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Was uns die Schafzucht über den Brexit verrät
Aus Echo der Zeit vom 08.10.2020.
abspielen. Laufzeit 06:17 Minuten.
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Reportage Was uns Schafe über den Brexit verraten

Déjà-vu. Die Uhr tickt wieder und es kursieren die bekannten Schlagworte: «Brexit», «Deal», «No Deal», «Kanada plus», «Kanada minus» oder «Australien-Modell».

Bis Ende Jahr haben London und Brüssel noch Zeit, ein Freihandelsabkommen abzuschliessen, sonst wird die Scheidung zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union ohne Deal vollzogen. Was das bedeutet, wollten wir für einmal nicht von den Politikern in London wissen, sondern von den Schafbauern in Wales. Denn von Schafen kann man sehr viel über den Brexit lernen.

Nebelverhangene walisische Hügellandschaft.
Legende: SRF/Patrik Wülser

In den Baumkronen singen Vögel. Still sind dagegen die 400 Schafe, die im Nebel unter den alten Eichen im Gras stehen. Sie glotzen mit grossen Augen, so erstaunt wie fragend.

Die Schafe seien hier wie die Menschen. Misstrauisch, wenn Fremde auftauchten, meint Bauer Wyn Evans und erklärt, was neben Misstrauen sonst noch ein walisisches Schaf auszeichnet. «Es ist gut gebaut, hat starke Beine, dicke Haxen und gute Läufe. So muss ein walisisches Schaf aussehen.»

Wyn Evans steht vor seiner Schaf-Herde.
Legende: SRF/Patrik Wülser

Schafe sind das Rückgrat der walisischen Landwirtschaft. In der hügligen Graslandschaft von Middle-Wales gibt es dreimal so viele Schafe wie Menschen. Doch dieses Idyll ist zurzeit gleich doppelt bedroht. Viele Städte in Wales stehen längst wieder unter einem lokalen «Lockdown».

Darunter leidet auch die Landwirtschaft. Der Markt für Schaffleisch ist in den vergangenen Monaten während der Pandemie um rund 30 Prozent eingebrochen. Die Bauern von Wales fürchten sich zudem vor einem No-Deal-Brexit. Das heisst einem Abschied von der Europäischen Union ohne Freihandelsabkommen.

Bauer Evans gehört zu jenen, die für «remain» – den Verbleib in der EU – gestimmt haben. Nicht, weil er die Bürokraten in Brüssel so sehr liebe, aber weil man zu Nachbarn ein gutes Verhältnis pflegen sollte.

Wyn Evans auf einem kleinen Hügel mit Blick auf seinen Hof.
Legende: SRF/Patrick Wülser

Die Europäische Union sei nicht irgendein Nachbar, sondern der grösste Handelspartner des Vereinigten Königreichs. «500 Millionen Menschen vor unserer Haustüre und damit ebenso viele mögliche Konsumenten für Schaffleisch.» Dieser Markt könne weder durch Freihandelsabkommen mit Japan noch mit Neuseeland ersetzt werden. Die EU werde historisch und geografisch immer der nächste und grösster Absatzmarkt bleiben, ist Wyn Evans überzeugt. «Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, dass wir mit der EU einen Freihandelsvertrag abschliessen können.»

Schafherde auf einer Wiese.
Legende: SRF/Patrik Wülser

Auf der Wiese von Bauer Evans ist das Misstrauen der Schafe mittlerweile in Ärger gekippt. 400 Schafe machen sich laut bemerkbar und blöken im Morgennebel. Drei Monate bleiben ihnen noch zum Leben, dann werden sie geschlachtet. Ein Drittel von ihnen wird exportiert werden. 90 Prozent davon in die Europäische Union.

Bauer Evans rechnet dem Besucher vor, was man von Schafen über den Brexit lernen kann. «Für ein Schaf kriege ich heute auf dem europäischen Markt rund 75 Pfund – also etwa 90 Franken. Ohne Freihandelsvertrag wird auf den Import von Schafsfleisch in die Europäische Union jedoch künftig ein Zoll von rund 34 Prozent erhoben.» Das bedeutet für die Bauern, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen und zum gleichen Preis wie heute verkaufen, einen Verlust von rund 35 Franken. «Das ist mehr oder weniger der ganze Gewinn. Wenn dieser wegfällt, können wir aufhören.»

Die Regierung versuche zwar die Bauern zu beruhigen. Doch die schönfärberischen Durchhalte-Parolen von Premierminister Boris Johnson, der mittlerweile selbst ein No-Deal-Szenario als tollen Erfolg preist, mag Evans nicht mehr hören.

Wyn Evans vor dem Gatter zur Schaf-Weide.
Legende: SRF/Patrik Wülser

«Es frustriert mich und zeigt, wie weit weg die Politiker in London von West-Wales entfernt sind. Die Realität in London ist eine komplett andere als hier. Hier stehen wir mit beiden Füssen auf dem Boden. Wir sind uns gewohnt, Probleme mit den eigenen Händen zu lösen und die Konsequenzen zu tragen, wenn es schiefläuft. Diese werden wir auch bei einem No-Deal-Brexit tragen, und sie wären fatal.»

Evans, der im Vorstand des walisischen Schaf- und Viehzuchtverbandes sitzt, fürchtet einen Kollaps des Exportmarktes für Schafe. Es könnte zu Notschlachtungen kommen. Zusätzlich werden die heutigen Landwirtschaft-Subventionen aus Brüssel wegfallen. Dies alles mitten in einer Pandemie.

«London wird das neue Brüssel sein. Westminster wird die Spielregeln bestimmen und die Gelder verteilen. England wird die Landwirtschaftspolitik in Wales, Nordirland und Schottland bestimmen. Ob das wirklich besser wird, bezweifle ich, aber so wird es laufen.»

Die Bauern im Vereinigten Königreich fürchten sich zudem vor dem neuen britischen Landwirtschaftsgesetz. Dieses soll Ende Jahr die Vorschriften und Gesetze der Europäischen Union ersetzen. Wyn Evans und seine Kollegen fürchten, dass dabei die heutigen Lebensmittel- und Tierhaltungs-Vorschriften von London gelockert werden könnten.

Die EU-Vorschriften sind im internationalen Vergleich streng und könnten einem Freihandelsabkommen zwischen Grossbritannien und den Vereinigten Staaten im Wege stehen. «Wenn die Standards gesenkt würden, wäre es jedoch möglich, Fleisch von Schafen, deren Wachstum mit Hormonen optimiert wurde, aus den USA zu importieren.»

Schafherde mit Markierungen auf dem Fell im Hof.
Legende: SRF/Patrik Wülser

Die walisischen Schafbauern würden also gleich doppelt bestraft. Sie könnten also einerseits nicht mehr ohne grosse Einbussen in die Europäische Union exportieren und wären gleichzeitig auf dem britischen Markt mit Billig-Importen konfrontiert, welche die einheimischen Qualitäts-Standards unterbieten. «Wir Bauern haben bereits lange vor dem Auftauchen des Coronavirus gewarnt, dass ein No-Deal-Brexit für die britische Landwirtschaft eine Bedrohung bedeuten würde. Mitten in dieser Pandemie wäre ein solches Szenario eine reine Katastrophe.»

Schafherde hinter einem Zaun.
Legende: SRF/Patrik Wülser

Der feuchte Nebel kriecht in die Kleider, die Füsse im hohen Gras werden langsam nass. Bauer Evans lässt seinen Blick über die Herde in die Ferne schweifen. Der Brexit sei nicht allein eine Frage um Tarife und Zölle. «Meine Familie und meine Vorfahren leben seit 500 Jahren in diesen Tälern auf diesen Hügeln.»

Hinter diesen Schafen stehe eine ganze Kultur, erzählt Evans und wechselt fliessend in seine Muttersprache Walisisch. «Meine Vorfahren waren Hirten, Poeten und Barden.» Sie hätten diese Landschaft während zehn und mehr Generationen geprägt und zur Kultur dieses Teils der Erde beigetragen. Dieses Erbe müsse bewahrt werden. Wenn es verloren gehe, sei dieses Erbe für immer weg.

Wyn Evans hat einen Sohn, der die Landwirtschaftsschule in Cardiff besucht. Er will diesen Hof einmal übernehmen und Schafe züchten. «Wenn er das nicht mehr kann, weil wir unsere Schafe nicht mehr verkaufen können, wird das für mich, aber ebenso für Wales, ein sehr trauriger Tag sein.»

Echo der Zeit, 8.10.2020, 18 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Nur etwas erzählen uns die Schafe nicht: Egal ob in oder ausserhalb der EU - sie landen alle auf der Schlachtbank...
    Und ehrlich, ist es für einen walisischen Bauern tatsächlich einfacher sich gegen brüsseler Bürokratie zu wehren als seine Anliegen im nahen London vorzubringen? Ich bin da eher skeptisch, aber das ist hier ja nicht die Frage. Denn der Brexit ist per Mediendefinition etwas ungutes.
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  • Kommentar von Margot Helmers  (Margot Helmers)
    Schafe gezüchtet hatten über Generationen steht im Artikel, also schon viel länger als es die EU gibt. Wie hatten das die Vorfahren nur ohne die EU geschafft lautet die Frage? Anderseits könnten die Fischer von den massiv erweiterten Fanggebieten profitieren. Und die EU-Länder wollen doch auch nach Grossbritannien exportieren. Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird... .
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    1. Antwort von Fritz Rueegsegger  (Matterhorn+234)
      Ja, natürlich wurde in Wales seit Jahrhunderten Schafe gehalten, aber auch Sie, Frau Helmers, haben sicher bemüht, dass sich die Welt weiter gedreht hat und heute ganz andere Marktverhältnisse herrschen. Deshalb ist die Lage ohne Deal für diese Schafzüchter eine sehr schwierige, wie es in diesem Bericht treffend beschrieben wird.
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    2. Antwort von Udo Gerschler  (UG)
      Herr Rueegsegger,natürlich hat sich die Erde weitergedreht.Die Engländer hat man schon mehrmals in der Geschichte versucht über eine Wirtschaftsblockade in die Knie zu zwingen.Sie werden auch heute wieder überleben da nicht wie in der Vergangenheit Kanonenboote die Insel abriegeln und versuchen auszuhungern.Ich hoffe das die EU mit ihren Erpressungen keinen Erfolg hat und vernünftig verhandelt.
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  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Habe Hr. Wülser jüngst kritisiert - hier ein guter Beitrag.
    Es bleibt zu hoffen, dass zu guter letzt EU- und UK-Verhandler einsehen, dass es dumm wäre, sich nicht zu einigen - gerade in Zeiten von Corona. Die EU sollte endlich einsehen, dass das mit dem Exempel statuieren jetzt reicht. Und die Briten sollten endlich die logische harte Grenze in Nordirland akzeptieren. Der angeblich befürchtete Terror ist längst nicht mehr da. Den Brexit wird keine der beiden Seiten gewinnen - seid vernünftig.
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