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Rassismus im Fussball: «Seit dem Brexit erleben wir eine Zunahme»
Aus News Plus vom 13.07.2021.
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Rassismus im Fussball «Die Fussballwelt ist nicht eine Bubble auf dem Mond»

Rassismus sei kein Fussballproblem, sondern ein Problem der Gesellschaft – der britischen Gesellschaft, sagt die Komikerin Gina Yashere. Hanspeter Künzler wohnt in London und verfolgt den britischen Fussball seit Jahrzehnten. Er pflichtet ihr bei. Auch die Regierung von Boris Johnson spiele dabei eine unrühmliche Rolle.

Hanspeter Künzler

Hanspeter Künzler

Journalist

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Der Schweizer Hanspeter Künzler lebt als Journalist in London. Er schreibt über Musik, Kunst und Fussball – zum Beispiel für die «Neue Zürcher Zeitung», «NZZ am Sonntag», «St. Galler Tagblatt», «loop» und «Surprise».

SRF News: Rassistische Anfeindungen gegen Fussballspieler seien ein gesellschaftliches Problem, sagt Gina Yashere. Wie sehen Sie das?

Hanspeter Künzler: Ich bin mit Gina Yashere absolut einverstanden. Die Fussballwelt ist ja nicht irgendein kleiner Kosmos, quasi eine Bubble auf dem Mond. Sondern sie gehört zur Gesellschaft und reflektiert einfach das, was in der Gesellschaft läuft. Dass im Fussball die Rassismusfrage nun so prominent aufgetaucht ist, zeigt eigentlich nur, dass Rassismus in der britischen Gesellschaft wieder deutlicher zu spüren ist als vorher.

Nachdem drei schwarze Nationalspieler ihre Penaltys verschossen hatten, drehten viele britische Fussballfans richtiggehend durch. Hätten sie auch so reagiert, wenn die Spieler weiss gewesen wären?

Durchgedreht wären sie ziemlich sicher sowieso. Das hat man ja in den letzten Jahren immer wieder gesehen. Das hat zum Beispiel auch der Schweizer Fussballer Granit Xhaka bei Arsenal miterleben müssen. In der Anonymität der Sozialen Medien sind die Grenzen des Respekts, die man vorher gekannt hat, vollkommen verloren gegangen. Man brüllt das heraus, was einem bei der Person, die man als Sündenbock sieht, als Erstes auffällt. Ausländer kommen als Ausländer dran. Schwarze Spieler werden aber wegen ihrer Hautfarbe verunglimpft. Das ist Rassismus.

Wandgemälde in Manchester beschmiert

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Legende: Keystone

Seit der Niederlage der englischen Nationalmannschaft im EM-Finale gegen Italien am Sonntag wird in Grossbritannien heftig über Rassismus debattiert. Im Zentrum stehen mehrere prominente Fussballprofis, die der Regierung teils schwere Vorwürfe machen. Hintergrund sind rassistische Anfeindungen gegen die Nationalspieler Marcus Rashford, Bukayo Saka und Jadon Sancho, die bei der 2:3-Niederlage im finalen Penaltyschiessen nicht getroffen hatten. In Manchester wurde auch ein Wandbild mit dem Porträt Rashfords mit rassistischen Parolen beschmiert. Die Stelle wurde inzwischen mit Solidaritätsbekundungen überklebt.

Ist Rassismus in Grossbritannien salonfähig geworden?

Das kann man so sagen. Ich habe diverse Epochen im englischen Fussball erlebt. Die 80er Jahre mit den Hooligans. Die 90er und Nullerjahre, als die Vereine selber zu agieren begannen und den Rassismus bekämpften. Sie waren damit erstaunlich erfolgreich.

Was die ganze Sache deutlich verschlimmert hat, ist die Kampagne für den Brexit.
Autor:

Aber was bei den Clubs gut funktionierte, funktionierte bei der Nationalmannschaft nicht gut, denn dort kann man das Gefolge viel weniger gut kontrollieren. Und vor allem kommt da auch nationalistisches Gedankengut hervor, das bei den einzelnen Vereinen nicht im Vordergrund steht. Aber was die ganze Sache deutlich verschlimmert hat, ist die Kampagne für den Brexit.

Was hat die Brexit-Kampagne damit zu tun?

Während der Kampagne wurde von gewissen Organisationen deutlich ausländerfeindliches Material in die Diskussion eingestreut. Es wurde plötzlich salonfähig, sich über Ausländer zu echauffieren. Gleichzeitig sind auch die Sozialen Medien immer wichtiger geworden. Darauf folgte die Reaktion der Fussballer, vor einem Spiel auf ein Knie zu gehen.

In der Anonymität der Sozialen Medien sind die Grenzen des Respekts vollkommen verloren gegangen.
Autor:

Sie wollten sich damit gegen die rassistischen Attacken, die auf einzelne Spieler lanciert wurden, wehren. Diese Aktion sei nicht als politische Geste gedacht, sagte Nationaltrainer Gareth Southgate. Sondern als eine solidarische Geste gegen den Rassismus mit den schwarzen Spielern.

Diese Aktion wurde von der Regierung wiederum kritisiert...

Genau. Ein konservativer Parlamentarier hat gesagt, er werde Spiele boykottieren, bis die Spieler nicht mehr auf die Knie gingen. Boris Johnson und vor allem Innenministerin Priti Patel haben noch Öl ins Feuer gegossen und gesagt, dass sie verstehen, wenn Leute die Knienden ausbuhen würden. Man wolle keine Politik auf dem Rasen. Also haben jene, die gebuht haben, es als politischen Protest gesehen.

Umfrage: Können Schwarze Englisch sein?

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Während der EURO 2020 hat ein Thinktank namens British Future bei einer Umfrage festgestellt, dass zehn Prozent der Engländerinnen und Engländer der Meinung sind, Englisch zu sein an sich sei eine Art rassische Identität.

Sie hätten das Gefühl, dass man die englische Rasse zu verteidigen habe, und dass Schwarze einfach nicht Englisch sein könnten. «Das ist ein soziales Problem. Das ist nicht ein Problem der Fussballmannschaften oder des Nationalteams», sagt Journalist Hanspeter Künzler.

Die Clubs könnten sich zwar als Polizei betätigen, Missetäter festhalten, sie anzeigen und dafür sorgen, dass rassistische Taten in den Stadien selber nicht unterstützt werden. «Aber hinter der Veränderung muss eine staatlich oder auch eine sozial organisierte Bewegung stehen. Eine Kampagne, die den Leuten zeigt, dass rassistisches Gedankengut nicht nach Grossbritannien gehört.»

Das Gespräch führte Roger Aebli.

SRF 4 News, 13.07.2021, 18:35 Uhr;

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Hannes Zubler  (Zubi)
    "Während der EURO 2020 hat ein Thinktank namens British Future bei einer Umfrage festgestellt, dass zehn Prozent der Engländerinnen und Engländer der Meinung sind, Englisch zu sein an sich sei eine Art rassische Identität. "
    Und jetzt? Wo ist die Relation? Andere Länder, andere Prozente? Diese Aussage alleine hiflt soviel wie *gestern gab es 10% Glück." Was ist mit den restlichen 90%?
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Fakt ist, dass keine andere Organisation für die real gelebte, praktische Integration von Jugendlichen so viel tut wie Fussball. Wer selber Sportler ist und oder Kinder trainiert oder als Eltern begleitet, weiss das. Leute die selten aus dem Haus kommen und selten oder gar nicht mit Ausländern kommunizieren wissen das nicht und verdächtigen nur.
    1. Antwort von Martin Gebauer  (Mäde)
      Als langjähriger Nachwuchstrainer sehe ich das auch so. Mahnwachen, Empörung in den Medien, Expertenmeinungen usw. alles gut und recht, aber das bleiben eben meistens Symbolhandlungen. Hautfarben oder Herkunft interessierten in meinen Teams niemanden. Im Zentrum stand das WIR. Dass wir alle Menschen sind die unsere Leidenschaft teilen und dabei respektvoll miteinander und dem Gegner umgehen war einfach selbstverständlich. DAS verändert die Welt!
    2. Antwort von Maciek Luczynski  (Steine)
      Ich denke, wir sollten hier unterscheiden, zwischen regionalen Vereinen, die jugendliche zusammenbringen, und Institutionen, wie der UEFA oder FIFA, die vor allem Geld verdienen wollen.

      Denn solange auch mit Rassisten gut Geld zu verdienen ist, werden auch die Institutionen den "Service Fussball" an diese ausliefern ...
    3. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Ich glaube da würde ihnen jeder zustimmen. Das Problem sind bei den Vereinen die auf der grossen Bühne spielen eher die "Fans" , die das Fussballfeld zu ihrem Persönlichen Schlachtfeld erklären. Mit dem normalen Fan hat das nichts zu tun.
  • Kommentar von Thilo Arlt  (QM)
    Dieser Fall zeigt doch vor allem, wie primitiv viele Fussballfans denken. Sich mit 11 spielenden Personen so zu identifizieren, dass man sie „England“ oder „Schweiz“ nennt sagt doch alles.
    1. Antwort von Christian Casutt  (Christian_C_57)
      Und wo genau liegt das Problem, wenn ich mich mit unserer Nati identifiziere, mitfiebere, mich freue und hin und wieder eine kleine Fahne mit dem Schweizerkreuz schwinge?
    2. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Das Problem ist , Herr Casutt, das machen sich so sehr mit idenivizieren, dass sie den Fussball zu einer Art Stellvertreter Krieg machen.
      Es ist ja auch nur eine Minderheit, die sich so aufführt.