Der Protest: Bei neuen Protesten von Anhängern der regierungskritischen «Kakerlaken-Bewegung» in Indien ist es in der Hauptstadt Neu-Delhi zu Zusammenstössen mit der Polizei gekommen. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein, um Tausende Demonstrierende an einem geplanten Marsch zum Parlamentsgebäude zu hindern. Dort hatte zuvor eine Sitzung des Unterhauses begonnen. Auf beiden Seiten gab es Berichten zufolge Verletzte.
Die Forderung: Angeführt wurden die Proteste von zumeist jungen Menschen, die sich vor zwei Monaten in einer Bewegung unter dem Namen «Kakerlaken-Volkspartei» (Cockroach Janta Party/CJP) zusammengeschlossen haben. Sie fordern unter anderem Bildungsreformen sowie den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan. Er soll die politische Verantwortung für einen Skandal um vorher durchgesickerte Fragen von Hochschulaufnahmeprüfungen im Mai übernehmen. Die landesweite Prüfung für mehr als zwei Millionen Bewerberinnen und Bewerber musste wiederholt werden.
Die Bewegung: Die «Kakerlaken-Bewegung» entwickelt sich zu einer Herausforderung für die Regierung von Premierminister Narendra Modi, wie die freie Korrespondentin Natalie Mayroth berichtet. Zwar habe es in den vergangenen Jahren bereits diverse Proteste gegeben – so etwa von Bauern oder gegen ein neues Einbürgerungsgesetz. «Die aktuellen Proteste betreffen aber sehr viel mehr Menschen, denn Indien hat eine sehr junge Bevölkerung.»
Die CJP wurde im Mai gegründet, nachdem ein Oberster Richter des Landes arbeitslose junge Menschen als «Kakerlaken» bezeichnet hatte. Innerhalb weniger Tage gewann sie auf Instagram mehr als 21 Millionen Follower. Die CJP beschreibt sich als «satirische politische Bewegung». Doch ihr Protest ist getragen von heftiger Kritik an der Machtelite des Landes: «In einem System, das einem Abwasserkanal ähnelt, lernen sogar Kakerlaken zu überleben», heisst es in einem KI-generierten Video, das millionenfach angesehen wurde.
«Kakerlaken» im KI-Video
Die Vermittlungsversuche: Trotz der Zusammenstösse gab es Gespräche zwischen Vertretern der Bewegung und Gesundheitsminister Jagat Prakash Nadda als Repräsentant der Regierung. Sie endeten nach Angaben von Teilnehmern ohne greifbares Ergebnis. Seine Seite habe die Forderungen schriftlich vorgelegt, schrieb CJP-Sprecher Saurav Das auf der Plattform X. «Es gab jedoch keine verbindlichen Zusagen.» Der Minister habe jedoch gesagt, es werde interne Diskussionen darüber geben. Nadda selbst sprach von einem «freundlichen Treffen». Er habe die CJP gebeten, ihre Protestaktionen zu stoppen.
Die Wut der Jugend: Inzwischen hat sich auch Premierminister Modi geäussert. Er erklärte, dass diejenigen, die für geleakte Prüfungsfragen verantwortlich sind, bestraft werden sollen. Korrespondentin Mayroth glaubt vorderhand jedoch nicht, dass die Bewegung Modi gefährlich werden kann. «Er sitzt nach den letzten Parlamentswahlen oder auch verschiedenen Lokalwahlen fest im Sattel.» Aber: Hinter dem Protest der Jugend stecke mehr als die Empörung über eine einzelne Prüfung. «Die Jugendarbeitslosigkeit in Indien ist ein Problem und viele junge Menschen empfinden das Bildungssystem als ungerecht», schliesst Mayroth.