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Russland lockert Einreisebestimmungen
Aus Echo der Zeit vom 17.02.2020.
abspielen. Laufzeit 04:57 Minuten.
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Russische Tourismus-Offensive «Eine Revolution, was den Umgang mit Ausländern betrifft»

Einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, die Gemälde in der Eremitage von Sankt Petersburg bestaunen, über den Roten Platz in Moskau schlendern: Wer das tun möchte, muss einiges an Bürokratie über sich ergehen lassen. Ein Relikt aus Sowjetzeiten. Ab 2021 ändert Russland nun aber seine Visa-Regeln für Touristinnen und Touristen. Für SRF-Korrespondent David Nauer hat das Riesenreich grosses Potenzial, um zum Reiseland zu werden.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Warum wird dieser alte Zopf gerade jetzt abgeschnitten?

David Nauer: Ausschlaggebend war wohl die Fussball-WM von 2018. Damals konnten Fussballfans mit einem Ticket für ein Spiel vereinfacht einreisen. Es war das erste Mal, dass Russland ein solches Prozedere getestet hat. Die Erfahrungen haben den russischen Behörden gezeigt, dass das funktioniert – dass es also weder schlimm noch gefährlich ist, wenn Touristen in grosser Zahl ins Land kommen und sich frei bewegen. Man hat erkannt, dass es ganz im Gegenteil gut ist für Russland.

Heute kompliziert – künftig einfach

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Nach Russland darf nach wie vor nur reisen, wer eine «Einladung» eines russischen Reisebüros oder eines Hotels hat, das quasi die Verantwortung für den Touristen aus dem Ausland übernimmt. Bislang war es entsprechend kompliziert und zeitaufwändig, ein russisches Visum zu bekommen. Oft musste man auf der Botschaft vorbei und eine Vielzahl an Dokumenten vorweisen.

Geplant ist nun eine massive Liberalisierung und Vereinfachung des Prozederes. In Zukunft sollen Bürgerinnen und Bürger von über 50 Staaten – darunter auch der Schweiz – bequem ein Online-Visum beantragen können. Ein gültiger Pass reicht dann zusammen mit dem Visum aus, um nach Russland einreisen zu können.

Gibt es auch kritische Stimmen in Russland, die gegen eine solche Liberalisierung sind?

Davon kann man ausgehen, vor allem im Sicherheitsapparat. Aus Sowjetzeiten gibt es immer noch eine stark isolationistische Tradition. Unter den Kommunisten durften Ausländer nur in Gruppen und begleitet durchs Land reisen. Jeder Ausländer galt als potenzielles Sicherheitsrisiko. Das war in den letzten Jahren zwar nicht mehr so. Aber diese Art zu denken hat sich erhalten, vor allem bei den Sicherheits- und Grenzschutzbehörden, den Geheimdiensten und so weiter.

Zu Sowjetzeiten galt jeder Ausländer als potenzielles Sicherheitsrisiko.

Offenbar konnten sich nun diejenigen Kräfte in der russischen Regierung durchsetzen, die das Land öffnen und eine liberale Praxis etablieren wollen. Für Russland sind das grosse Veränderungen – es ist eine eigentliche Revolution, was den Umgang mit Ausländern und Touristen betrifft.

Kasan
Legende: Riesenreich mit vielen Gesichtern: Kasan etwa, die Hauptstadt der Republik Tatarstan, ist eine wahre Kultur- und Wirtschaftsmetropole – und Zentrum des russischen Islams. Reuters

Was erhofft sich Russland von der Tourismus-Offensive?

Vor allem wirtschaftliche Impulse. Die Rede ist davon, den Umsatz der russischen Tourismus-Industrie in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren auf knapp 30 Milliarden Dollar zu verdreifachen. Es geht aber nicht nur ums Geld, sondern auch um Soft-Power: Russland hat ja nicht das beste Image in der Welt.

Der Tourismus ist in Russland extrem unterentwickelt.

Die Erfahrung zeigt aber, dass Leute, die Russland besucht haben, danach ein anderes oder zumindest differenzierteres Bild des Landes haben. Denn sie erleben, dass Russland nicht nur aus dem Kreml und seiner von vielen kritisch gesehenen Politik besteht – sondern dass Russland ein vielfältiges und sehr freundliches Land ist.

Grosse Hoffnungen also – doch wie realistisch sind sie?

Sie sind realistisch. Der Tourismus ist in Russland extrem unterentwickelt. Im vergangenen Jahr sind etwa fünf Millionen ausländische Besucher ins Land gekommen. Zum Vergleich: Der winzige Vatikan hat ungefähr gleich viele Besucher.

Tourist auf dem Roten Platz
Legende: Die Welt zu Gast bei Putin? Mitnichten. Während der Fussball-WM in Russland erlebten viele Besucher das andere Gesicht Russlands – abseits der politischen Ränkespiele. Reuters

Kürzlich war ich etwa in einer kleinen Stadt ausserhalb von Moskau. Sie hat einen wunderbaren «Kreml», also eine mittelalterliche Burg, Kirchen und eine kleine, zauberhafte Altstadt. Dieser Ort könnte ein wahrer Touristenmagnet sein. Als ich durch die Gassen spaziert bin, habe ich aber keinen einzigen Touristen gesehen – und schon gar keinen aus dem Ausland. Daran sieht man, wie gross das ungenutzte Potenzial der Tourismusdestination Russland ist.

Das Gespräch führte Beat Soltermann.

Echo der Zeit vom 17.02.2020

Video
Mein anderes Russland – Sinnsuche am Baikal
Aus DOK vom 28.11.2018.
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srf/imhm

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Mueller  (Elbrus)
    Die Webseite von Mos.ru Bürgermeister Sobjanin ergibt für Moskau in 2018 5.5 Mio. Ausländische Touristen von 21 Mio. insgesamt. Die 5 Mio. für Gesamt Russland sind mit Sicherheit erheblich fehlerhaft.
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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
    Interessant wird sein, ob die Russen auch selbst eine Reisefreiheit kennenlernen dürfen, wie sie die West- und Mitteleuropäer ganz selbstverständlich geniessen. Die Paranoia des Putin-Regimes vor einreisenden Ausländern mit westlichen Werten und folgenden Einreisehürden hat ja bislang zur Folge, dass eben Russen umgekehrt auch nicht so schnell an ein Schengen-Visum kommen. Ob der Kreml bedacht hat, dass den Russen dann Demokratie und Freiheit im Direktkontakt nur allzu gut gefallen könnten?
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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Dafür muss sich Russland aber auch sprachlich öffnen. Ich denke die wenigsten Touristen sind bereit, die kyrillische Schrift und Russisch zu lernen, für einmal in Russland Ferien zu machen. Da fährt man dann doch lieber in ein Land, dass sich Mühe gibt die Sprachbarrieren für Touristen abzubauen.
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    1. Antwort von Christian Baumann  (Christian Baumann)
      Lassen wir den Russen doch ihre kyrillische Schrift! Einen zweiten Ballermann in Sotschi braucht's nun wirklich nicht.
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    2. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Ich kenne Sotschi nicht, aber man könnte in grossen Städten die Strassenschilder mit einem 2. Schild versehen. Ein Freund von uns hatte sich mal in Moskau verlaufen, weit ab von den Touristenzonen. In seiner
      Verzweiflung, hat er das Reisebüro angerufen. Die Antwort, sagen Sie uns wo Sie sind, wir holen Sie ab. Seine Antwort : ich kann es doch nicht lesen.
      Ging aber am Ende gut aus.
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    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Die kyrillische Schrift zu erlernen ist Kinder leicht und kann eigentlich jedem zugemutet werden.
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    4. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Die Schriftzeichen schon Herr Planta, obwohl so Kinderleicht fand ich es auch nicht. Die Aussprache ist dafür nicht so einfach.
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