Schuh auf dem Pult, Pistole im Halfter: Reden vor der UNO

Reden vor der UNO-Vollversammlung sind aller Regel keine rhetorischen Sternstunden. Der eine oder andere Vortrag ist es dann aber doch wert, sich noch einmal daran zu erinnern. Denkwürdige Momente aus knapp 70 Jahren in unserer Bildergalerie.

10. Januar 1946

Die erste UNO-Generalversammlung fand in der Central Hall des Londoner Westminsters statt. Dabei konstituierte sich der UNO-Wirtschafts- und Sozialrat. 51 Nationen nahmen daran teil.

12. Oktober 1960

Ein Schuh, eine Brille und ein kleiner, dicker, jähzorniger Mann – das sind die Ingredenzien für die Mutter aller Reden vor der UNO-Generalversammlung. Gehalten hat sie Nikita Chruschtschow 1960. Während der Rede eines philippinischen Delegierten sah der sowjetische Staatschef rot und beschimpfte den Diplomaten als «Speichellecker des amerikanischen Imperialismus». Was danach geschah, darüber gehen die Aussagen auseinander. Einige Teilnehmer der Generalversammlung schilderten später, Chruschtschow habe einen Schuh ausgezogen und damit während seiner Schimpftirade auf den Tisch gehämmert. Andere wiederum sagten, Chruschtschow sei erzürnt zum Rednerpult gegangen und habe mit seinem Schuh darauf eingeschlagen. Aufnahmen von diesem Wutausbruch gibt es allerdings nicht.

11. Dezember 1964

Ernesto Guevara hielt 1964 als Kubas Industrieminister eine vielbeachtete Rede vor den Vereinten Nationen. Der Marxist und die Nummer zwei Kubas hinter Revolutionsführer Fidel Castro kritisierte die damalige Aussenpolitik der USA scharf. Er setzte zu einem Rundumschlag gegen die imperialistische Politik an, mit Beispielen von Guyana bis Kongo. Guevara: «Unsere freien Augen erblicken heute neue Horizonte und sind fähig zu sehen, was wir gestern in unserer Eigenschaft als koloniale Sklaven nicht sehen konnten, nämlich dass die ‹westliche Zivilisation› hinter ihrer ansehnlichen Fassade Hyänen und Schakale verbirgt.»

4. Oktober 1965

Wenn der Papst heute vor der UNO spricht, reisst das in aller Regel niemanden vom Hocker. Vor 50 Jahren war das noch ganz anders. Denn als Papst Paul VI. vor den Vertretern der Staatengemeinschaft in New York sprach, feierte ihn die Weltgemeinschaft. Von einer historischen Ansprache war daraufhin die Rede. Was war geschehen? Zunächst hatte Paul VI. der UNO noch höflich zu ihrem 20-jährigen Bestehen gratuliert. Doch dann wurde er konkret: «Nie mehr Krieg! Nie mehr! Es ist der Friede, der Friede, der das Geschick der Völker und der ganzen Menschheit leiten muss!» Er forderte die Nationen zur Abrüstung auf, zur Hilfe für die Armen, zum Kampf gegen den Hunger und verlangte Respekt vor dem Leben von Anfang an. Doch positives Echo hin oder her, die Papst-Worte verhallten ungehört. Neue Kriege folgten.

13. November 1974

Jassir Arafat war der erste Redner vor der UNO-Generalversammlung, der nicht als Staats- oder Regierungsvertreter sprach. Schon vor seiner Ansprache sorgte der Palästinenserführer für erhitzte Gemüter. Schuld daran sein Outfit – und damit war für einmal nicht sein Palästinensertuch gemeint. Vielmehr trug Arafat auch ein Pistolenhalfter. Ob darin aber auch tatsächlich eine Waffe steckte, ist bis heute unklar. In seiner Rede vor den Delegierten blieb sich Arafat treu, forderte einen Palästinenserstaat und drohte Israel.

7. Dezember 1988

Einer der wenigen, die ihren vollmundigen Versprechen vor dem Plenum tatsächlich Taten folgen liessen, war Michail Gorbatschow. Der damalige KPdSU-Generalsekretärs verkündete 1988, dass die Sowjetunion einseitig und ohne vertragliche Verpflichtung im grossen Stil abrüsten werde. Um eine halbe Million Soldaten, tausende Panzer und Artilleriesysteme sowie hunderte Kampfflugzeuge werde die Rote Armee reduziert. Ein Paukenschlag zur damaligen Zeit. Von «seinem grössten Auftritt» sprach daraufhin das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel»

13. September 2002

Die Schweiz hatte sich lange geziert, Mitglied der Vereinten Nationen zu werden. Vor 13 Jahren aber war es dann so weit. Die erste Rede für das neue UNO-Mitglied hielt Aussenminister Joseph Deiss. Darin legte dieser vor allem auf die Feststellung wert, dass die Neutralität kein Hindernis für eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Weltorganisation darstelle. Zudem wolle sich die Schweiz entschieden für die Friedensförderung und die internationale Sicherheit einsetzen.

6. Februar 2003

Das ist der «Schandfleck meiner Karriere», sollte Colin Powell später sagen. Doch dass der US-Aussenminister mit seinem Auftritt vor dem UNO-Sicherheitsrat den Weg für einen Krieg und Zehntausende Tote freimachen würde, hätte dem als gemässigt geltenden Republikaner durchaus schon damals klar sein können. In einer Präsentation legte er damals angebliche Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen vor. Die USA rechtfertigten damit die Invasion im Irak. Aber weder die fahrbaren Labors für biologische Waffen noch Ausgangsstoffe für die Uran-Anreicherung wurden später gefunden.

20. September 2009

Unverblümte Attacke: Venezuelas inzwischen verstorbener Präsident Hugo Chavez war, wie viele linke Politiker aus Südamerika, für seine Reden, vor allem mit dem Ziel gegen die USA zu schiessen, bekannt. 2006 stieg Chavez auf die Bühne und bemerkte: «Es riecht immer noch nach Schwefel». Chavez deutete auf das Pult, von dem George W. Bush 24 Stunden zuvor seine Rede gehalten hatte. «Gestern war der Teufel hier, genau hier», sagte Chavez und bekreuzigte sich dabei. Die USA bezeichnete er als «die grösste Gefahr für unseren Planeten».

22. September 2009

15 Minuten sollten es werden – am Ende waren es 90. Aber nicht nur damit sorgte Muammar al-Gaddafi vor der Generalversammlung für einen historischen Moment. Weil er ohne Manuskript redete, improvisierte und zum Teil abrupt das Thema wechselte, soll er sogar einen Dolmetscher an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht haben. Damit nicht genug beschimpfte er den Sicherheitsrat als «Terrorrat» und zerriss das Deckblatt der UNO-Charta. Damit habe er unterstreichen wollen, dass er diese mit Ausnahme der Präambel nicht akzeptiere.

22. September 2009

Am gleichen Tag wie Gaddafi und nach diesem sprach Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad vor der UNO. Traditionell hetzte er gegen Israel und präsentierte Verschwörungstheorien zu den Anschlägen vom 11. September. Den Westen und Amerika brandmarkte er als Verantwortliche für Weltkriege, Massenmord und Vertreibung. Die Adressaten seiner Rede verfehlte Ahmadinedschad jedoch. Sie hatten bereits zuvor demonstrativ den Saal verlassen.

27. September 2012

Auch Ahmadinedschads Gegenspieler hatte seinen Auftritt vor der UNO. Um vor dem iranischen Atomprogramm zu warnen, präsentierte Israels Premier Benjamin Netanjahu ein Plakat mit einer Comic-Bombe. Während seiner Rede zückte er schliesslich einen roten Filzstift und markierte eine rote Linie, die aus Sicht Israels nicht überschritten werden dürfe. Nur so könne der Iran vom Bau einer Atombombe abgehalten werden.

12. Juli 2013

In einer Rede vor der UNO-Jugendversammlung appellierte Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai an ihrem 16. Geburtstag eindringlich an die Staaten, Schulbildung für alle Kinder sicherzustellen. «Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern», betonte Malala in einer leidenschaftlichen Rede. Diese Ansprache war ihr erster grosser Auftritt, nachdem Islamisten im Oktober 2012 versucht hatten, sie mit mehreren Schüssen in den Kopf und den Hals zu töten.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Ein Syrien mit oder ohne Assad?

    Aus Tagesschau vom 28.9.2015

    In New York hat die UNO-Vollversammlung begonnen. Im Fokus der Syrienkrieg. Und die Frage: Finden die USA und Russland eine gemeinsame Position? Einschätzungen von Peter Düggeli, SRF-Korrespondent in Washington, und Pascal Weber, SRF-Korrespondent in Beirut.

  • Kann die Uno-Generaldebatte etwas bewegen?

    Aus Echo der Zeit vom 28.9.2015

    Selten waren die Hoffnungen in das jährliche Spitzentreffen der Staats- und Regierungschefs an der Uno-Generaldebatte so hoch wie diesmal. Angesichts der Kriege in Syrien, Jemen und der Ukraine sind Lösungen dringend gesucht. Die Differenzen zwischen den USA und Russland erschweren die Lage.

    Fredy Gsteiger