«Salafisten sind heute leider die besseren Sozialarbeiter»

Viele junge Menschen aus Europa fühlen sich vom islamischen Extremismus angezogen. Der Psychologe Ahmad Mansour erklärt, welche Marktlücke Salafisten in Deutschland gefunden haben und weshalb der Islamismus nicht mit Flugzeugen besiegt werden kann.

Der Salafistenprediger Pierre Vogel spricht auf einer Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Salafisten wie der Prediger Pierre Vogel verstehen es, Jugendliche für ihre konservative Weltanschauung zu gewinnen. Imago

Ahmad Mansour ist mit viel Herzblut bei der Sache. Das spürt man, wenn man ihn trifft. Der 39-jährige Psychologe, der mittlerweile von Personenschützern bewacht werden muss, spricht Klartext. Etwa wenn es um jene jungen Muslime geht, die zwar im Westen leben, aber die westlichen Werte ablehnen. «Das sind Menschen, die an einen Gott glauben, der nicht mit sich diskutieren lässt. Sie tragen eine antisemitische Einstellung in sich und glauben an Verschwörungstheorien.»

Nicht nur die Dschihad-Reisenden sind gefährlich

«Generation Allah» nennt er diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Auch sein neues Buch trägt diesen Titel. Die extremsten von diesen jungen Menschen reisen in den Irak oder nach Syrien und schliessen sich der Terrororganisation des so genannten Islamischen Staats an.

Aber auch die vielen, die diesen letzten Schritt nicht machen, hält Ahmad Mansour für ein Problem. Sie bildeten Parallelgesellschaften, zeigten eine abschätzige Haltung gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen, sorgten für Konflikte an Schulen, sagt er.

Die Marktlücke der Salafisten

Häufig sind sie von der Ideologie der strengreligiösen Salafisten beeinflusst, denn diese haben es ja gerade auf Teenager und junge Erwachsene abgesehen, die in einer Krise stecken oder Orientierung suchen. «Salafisten sind heute leider die besseren Sozialarbeiter. Sie haben eine Marktlücke gefunden. In der Mehrheit der Moscheen wird in der Herkunftsprache gesprochen. Man orientiert sich an der ersten oder zweiten Generation von Menschen. Die Probleme von Jugendlichen werden überhaupt nicht angesprochen», erklärt Mansour-

Demgegenüber würden die Salafisten sehr geschickt in einer jugendgerechten Sprache kommunizieren, stellt Mansour fest. Die Salafisten sind mit ihren Koran-Ständen in Fussgängerzonen anzutreffen, teilweise sind sie auch vor Schulhäusern unterwegs.

Tornados besiegen den Islamismus nicht

Und vor allem sind sie im Internet und in den Sozialen Medien sehr präsent. Hier müsse man endlich Gegensteuer geben, verlangt Ahmad Mansour. Und zwar auf kluge Weise: «Tornados nach Syrien zu schicken, um Islamismus zu bekämpfen wird nichts bringen. Islamismus entsteht in Paris, Berlin, Zürich oder Hamburg. Da müssen wir den Islamismus bekämpfen.»

Eine wichtige Rolle spielten die Lehrer. Es brauche an den Schulen ein Wir-Gefühl für alle. Muslimische Jugendliche müssten spüren, dass sie dazugehören. Nur dann könne man sie erreichen. «Wir brauchen Lehrer, die fähig sind, die Welt dieser Jugendlichen zu verstehen und radikale Tendenzen zu erkennen. Wir müssen kritisches Denken fördern und über aktuelle politische Themen in den Schulen sprechen.»

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Ahmad Mansour

Ahmad Mansour

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Der Palästinenser wurde als Jugendlicher in Israel beinahe selbst ein radikaler Islamist. Heute lebt der Psychologe in Deutschland und beschäftigt sich mit Projekten, die Extremismus bekämpfen. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Salafismus und Antisemitismus vorgelegt.

Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Religion

Sonst holten sich die Jugendlichen anderswo die Informationen, im schlimmsten Fall bei den Salafisten. Im Kampf gegen den Radikalismus seien aber auch die Muslime in Deutschland und in der Schweiz gefordert. Nötig sei eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Religion. Simple Erklärungen, nach dem Muster «Gewalt hat nichts mit dem Islam zu tun», reichten nicht.

Ahmad Mansour, selber Muslim, ist überzeugt: Religion ist sehr wohl ein Faktor bei der Radikalisierung von jungen Menschen. «Wir können Religion nicht ausblenden und sagen, dass dies mit dem Islam nichts zu tun hat. Mit meinem Islamverständnis hat es nichts zu tun. Aber mit dem Islamverständnis des Mainstream-Islams in Europa hat das sehr viel zu tun.»

Abrücken von der konservativen Theologie gefordert

Denn auch die meisten Islamverbände in Europa propagierten eine konservative Theologie und lehnten eine kritische Analyse der Korantexte ab. Demgegenüber fordert Ahmad Mansour, den Glauben mit kritischem Denken zu verbinden. Muslime müssten aktiv für die Gleichberechtigung aller Menschen eintreten.

Sie müssten sich offensiv gegen patriarchale Erziehungsmethoden in den Familien engagieren, so wie er und seine Mitstreiter das mit ihrer Beratungsstelle in Berlin tagtäglich tun. Ganz besonders kritisiert der Psychologe, dass sich konservative Muslime so stark auf die Jungfräulichkeit unverheirateter Frauen fixierten.

Es sei wichtig, diese unbequeme und schwierige Debatte zu führen, sagt Ahmad Mansour zum Abschluss. Nur so liessen sich kluge und differenzierte Lösungen finden. Denn wenn man das nicht tue, überlasse man das Islamthema den Rechtspopulisten und Rechtsradikalen, denen es nur darum gehe, Vorurteile und Hass zu schüren.

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