Der Mann bleibt diskret. Vorne sprechen drei Aktivisten vor Journalistinnen und Journalisten, präsentieren ihr Vorhaben, mit mehreren Schiffen Hilfsgüter nach Gaza zu bringen und auf die katastrophale Lage aufmerksam zu machen. Der Mann im Hintergrund Mitte August in Genf ist Anouar Gharbi.
Der Name taucht auf, wenn man nach Spuren der Hamas in die Schweiz sucht. «Der Mann der Hamas in der Schweiz», titelte die SonntagsZeitung. Die Vorwürfe gehen bis über zwanzig Jahre zurück.
Die Vorwürfe gegen Gharbi
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Legende:
Anouar Gharbi (rechts) 2008 an einer Solidaritätsveranstaltung für Palästina in Genf.
Keystone/ MAGALI GIRARDIN
Heute ist Anouar Gharbi, ein Schweizer mit tunesischen Wurzeln, Präsident der Organisation «Genfer Zentrum für Demokratie und Menschenrechte».
2003 bezeichneten die USA die Genfer Organisation «Association de Secours Palestinienne» als Unterstützerin der Hamas und belegte dies mit Finanzsanktionen. Das Handelsregister zeigt: Anouar Gharbi war im Vorstand. Der Rundschau bestätigte er im November 2023, er sei damals Sekretär gewesen. Für Überweisungen sei er aber nicht zuständig gewesen. Ein Verfahren der Bundesanwaltschaft wurde eingestellt.
«Ich habe Sympathien für den Widerstand», sagte Gharbi in Le Temps 2010. Er war damals einer der Koordinatoren der «European Campaign to End the Siege on Gaza».
Gharbi war Präsident von «Droit pour tous», wie Le Temps berichtete. 2012 lud die Organisation einen Hamas-Sprecher nach Genf ein. Die israelische Organisation «NGO Monitor» verortet «Droit pour tous» im Umfeld islamistischer Bewegungen der Muslimbruderschaft in Europa. Gharbi beantwortete Fragen dazu nicht.
Er soll gemäss Presseberichten auch am Aufbau von BDS («Boycott, Divest, Sanction») in der Westschweiz beteiligt gewesen sein. Diese gilt einigen Beobachtern zufolge als antisemitisch. Fragen dazu beantwortete Gharbi nicht. Auf seinem Facebook-Konto veröffentlichte er im November 2023 einen Aufruf, BDS zu unterstützen.
Treffen mit dem Chef des Hamas-Politbüros
Ein Foto zeigt ihn 2021 mit dem inzwischen getöteten Hamas-Chef Ismail Haniya. Heute schreibt Gharbi SRF, er habe seit 2023 keinen Kontakt mehr zu Hamas-Vertretern. In der Rundschau im November 2023 betonte er, man müsse unterscheiden zwischen der Hamas als politische Partei und deren bewaffnetem Flügel.
Das sagt Anouar Gharbi
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Anouar Gharbi schreibt in einer Stellungnahme:
«Es ist allgemein bekannt, dass die israelische Propaganda systematisch Personen, die sich für die Einhaltung des Völkerrechts und für Gerechtigkeit einsetzen, sowie Journalisten, die über die in Gaza und im Westjordanland begangenen Verbrechen berichten, mit der Hamas in Verbindung bringt. (...) Das Gleiche gilt für mich als Verfechter der Menschenrechte und der internationalen Gerechtigkeit in verschiedenen Funktionen.»
Recherchen von «10vor10» zeigen nun: Anouar Gharbi ist bei der Schweizer Flottila-Delegation mehr als Zuschauer. Er ist Mitglied des «Comité des Sages» (Rat der Weisen) des Vereins «Waves of Freedom Switzerland», in dem sich die Schweizer Initiantinnen und Initianten organisiert haben. Der Vereinspräsident, Hicham El Ghaoui, sagt: «Wir stehen etwa einmal pro Woche mit ihm in Kontakt. Aber er hat keine direkte Rolle, es geht eher um eine Beratung.» Gharbi bringe grosse Erfahrung mit, so bei der Koordination der Gaza-Flotte 2010.
Vereinspräsident: «Ich schenke diesen Anschuldigungen keinen Glauben»
Die Treffen mit Hamas-Vertretern und wiederholte Vorwürfe gegen Gharbi, er, oder NGOs in denen er involviert war, würden die Hamas unterstützen, sind für den Verein offensichtlich kein Hindernis, sich von ihm beraten zu lassen. Präsident El Ghaoui entgegnet: «Von wem wird das behauptet? Von denselben Leuten, die die ermordeten Journalisten als Hamas-Sympathisanten bezeichnet haben, um ihre Ermordung zu rechtfertigen? Ehrlich gesagt schenke ich all diesen Anschuldigungen keinen Glauben.»
Legende:
Die «Global Sumud Flottila» besteht gemäss deren Website aus Delegationen aus über 40 Ländern.
Tan Safi/Freedom Flotilla Coalition
Anscheinend stehen sich Gharbi und Schweizer Flottila-Aktivisten ziemlich nah. Einer ist Samuel Crettenand, in der Westschweiz ein Exponent der Pro-Palästina-Bewegung. Fotos auf Gharbis Facebook-Account zeigen ihn und Crettenand im Juni in freundschaftlichen Posen. Gharbi lobt Crettenand als Mann der Überzeugung. Crettenand reagierte nicht auf eine Anfrage von SRF.
Das ist die Gaza-Flotte
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Der Schweizer Verein «Waves of Freedom Switzerland» hat nach eigenen Angaben über 130'000 Franken Spenden gesammelt und fünf Boote gekauft, die an Mittelmeerhäfen bereitgemacht werden. Die Besatzungen sollen aus Schweizerinnen und Schweizern bestehen. Im Verbund mit der «Global Sumud Flotilla» will man Richtung Gaza-Streifen segeln, Hilfsgüter liefern und einen «humanitären Korridor öffnen», wie Aktivisten sagen. In der Vergangenheit hat die israelische Marine Schiffe wie kürzlich jenes mit Greta Thunberg an Bord gestoppt und die Besatzungen in deren Heimatländer ausgewiesen.
Die «Global Sumud Flottila» besteht gemäss deren Website aus Delegationen aus über 40 Ländern, ab dem 31. August sollen von verschiedenen Häfen aus Hunderte Boote in See stechen, man will als Masse die israelische Marine umgehen. Legal und gewaltfrei, wird betont.
Grünen-Präsidentin hält an Unterstützung der Gaza-Flotte fest
Unterstützung erfährt die Schweizer Gaza-Flotte auch von Politikerinnen und Politikern. Darunter die Präsidentin der Grünen, Lisa Mazzone. Sie hat auf Instagram ein Video veröffentlicht. Von SRF auf die Rolle des ehemaligen Hamas-Kontaktmannes Gharbi angesprochen, antwortete Mazzone: «Ich habe keine Kenntnisse über die Person.» Die Flotte sei ein gewaltfreier Versuch, «die barbarische Blockade von Hilfsgütern der Regierung Netanyahu zu stoppen und die dramatische Hungersnot in Gaza zu lindern. Dieses Vorhaben unterstütze ich».