Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Rückkehr der Evakuierten Leben in Islands «Vulkanfestung» – mit ungewissem Ausgang

Seit bald fünf Jahren bauen die Grindavíker Mauern aus Erde, Stein und Hoffnung, um die Vulkane im Zaum zu halten. Bis zu 25 Meter hohe Schutzwälle, einer Festung ähnlich, sollen sie vor der Gewalt der Vulkane schützen. Diese haben vor etwas mehr als zwei Jahren bereits einmal Häuser zerstört und die Evakuierung aller fast 4000 Bewohnerinnen und Bewohner erzwungen.

Der Erfolg der Schutzwälle bleibt ungewiss. Vulkanologen prophezeien unruhige Zeiten für Grindavík. Laut jüngsten Einschätzungen hat sich unter dem betroffenen Gebiet noch nie so viel Magma angesammelt, wie jetzt.

Trotzdem sind die ersten Menschen zurückgekehrt.

Manche nennen es Trotz, andere Verwegenheit. Für die Menschen von Grindavík ist es schlicht ihr Weg, im eigenen Zuhause zu bleiben – auch wenn die Natur jeden Tag neu darüber entscheidet, wie sicher dieses Zuhause wirklich ist.

Beim Besuch von SRF erinnern sich die ersten Rückkehrer und Rückkehrerinnen an ihre Flucht vor zwei Jahren und erzählen von ihren Ängsten und Hoffnungen.

Rückblende: Die Vulkane erwachen

Die Ruhe war trügerisch. Die Menschen auf der dicht besiedelten Halbinsel Reykjanes wussten zwar um das Brodeln tief unter ihrer Stadt, aber die Vulkane hatten 800 Jahre lang geschlafen und die letzte Katastrophe war längst aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht. Und so sind die Grindavíker überrascht, als sich ab 2021 unweit ihrer Stadt immer wieder Erdspalten öffnen, Vulkane Feuer spucken und riesige Lavaströme für ein Spektakel sorgen, das Touristen aus aller Welt anzieht.

Was als Spektakel in sicherer Distanz beginnt, sollte bald bedrohlicher werden. Laufend messen die Seismografen viele kleinere und grössere Erdbeben, die Erde spuckt regelmässig Lava, mal wenig, mal sehr viel. Immer wieder werden Verbindungsstrassen oder Strom- und Gasleitungen von Lavaströmen in Mitleidenschaft gezogen.

Die Isländer reagieren und improvisieren rasch.

Neue Strassen werden kurzerhand auf erkaltete Lavafelder gebaut, Leitungen repariert, Strommasten ersetzt und geschützt. Erste Erdwälle werden in Windeseile gebaut und mit Erfolg gegen die Lavaströme getestet.

Der Tag der Flucht: 10. November 2023

Im Herbst 2023 nimmt die Intensität der Ereignisse zu, Behörden und Experten sind alarmiert. Innerhalb von nur drei Wochen messen die Seismografen 30'000 kleinere und grössere Erdbeben. Häuser spalten sich, Gräben reissen auf, Strassen verschieben sich und Wasser- und Stromleitungen werden zerstört.

Am 10. November 2023 ist es soweit: Die Behörden ordnen die Total-Evakuierung der Kleinstadt an. Alle rund 4000 Bewohnerinnen und Bewohner müssen den Ort innert zweieinhalb Stunden verlassen.

Bewohner erzählen von verängstigten Kindern und von so starken Erdbeben, dass sie auf der Flucht in ihren Autos richtiggehend durchgeschüttelt wurden.

Eine Rückkehr ist ungewiss. Niemand weiss, ob Grindavík jemals wieder bewohnbar sein wird. Der Ort wird zunächst zur Geisterstadt.

Wenige Wochen später bewahrheiten sich die Prognosen der Experten, als im Januar 2024 erneut Lavaströme die Stadt bedrohen. Die Schutzwälle leiten die Lava erfolgreich um, aber auch innerhalb der Wälle, mitten in der Stadt, reisst die Erde auf und Lava tritt aus. Mehrere Häuser werden zerstört und nur dank der vorgängigen Evakuierung kommen keine Menschen zu Schaden.

Trotz der zerstörten Häuser: Die Schutzwälle haben sich mehrfach bewährt und ohne sie würde Grindavík heute wohl nicht mehr existieren.

Die Schutzwälle

Der Bau dieser Barrieren war seit den ersten Ausbrüchen ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem oft rund um die Uhr gearbeitet wurde, um den Schutz vor den herannahenden Lavaströmen zu gewährleisten.

Die Wirksamkeit der Wälle hängt auch von der Art der Lava ab. Während die eher dünnflüssige «Pāhoehoe-Lava» dazu neigt, sich anzustauen und über die Dämme zu fliessen, kann die zähflüssigere Blocklava einen enormen Druck aufbauen und die Barrieren schlimmstenfalls durchbrechen.

An manchen Stellen hat sich die Lava bereits so hoch vor den Wällen aufgetürmt, dass sie deren Höhe erreicht und eine laufende Erhöhung der Schutzwälle zum Schutz von Grindavík und des Svartsengi-Kraftwerks sowie der Touristenattraktion «Blaue Lagune» im Norden der Stadt notwendig macht.

Vorher/Nachher: Das Schutzwall-System

Den Evakuierten war es lange nicht erlaubt, in ihre Häuser zurückzukehren und sie mussten sich andernorts ein zumindest temporäres Zuhause einrichten. Seit dem Sommer 2024 ist eine Rückkehr zwar erlaubt, Rückkehrer gab es dennoch lange fast keine. Kein Strom, kein Wasser, geschlossene Schulen und Läden verunmöglichten ein normales Leben.

Die Rückkehrer - ihre Hoffnungen und Ängste

Das begann sich im Sommer 2025 zu ändern, als die Schutzwälle sich als effizient erwiesen und keine weiteren Schäden entstanden. Heute, im Frühjahr 2026, leben wieder rund 450 Menschen in der Stadt und jeden Tag kehren hunderte ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner tagsüber nach Grindavík zurück: um zu arbeiten. Etwa im Hafen, der zu den grössten Islands gehört. Die grossen Trawler bringen von ihren Fahrten in den fischreichen Gewässern Kabeljau, Seelachs und Heilbutt mit. Hafenchef Sigurður Kristmundsson ist zuversichtlich, dass das einst so prosperierende Hafenstädtchen wieder auferstehen wird.

Zurückgekehrt sind aber auch einige Dutzend Mitarbeitende der Gemeinde, allen voran Bürgermeisterin Ásrún Helga Kristinsdóttir. Sie zog so schnell es wieder möglich war, in ihr Haus zurück. Nun möchte sie dazu beitragen, dass der Ort auch als Gemeinschaft wieder aufersteht. Bei den Gemeindewahlen Mitte Mai stellt sie sich zur Wiederwahl.

Erklärtes Ziel von Kristinsdóttir ist, nach dem Sommer die Grundschule wiederzueröffnen, sodass auch Familien mit Kindern wieder nach Grindavík zurückziehen.

Die Bürgermeisterin ist überzeugt, dass die neuen Schutzdämme rund um die Stadt ein neuerliches Eindringen von Lavaströmen ins bewohnte Gebiet verhindern können: In den letzten drei Jahren sind mit 2,5 Millionen Kubikmetern Erdmasse 13,5 Kilometer lange und bis zu 25 Meter hohe Schutzwälle rund um die Stadt entstanden. Sie sollen künftige Lavaströme in Richtung Meer ablenken. Die Schattenseite: «Mit den idyllischen Sonnenuntergängen in meinem Garten ist es jetzt vorbei», sagt Kristín María Birgisdóttir, deren Haus an der Glæsivellir 17 direkt innerhalb des neuen Schutzwalles liegt.

Bauarbeiter bleibt in Spalte verschollen

Mitten durch die Stadt verläuft seit den jüngsten Vulkanausbrüchen eine offene Wunde: eine bis zu 50 Meter tiefe Erdspalte, um welche herum sich das Terrain unterschiedlich aufgewölbt hat. Von Beginn weg wurde versucht, diese Öffnung mit Gestein zu füllen und abzudecken. Am 10. Januar 2024 – zwei Monate nach der ersten Evakuierung – fiel dabei der 50-jährige Bauarbeiter Lúðvík Pétursson in die Spalte. Seine Überreste sind bis heute nicht gefunden worden.

«Lúðvíks Tod hat uns alle geschockt», sagt Hjalti Jón Pálsson, der gemeinsam mit seiner Frau Dagmar gleich ausserhalb der Sperrzone ihr Gästehaus wiedereröffnet hat. Während einige hundert Immobilien in unmittelbarer Nähe der Erdspalte für immer verloren sind und abgebaut werden müssen, investieren Hjalti und Dagmar viel Geld in den Ausbau ihres Gastgewerbes: «Im Keller unseres Hauses richten wir ein kleines Café ein», berichtet Pálsson. Rund um die Uhr arbeiten nun Baufirmen daran, die Spalte zu füllen und das Zentrum der Stadt wieder sicher zu machen.

Viele wichtige Einrichtungen Grindavíks haben die Vulkanausbrüche und Erdbeben der letzten Jahre unbeschadet überstanden: so auch das Sportzentrum der Stadt, wo in der grossen Halle der Ungmennafélag Grindavíkur, einer der erfolgreichsten Basketballvereine Islands seit kurzem wieder seine Heimspiele durchführt. «Beim letzten Spiel kamen mehr als 1200 Zuschauer in die Stadt zurück», berichtet Eggert Sólberg Jónsson, der in der Gemeindeverwaltung für Sportfragen zuständig ist.

Jónsson ist überzeugt dass, sobald die zuständigen nationalen Behörden wieder eine generelle Rückkehr nach Grindavík erlauben, die Stadt schnell wieder aufleben wird – und wieder zu jenem «glücklichsten Ort Islands» werden kann, zu dem das Fischerstädtchen im Jahre 2019 erklärt worden war.

Die Magmakammer – und die düsteren Prognosen

Unterhalb der Reykjanes-Halbinsel dringt in etwa fünf Kilometern Tiefe Magma in die Erdkruste ein und baut Druck auf. Wird dieser zu gross, öffnet sich ein neuer Weg, und Magma strömt in vertikale Spalten. Füllen sich diese, kann Lava bis an die Oberfläche aufsteigen.

Die jüngsten Ausbrüche am Fagradalsfjall von 2021 bis 2023 waren wohl nur der Auftakt. Seit 2024 hat sich die Aktivität nach Osten in das System von Svartsengi verlagert. Dort liegt auch Grindavík.

Die Forschenden sehen in den Ereignissen der letzten Jahre einen möglichen Wendepunkt für Island: Auf die fast achthundertjährige Ruhephase folge nun eine jahrhundertlange Aktivitätsphase von wiederkehrenden Eruptionen mit erheblichen Auswirkungen auf Bevölkerung und Infrastruktur.

Auch die jüngsten Informationen der Behörden vom 31. März verheissen wenig Gutes. Mehr als 24 Millionen Kubikmeter Magma hätten sich derzeit unter der betroffenen Region von Grindavík und Svartsengi angesammelt, so viel wie nie zuvor, heisst es.

Die Unsicherheit und die Hoffnung, dass die Dämme nicht brechen, halten also an.

Artikel wird geladen...

Impressum

Box aufklappen Box zuklappen
Luftaufnahme zeigt glühenden Lavastrom auf einer Strasse
Legende: srf

Buno Kaufmann, Roland Specker (Redaktion), Robert Salzer (Frontendentwicklung), Ida Künzle, Marina Kunz (Design)

SRF 4 News, 15.04.2026, 05:00 Uhr

Meistgelesene Artikel