Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Erdogan wagt die Kraftprobe mit den USA abspielen. Laufzeit 04:06 Minuten.
04:06 min, aus SRF 4 News aktuell vom 14.12.2018.
Inhalt

Säbelrasseln der Türkei «Erdogan will einen Rückzug der YPG»

Gegen den Willen der USA plant der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Militäroffensive im Norden Syriens. Schon in den nächsten Tagen sollen kurdische Rebellen angegriffen werden, hiess es aus Ankara.

Derweil hat das Pentagon einseitige militärische Schritte seines Nato-Partners in Syrien als «inakzeptabel» bezeichnet. Wieso die Türkei die Kraftprobe mit den USA sucht, weiss Thomas Seibert.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Freier Journalist

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Thomas Seibert ist seit 22 Jahren Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF. Vor kurzem musste er Istanbul verlassen, weil ihm die Türkei keine Arbeitserlaubnis mehr ausstellen wollte. Etwas später erhielt er wieder eine Akkreditierung.

SRF News: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan plant eine Offensive in Nordsyrien, und das gegen den Willen der USA. Weshalb?

Thomas Seibert: Erdogan will mit seiner Ankündigung vor allem den Druck auf die USA in Syrien erhöhen. Die Türkei fordert seit längerem ein Ende der Zusammenarbeit der USA mit der kurdischen Miliz YPG. Ziel der Türkei ist, dass sich die YPG-Kämpfer zumindest aus den Grenzregionen zur Türkei zurückziehen.

Karte.
Legende: Kurdische Gebiete in Nordsyrien: In Afrin sind schon im letzten Januar von der Türkei unterstützte syrische Rebellen einmarschiert und haben die Kurdenkämpfer vertrieben. srf

Die USA arbeiten in Syrien schon lange mit den kurdischen Rebellen zusammen. Warum kündigt Erdogan die Offensive gerade jetzt an?

Das hat mit der Andeutung der Amerikaner zu tun, auf unbestimmte Zeit in Syrien bleiben zu wollen. US-Soldaten bilden die Kämpfer der YPG aus und beliefern sie mit Waffen, damit sie den «Islamischen Staat» bekämpfen können. Der IS hat in den letzten Jahren zwar fast sein ganzes Territorium verloren, doch die USA wollen trotzdem in Syrien präsent bleiben – nicht zuletzt auch deshalb, um gegen den iranischen Einfluss im Land vorgehen zu können. Dabei sind die kurdischen Rebellen in Syrien die wichtigsten Partner der USA.

Erdogan will ein definitiv kurdisch-autonomes Gebiet in Syrien verhindern.

Die YPG hat die Hilfe der Amerikaner ihrerseits auch dazu genutzt, um entlang der Grenze zur Türkei ein autonomes kurdisches Gebiet aufzubauen. Das passt der Türkei überhaupt nicht. Bislang hatte sie jedoch keine Möglichkeit gehabt, dagegen vorzugehen. Nun, da sich eine länger andauernde Präsenz der Amerikaner in dem Gebiet abzeichnet, will Erdogan verhindern, dass das autonome kurdische Gebiet definitiv wird.

Türkische Angriffe auch in Nordirak

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
Türkische Angriffe auch in Nordirak

Die türkische Luftwaffe geht auch im Norden Iraks gegen Kurdenkämpfer vor. Laut Medienberichten griffen am Donnerstagabend mehr als 20 Kampfjets sowie Drohnen mehr als 30 Ziele um Sindschar und den Berg Karacak an. Laut dem türkischen Verteidigungsministerium bedrohten die kurdischen PKK- und YPG-Kämpfer die Sicherheit der türkischen Grenze. Es seien Wohngebäude, Höhlen, Tunnel und Lagerhäuser zerstört worden. Die Türkei betrachtet PKK und YPG als Terrororganisationen. In der EU und den USA steht nur die PKK auf der Terrorliste.

Die Türkei will also, dass die Kurden aus dem Gebiet unmittelbar an der Grenze weggehen?

Ja. Ankara schwebt dazu die Einrichtung einer Pufferzone entlang der Grenze vor, die 15 bis 20 km breit wäre und auf syrischer Seite liegen soll. Dazu müssten die kurdischen Rebellen aber Städte wie Kobane oder Tal Abjad räumen. Das jedoch dürfte kaum geschehen, auch nicht auf Druck der Amerikaner. Die Lage ist also gefährlich.

Die Situation ist explosiv.

Droht eine Eskalation in der Region, wenn die türkische Offensive auf die Kurdengebiete in Nordsyrien beginnt?

Die Amerikaner wollen zunächst noch versuchen, die Türken mittels Gesprächen von ihren Plänen abzubringen. So haben die beiden Generalstabschefs offenbar bereits miteinander telefoniert. Allerdings gibt es für die Amerikaner kaum Möglichkeiten, die Türken von der angekündigten Offensive abzubringen.

Amerikanische Soldaten könnten in die Schusslinie geraten.

Die Presse in der Türkei ist schon sehr martialisch gestimmt, sie berichtet von einem Truppenaufmarsch an der Grenze und punktuellen Angriffen auf YPG-Kämpfer in Syrien. Damit könnten allerdings amerikanische Soldaten in die Schusslinie geraten. Ausserdem haben die Amerikaner die moralische Verpflichtung, ihre kurdischen Verbündeten zu schützen. Die Situation ist tatsächlich explosiv.

Panzer auf einem Lastwagen.
Legende: Türkei baut Drohkulisse auf: Panzer werden an die Südgrenze zu Syrien verschoben. Keystone

Was erwartet sich die Türkei von diesem Hochrisiko-Pokerspiel?

Aussenpolitisch will Erdogan signalisieren, dass er die Hilfe für die YPG nicht mehr hinnehmen will. Innenpolitisch schielt er schon auf die Regionalwahlen im kommenden März. Er hofft wohl, vom Anti-Amerikanismus im Land profitieren zu können, indem er den USA die Stirn bietet.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

19 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Arthur Müller (Arthur)
    Und wo ist , Ihrer Meinung nach, Kurdistan?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beat. Mosimann (AG)
    Ich finde es gut, dass Präsident Erdogan, diese Möglichkeit, des Angriffes, offen kommuniziert. Jetzt können alle in Sicherheit, so sollte es keinen Toden Soldaten od.Kurden geben u. ER kann sich den teuren Einsatz sparen.
    USA hat im Osten gar nicht verloren, die Syrischen Flüchtlinge, leben in der Türkei, im Schutz von Präsident Erdogan, darum ist es auch nicht mehr als RECHT, dass diese in ihr Land wieder zurück gehen können, hinter die Pufferzone. Gehören die Kurden nicht nach Kurdistan?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      und in Kurdistan, die Gebiete von Diyarbarkir bis Van , in denen dürfen sie auch nicht mehr frei leben und werden verfolgt. Den Begriff Kurdistan möchte man in der Türkei nicht hören.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marco Guerra (M.G)
    Wollen wir wetten? Wenn die Türken tatsächlich angreifen würden, sind es bestimmt wieder die Amerikaner schuld. Das glaub ich schon lange nicht mehr. 90% von allen Kriege die im Orient und mittlerer Osten statt finden, ist weil die islamischen Länder untereinander nicht klar kommen und nicht wegen den westen. Ich bin zwar kein Islam Wissenschaftler aber kenne mich genug aus um eine persönliche Meinung zu bilden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Stanic Drago (Putinversteher)
      Sie sind eindeutig kein Islam Wissenschaftler. USA ist Alierte von Saud Arabien und in Qatar haben sie grösste Marinen Base in Nah Osten. Qatar ist Haupt Sponsor von Muslim Bruder und Saudis von IS. Wieso USa mit ihren 30 Militär Basen in Irak haben es nicht gschaft IS zu stopen? erst wenn Schiitische Milizen in Krieg sich eingemischt haben würde IS in Irak besiegt. In Syrien war es ähnlich.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen