Das ist passiert: Eine satirische Online-Bewegung hat in Indien Millionen von Anhängerinnen und Anhängern gewonnen – quasi über Nacht. Begonnen hat die Geschichte am Obersten Gerichtshof: Dort verglich ein Richter junge Arbeitslose mit Kakerlaken. Zwar argumentierte der Richter später, er habe lediglich die Jungen mit gefälschtem Abschluss gemeint – doch zu spät. Im Internet waren schon KI-Videos, Songs und politische Kommentare mit und über das vermeintliche Ungeziefer aufgetaucht. Die selbsternannte Kakerlaken-Partei will der indischen Jugend so eine Stimme geben – mit beissender Ironie.
Kakerlaken im KI-Video
Das sind die Forderungen: Begonnen hat die «Cockroach Janta Party» als eine Art Satireprojekt, in Anspielung auf die Regierungspartei von Narendra Modi, die Bharatiya Janata Party. Der Content war gerade zu Beginn vorwiegend ironisch: Eine «Partei» für Faule, Arbeitslose und Nörgelnde wollte man sein. Doch inzwischen stellen die Kakerlaken auch konkrete Forderungen – am lautesten die Entlassung des Bildungsministers. Ihm geben sie die Verantwortung für die Missstände im indischen Bildungssystem – insbesondere für den jüngsten Korruptionsskandal rund um die Aufnahmetests für das Medizinstudium.
So reagieren Mitglieder der Regierungspartei: Die Regierung um Ministerpräsident Narendra Modi findet die Memes nicht zum Lachen. Sie hat die Bewegung als «antinational» bezeichnet und den X-Account sowie die Website der «Kakerlaken-Partei» gesperrt. Ein neuer Account ging umgehend online. Insgesamt zeigt sich die Regierung auffallend nervös. «Ich bemitleide diejenigen, die ihre Social-Media-Follower in Pakistan oder aus der Bande um George Soros suchen», schreibt etwa Kabinettsmitglied Kiren Rijiju auf X. Verschwörungstheorien rund um den jüdischen Investor und Philanthropen Soros werden in Indien häufig mobilisiert, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Und «pakistanisch», also der Vergleich mit dem Erzfeind, gilt ohnehin als schlimme Beschimpfung.
Das sagt die Opposition: Inzwischen suchen auch Teile der Opposition den Anschluss an die Jugendbewegung. Eine der ersten war die ehemalige Parlamentsabgeordnete Mahua Moitra, die als scharfe Kritikerin von Ministerpräsident Narendra Modi bekannt ist. Sie verurteilte die Regierung für die Sperre des X-Accounts. Auch der Parlamentsabgeordnete Shashi Tharoor von der sozialliberalen Kongresspartei meldete sich zu Wort. Er sagte, dass es eigentlich Aufgabe der Politik sei, sich um die Probleme der Jugend zu kümmern – und sieht jetzt eine Chance für die Opposition.
So reagiert der Gründer der Bewegung: Gegründet hat die «Cockroach Janta Party» Abhijeet Dipke, ein 30-jähriger Kommunikationsstratege, der im Moment in Boston lebt. Gegenwind bekommt er nach eigener Angabe auch persönlich zu spüren. Er und seine Familie erhielten Todesdrohungen, sagt Dipke. Ans Aufhören denkt der Kopf der Bewegung aber nicht. «Kakerlaken überleben alles» – so einer der populärsten Slogans seiner Kampagne.