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Russische Armee unterstützt Italien im Kampf gegen das Coronavirus
Aus Nachrichten vom 22.03.2020.
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Russische Hilfe für Italien Putins Corona-Coup

Der Kreml schickt Ärzte nach Italien – und demonstriert damit Stärke. Allerdings ist fraglich, wie gut Russland selbst auf die Epidemie vorbereitet ist.

Zehn schwere Transportflugzeuge des Typs Iljuschin-96 sind am Montag auf einem italienischen Militärflughafen gelandet. An Bord: Geräte zum Desinfizieren grösserer Flächen, medizinische Tests und rund 100 Spezialisten der russischen Armee. Sie sollen dem schwer getroffenen Italien helfen, mit der Corona-Krise fertig zu werden.

Ein Zeichen von Macht

Für den Kreml ist die Aktion ein Coup erster Güte: Am Samstag hatte Wladimir Putin mit dem italienischen Premier Guiseppe Conte telefoniert, er versprach Hilfe – und zwei Tage später war diese bereits in Italien.

Das Signal ist eindeutig: Russland kann was. Russland redet nicht, es hilft. Und es ist solidarisch. Während die europäischen Länder – und auch die USA – in der Corona-Krise vornehmlich für sich selbst schauen, greift Moskau den Notleidenden unter die Arme. Bessere PR hätten sich Putins Strategen nicht ausdenken können.

Alles nur für das Image?

Allerdings: Selbstlos ist die russische Hilfe nicht. Der Kreml versucht seit Jahren, sein Image in Europa aufzubessern. Ziel: die Sanktionen wegbekommen, welche die EU wegen der Ukraine-Krise erlassen hat. Darüber hinaus möchte sich Moskau als geopolitische Alternative zu Washington in Stellung bringen. Ein Europa, das nach Osten statt nach Westen schaut – davon träumen sie im Kreml.

Der Sprecher von Präsident Putin verneinte zwar, dass die Hilfe an Italien an irgendwelche Bedingungen geknüpft sei. Angesichts der Epidemie und der daraus folgenden wirtschaftlichen Verwerfungen sei aber eine Aufhebung der Sanktionen sehr wohl «bedenkenswert», sagte er.

Die Moskauer Zeitung «Wedomosti» brachte noch einen anderen Nutzen ins Spiel, den Russland von der Hilfe an Italien hat. Die russischen Militärärzte würden in Italien lernen, wie sie das Virus am besten bekämpfen. Ein Wissen, das sie womöglich sehr bald zu Hause brauchen könnten.

Wenig Corona-Fälle in Russland

Zwar ist die Epidemie in Russland noch nicht voll ausgebrochen. Im Moment sind erst 438 Infektionen offiziell bestätigt. Aber die Fallzahlen nehmen stetig zu – und es gibt Zweifel, wie gut die russischen Tests sind. Experten vermuten, die Tests seien zu wenig sensibel und würden deswegen oft falsche negative Resultate anzeigen.

Viele Moskauerinnen und Moskauer jedenfalls misstrauen den offiziellen Zahlen. Seit einigen Tagen ist es deutlich ruhiger geworden in der Stadt. «Wir verkaufen nicht einmal halb so viele Brötchen», erzählt eine Bäckerei-Verkäuferin. Viele Leute würden sich nicht mehr aus dem Haus getrauen.

Die Stadtbehörden bereiten sich ebenfalls auf einen grösseren Corona-Ausbruch vor. Der Bürgermeister hat für Bürgerinnen und Bürger über 65 eine Quarantäne angeordnet. Sie müssen mehrere Wochen zu Hause bleiben. Zudem bereiten sich Krankenhäuser darauf vor, eine grosse Zahl Infizierter aufzunehmen.

Unterfinanziertes Gesundheitssystem

Doch was sich die reiche Hauptstadt leisten kann, übersteigt die Möglichkeiten von lokalen Regierungen in der Provinz. «Unser Gesundheitssystem ist unterfinanziert, es fehlt an Geräten und Personal», erklärte Andrey Konoval dem Onlinemedium «Meduza» das Grundproblem.

Konoval ist Leiter einer unabhängigen Mediziner-Gewerkschaft. Von Mitgliedern weiss er, dass es mancherorts nicht einmal genug Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger gibt. «Auch ohne das Virus haben wir schon Probleme mit der medizinischen Versorgung. Das wird jetzt nur noch schlimmer werden.»

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

Echo der Zeit, 23.03.20

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82 Kommentare

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  • Kommentar von Herbert Vetsch  (Realist1968)
    Warum kann man nicht einfach mal die amerikanisch denkende Sicht (Kalter Krieg grüsst noch immer) aussen vor lassen und Russland (notabene auch zum Teil ein Teil von Europa) applaudieren und akzeptieren, dass sie handeln und nicht NUR grosse Worte schwingen?
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  • Kommentar von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
    Warum Kritik gegenüber Russland statt gegenüber den anderen europäischen Staaten, welche Italien nicht halfen und nun sehr zögerlich (Lieferung von 7Tonnen Material aus D am 22.3.20...)???
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  • Kommentar von Urs Stotz  (Urs Stotz)
    Ich beobachte schon länger die Russland Artikel von David Nauer.
    Seine Artikel haben selten mit Journalismus, sondern meist mit Propaganda zu tun.
    Es werden oft negativ besetzte Sprach-Konstrukte verwendet, ganz wie es in einem Lehrbuch für Propaganda stehen könnte, das hat sicher nichts mit Journalismus zu tun.
    Wie in diesem Artikel wo Russlands Nothilfe zu "Putins Corona-Coup" wird.
    Es wird immer Spaltung bezweckt.
    Die Artikel müsste man mit transatlantische Dauerpropaganda kennzeichnen.
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    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Urs Stotz
      Guten Tag,
      Unser Korrespondent in Moskau, David Nauer, antwortet Ihnen wie folgt:
      «Ein «Coup» ist gemäss Duden ein «kühn angelegtes, erfolgreiches Unternehmen». Ich kann daran nichts Negatives erkennen. Ganz generell gilt: es ist meine Aufgabe als Korrespondent, das Handeln von Politikern - in diesem Fall Wladimir Putin - kritisch zu hinterfragen. Das habe ich in dem Artikel getan. Auch Ihren generellen Vorwurf der «Propaganda» muss ich in aller Form zurückweisen. Wenn Sie meine vielfältige Berichterstattung auf Radio SRF/SRF News kennen würden, dann wüssten Sie, dass dies eine haltlose Unterstellung ist.
      Mit freundlichen Grüssen – David Nauer»
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    2. Antwort von Urs Stotz  (Urs Stotz)
      Dankeschön für Ihre Antwort.
      Eine kritische Haltung ist nicht der Punkt meines Kommentars, sondern die auffällige Einseitigkeit und die Negativdarstellung Russlands. Ich wünsche eine kritische Haltung auf beiden Seiten, gegenüber Russland aber auch gegenüber dem Westen. Anstatt zu Spaltung sollten Artikel zu Verständnis beitragen. Das vermisse ich.
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