali Alezzi aus Bagdad 2018 schrieb. Damals wählte sein Land gerade ein neues Parlament.

Alezzi kommentierte: Die Politiker würden ihr Volk wie Bettler behandeln. Ihnen ein paar Brosamen zuwerfen, jedes Jahr noch weniger als im Vorjahr. Im Interview mit Radio SRF in Bagdad sprach er damals von der Verzweiflung seiner Landsleute.

Zäher Kampf gegen Korruption

«Seit 15 Jahre versuchen wir Politiker zu wählen, die unser Leben etwas besser machen. Aber immer scheitern wir an der Korruption. Sie ist in jeder Faser unserer Gesellschaft. Deshalb sind wir so verzweifelt», sagte der Künstler im letzten Frühling.

Veröffentlicht hat der den Artikel damals nicht. Weil er dachte, es interessiere sich eh niemand dafür. Nicht, weil er Angst vor der Zensur hatte: «Nur, wenn ich den Mut habe, zu sagen, wie es ist, kann ich etwas verändern.»

«Choice» – ein musikalischer Aufruf

Ali Alezzi publizierte zwar diesen Artikel nicht, aber andere gesellschaftskritische Schriftstücke und Romane. Und er komponierte ein Stück, das er «Choice» nennt: Die Wahl zwischen Aufstand – oder ein elendes Dasein hinnehmen.

Der 34-jährige Iraker Ali Alezzi ist Multimedia-Künstler, Komponist und Schriftsteller lebt in Bagdad. Er hat schon in Europa ausgestellt, unter anderem an der Biennale in Venedig und an der Art Basel.
Legende: Der 34-jährige Iraker Ali Alezzi ist Multimedia-Künstler, Komponist und Schriftsteller lebt in Bagdad. Er hat schon in Europa ausgestellt, unter anderem an der Biennale in Venedig und an der Art Basel. ZVG , Link öffnet in einem neuen Fenster

Seine Landsleute haben sich vor etwas mehr als einem Monat für den Aufstand entschieden. Für ihren Unmut war Ali Alezzi in den letzten Jahren ein Barometer. Auslöser der Wut sei aber dieser Dokumentarfilm gewesen, schreibt Ali Alezzi in einer E-Mail aus Bagdad. In einem Moment, in dem die Regierung das Internet wegen Protesten gerade nicht abgeschaltet hat.

Ein Dokumentarfilm als Auslöser?

Ein Dokumentarfilm des US-finanzierten irakischen Fernsehsenders Al-Hurra deckte mutmassliche Korruption von hohen sunnitischen und schiitischen Geistlichen in Irak auf.

Auch Iraks höchster schiitischer Geistlicher, Grossayatollah Ali as-Sistani, kommt im Film schlecht weg: Da würden seine Leute in jedem Freitagsgebet gegen die korrupten Politiker wettern – und nun sollen sie selbst korrupt sein, kommentiert Alezzi den brisanten Film in einer E-Mail.

Die irakischen Behörden haben dem Fernsehsender vorläufig die Lizenz entzogen. Für sie ist die Sendung der Beweis für den Verdacht, dass die USA in Irak Unruhe stiften wollen.

Nur: Der kritisierte Gross-Ayatollah as-Sistani reagierte anders als erwartet. Er distanzierte sich von den Korruptionsvorwürfen und damit indirekt von den Leuten, die ihn angeblich vertreten. Er hat sich auf die Seite der Demonstranten gestellt: Vor drei Tagen hat er Neuwahlen und neue Gesichter in der Politik gefordert. Die Demonstrationen würden nicht aufhören, wenn sich nichts im Leben der Menschen ändere, sagt der Geistliche jetzt.

Die neue Generation Iraks wehrt sich gegen alles, was die Zukunft ihres Landes gefährdet.
Autor: Ali Alezzi

Ali Alezzi ist gegenüber allen religiösen und politischen Figuren im Land skeptisch. Auf den Aufstand in seinem Land ist er jedoch stolz, wie er diese Woche in einer Sprachnachricht auf WhatsApp sagte: «Das ist eine echte Revolution», freut er sich. Weil sich die neue Generation Iraks gegen all das wehre, was die Zukunft ihres Landes gefährde. Und weil die ältere Generation immer sage, die neuen Generation sei verwöhnt, verantwortungslos und könne nichts erreichen.

Zurzeit verlasse er seine Wohnung nur, um einzukaufen, schreibt der 34-Jährige auf die Frage, ob er vor der Gewalt gegen die Demonstranten sicher sei. Er sei daran, den Anfang seines vierten Romans umzuschreiben. In der Hoffnung, die Revolution sei erfolgreich. Und nicht einfach nur der Anfang einer weiteren Enttäuschung oder gar eines neuen Krieges.

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