Im kleinen Dorf Rensjön weit nördlich des Polarkreises herrscht an diesem Wintertag Hochbetrieb. Grosse Rentierherden ziehen durch die kleine Siedlung, gut dreissig Kilometer nördlich der Bergbaustadt Kiruna.
Hier leben Angehörige der Volksgruppe der Sami – die den höchsten Norden Europas seit Jahrtausenden bewohnt und seit dem Mittelalter gezielt auch mit Rentierherden wirtschaftet.
Das Land der Sami wird zum Hotspot
Immer wieder wird der samische Alltag in Rensjön von der Durchfahrt der bis zu 8000 Tonnen schweren Güterzüge übertönt.
Gut zwanzig Mal am Tag passieren die 68 Wagen umfassenden Erzzüge auf dem Weg ins norwegische Narvik am eisfreien Nordatlantik den kleinen Bahnhof in Rensjön, an dem seit Jahrzehnten schon keine Reisenden mehr ein- oder ausgestiegen sind.
Hier lebt die Rentierhirtin Karin Niia und ihre Familie: «Wir begleiten die Rentiere auf ihrem Weg und schützen ihren Lebensraum, doch jetzt droht all dies zu verschwinden», sagt Karin Niia.
Der Grund: die wachsende globale Nachfrage nach seltenen Erdmetallen und die zunehmende militärische Präsenz in der Arktis. So wird das Land der Sami zu einem wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Hotspot.
Die Folge: Die schwedische Regierung vergibt im über 1400 Kilometer entfernten Stockholm ständig neue Förderlizenzen an Bergbaufirmen im Land der Sami und lässt mit Blick auf das nahe Russland viel Militär am Polarkreis aufmarschieren.
Letzte Rentierrouten sind bedroht
Die in Kiruna beheimatete staatliche Bergbaufirma nutze diese Entwicklung, so Karin Niia, um immer rücksichtloser mit den Interessen der Lokalbevölkerung umzugehen.
«Das Bergbauunternehmen hat den Gesellschaftsvertrag mit uns aufgekündigt, nun geht es nur noch um den Profit», so Karin Niia. Die samische Rentierhirtin verweist auf die Pläne des Unternehmens. Nördlich der jetzigen Eisenerzmine – Europas mit Abstand grösster ihrer Art – sollen Millionen von Tonnen «seltener Erden» abgebaut werden.
Mit diesen Metallen sollen die Elektromobilität und Windenergie ausgebaut und damit das Klima geschützt werden. Dieser Ausbau bedeutet aber auch, dass grosse Teile der Stadt Kiruna umziehen müssten und die letzten offenen Passagen für die Rentierherden unterbrochen würden.
Für Henrik Blind, der als führender Lokalpolitiker in Jokkmokk in einem Bevölkerungszentrum der Sami in Schweden wirkt, ist es nun für die Sami höchste Zeit, politisch und juristisch in die Offensive zu gehen. «Ich kandidiere in diesem Herbst für einen Platz im nationalen schwedischen Parlament. Wir müssen mit unseren Anliegen an die höchsten Gerichte gelangen», sagt Blind.
Ihm werden gute Chancen eingeräumt, als einer der ersten Sami in den Stockholmer Reichstag gewählt zu werden.
Die Sami kämpfen vor Gericht
Während die schwedischen Gerichte lange den Interessen der Bergbauindustrie den Vorzug gaben, gewannen die Sami vor kurzem einen wichtigen Prozess. Das Urteil sichert ihnen die exklusiven Jagdrechte in Nordschweden zu.
Im benachbarten Norwegen urteilte zudem ebenfalls das Höchste Gericht des Landes, dass beim Bau eines riesigen Windkraftparks die Menschenrechte der Sami verletzt wurden.
Verloren ist der Kampf des letzten Urvolkes Europas für die Zukunft seiner traditionellen Lebensweise im eigenen Stammgebiet nördlich des Polarkreises noch nicht.