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Legende: Audio Scharia: Öffentliche Auspeitschungen in Banda Aceh abspielen. Laufzeit 05:09 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 15.04.2019.
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Scharia in Indonesien Wenn Auspeitschung zum Massen-Event wird

Eins, zwei, drei, vier... Eine vermummte Gestalt lässt einen Bambusstock auf Melda bin Amelia's Rücken niedersausen – 22 Mal. Danach steht die junge Melda auf. Sie ist ganz in weiss gekleidet. Den Kopf hat sie gesenkt. Eine Träne rinnt ihr über die Wange.

Schauplatz der Szenerie ist ein Podest vor einer Moschee im Zentrum der Provinzhauptstadt Banda Aceh. 12 Männer und Frauen werden mit Stockschlägen bestraft, weil sie gegen die Scharia verstossen hatten.

3 Monate Gefängnis – 3 Stockhiebe weniger

Meldas Vergehen und das ihres Freundes Fairus, der ebenfalls mit Stockhieben bestraft wird, hatte eine Vollstreckerin schon vorgängig verlesen: Das junge Paar habe gegen einen Paragraphen verstossen, der es Unverheirateten verbietet, sich zu küssen oder sich alleine in einem privaten Raum zu treffen. Deshalb wurden die beiden von der Scharia-Polizei verhaftet und vom Scharia-Gericht verurteilt. Sie verbrachten bereits drei Monate im Gefängnis. Die Zeit wird der Strafe angerechnet: Pro Monat im Gefängnis gibt es einen Stockhieb weniger.

Die Bestrafung von zehn weiteren Verurteilten folgt. Sie stehen oder knien auf einem Podest. Der Platz ist gefüllt mit Schaulustigen. Sie sei eben auf dem Weg zum Markt hier vorbeigekommen und habe die Menschenmenge gesehen, sagt Serega, eine Frau die im Getümmel steht.

Wenn sie von allen gesehen werden, schämen sie sich. Das schreckt auch andere ab.
Autor: DarmisahStudentin

«Die haben die Strafe verdient. Das ist eine Strafe von Gott!», sagt die Frau. Dass die Strafe in aller Öffentlichkeit verübt wird, befürwortet Darmisah, eine junge Studentin: «Wenn sie von allen gesehen werden, schämen sie sich. Das schreckt auch andere ab.»

Frau wird in Aceh.
Legende: Eine Frau weint, während sie von einem Scharia-Polizisten auf das Podium geführt wird. (Bild von 2017) Keystone

Scharia verbietet ausserehelichen Sex

Aceh hat das Scharia-Recht erst vor wenigen Jahren als einzige Provinz in Indonesien eingeführt. Es war ein lange gehegter Wunsch der Provinz und ein Zugeständnis der Zentralregierung, als der jahrzehntelange Bürgerkrieg zwischen der Separatistenorganisation GAM und den Regierungstruppen 2005 endlich zu Ende ging.

Die Scharia verbietet Konsum von Alkohol, das Glücksspiel, ausserehelichen Sex, Sex zwischen Homosexuellen, aber auch Händchenhalten zwischen Nichtverheirateten. Seit der Einführung des islamischen Rechts wurden bereits Hunderte von Menschen mit der Rute bestraft.

Scharia-Polizei erzwingt Geständnisse

Syahrul Putra Mutia arbeitet für das Banda Aceh Legal Aid Institute. Die lokale Menschenrechtsorganisation leistet rechtlichen Beistand. Bei Scharia-Fällen sei das aber hoffnungslos, sagt Mutia. Die Scharia-Polizei erzwingt die Geständnisse oft mit Gewalt. Die grössten Konsequenzen des Scharia-Rechts spüren die Frauen: Abends haben sie Ausgangssperre und in den Schulen werden Mädchen und Knaben getrennt. Der Bewegungsspielraum ist eng geworden.

Wer einmal bestraft wurde, werde danach meist von der Gemeinschaft nicht mehr akzeptiert und müsse wegziehen.

Scharia in Aceh (Bild von 2016)
Legende: Stockhiebe wegen Vergehen gegen die Scharia in Aceh. (Bild von 2016) Keystone

Scharia als Instrument der Macht

Die Scharia sei eine Lebensform, der hier alle Muslime zustimmten, doch wie das Recht jetzt in Aceh umgesetzt werde, lasse auch aus islamischer Sicht so manche Fragen offen, sagt Reza Indria, ein Professor der islamischen Universität in Banda Aceh.

Die Leute hier wollten das Scharia-Recht, aber nicht so wie es die Regierung jetzt umsetzt. Die Scharia sagt nämlich auch, dass die Würde der Menschen geachtet werden müsse, das geschieht nicht bei den öffentlichen Prügelstrafen. Für die Regierung ist die Scharia ein Instrument der Macht.

Die Politiker versuchten sich so als besonders religiös zu präsentieren. Bestraft würden hauptsächlich arme Leute, die nicht genügend Geld hätten, sich frei zu kaufen. Für Korruption hingegen ist die Scharia nicht zuständig.

Aceh kurz erklärt

Aceh kurz erklärt
Legende:srf

Die Provinz Aceh liegt am nördlichsten Zipfel von Indonesien. Das ehemalige Sultanat wird auch die Veranda von Mekka genannt und war aufgrund seiner Lage das Eingangstor für den Islam in Indonesien. Acehs Bewohner gelten bis heute als besonders religiös.

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66 Kommentare

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  • Kommentar von Achim Frill  (Afri)
    Mit seiner einfachen, aber legendären Aufforderung zeigte Jesus den Religiösen quasi den Mittelfinger: "wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein". Alle schlichen sie davon. Damit demontierte der Herr ein für allemal diese verfluchte Selbstgerechtigkeit, welche sich weltweit "Religion" nennt und aus Menschen unbarmherzige Monster macht.
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  • Kommentar von u. Felber  (Keule)
    Wie schon so viele: ein weiteres Land das mich nie sehen wird! Gleiches gilt für deren Produkte.
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    1. Antwort von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
      Verzichten Sie auf saudisches Öl?
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    2. Antwort von Haller Hans  (H.Haller)
      Es ist nicht das Land, sondern die Gesinnung. Und diese Gesinnung ist ja auch in Europa auf dem Vormarsch und findet, in bestimmten Kreisen wohlverstanden, sehr viel Verständnis und Wohlwollen. Also das Land da nicht zu besuchen, schränkt nur Sie selber ein. Zudem lässt sich da viel sehen, was man eigentlich nicht gerne sieht und dennoch wissen sollte.
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  • Kommentar von Edwin Schaltegger  (Edwin Schaltegger)
    Wo bleiben die Proteste von Amnesty International, Human Rights und der UNO Menschenrechtskommission? Die Scharia ist ein Relikt aus dem 6. Jahrhundert und verstösst in krasser Weise gegen die Menschenrechte. Aceh wurde mit hunderten von Mio. CHF nach der Tsunami Katastrophe primär von westlichen, christlichen demokratischen Ländern ohne Bedingungen unterstützt. Es zeigt sich, dass in Zukunft Hilfsgelder an solche Länder mit politischen Bedingungen verknüpft werden müssen!
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    1. Antwort von Hanspeter Müller  (HPMüller)
      Amnesty berichtet seit Jahren regelmässig über die Region und dortige Menschenrechtsverletzungen und hat versucht die Einführung der Scharia zu verhindern mit einer "urgend action". Der Uno-Menschenrechtsrat hat 2017 Indonesien beurteilt, zahlreiche Punkte kritisiert und 225 Vorschläge zur Verbesserung vorgelegt. HRW berichtet und protestiert ebenso seit Jahren. Alles auf den jeweiligen Webseiten aufgeschaltet und dort findbar.
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