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Schulen in den USA Lehrer machen Politik mit Bildung

Die Lehrer in West Virginia machen mobil: Höhere Löhne haben sie sich bereits erstritten, jetzt wollen sie die politische Wende.

Legende: Audio West Virginias Lehrer machen mobil abspielen. Laufzeit 04:59 Minuten.
04:59 min, aus Rendez-vous vom 31.05.2018.

Schon bald beginnen die langen Sommerferien in West Virginia. Die Kinder an der Baileyville Primarschule im Süden des US-Bundesstaats bereiten schon mal den «field day» vor: Am letzten Schultag wird mehr gespielt als ernsthaft gelernt. Spass und Sport stehen dann im Zentrum.

Doch ganz locker lässt Lehrerin Lisa Collins noch nicht. Nach dem Mittagessen führt sie ihre zwölf Zweitklässler zurück ins Schulzimmer – in ein liebevoll dekoriertes, gut ausgestattetes Zimmer mit Hellraumprojektor, Fingerfarben und neuen Schulbüchern.

Lehrer verdienen weniger als LKW-Fahrer

«An den Lehr- und Lernbedingungen gibt es an West Virginias Schulen wenig zu kritisieren», sagt Collins. «An den Lehrerlöhnen dafür umso mehr.» Auch Lehrerinnen und Lehrer müssten doch von ihrer Arbeit leben können, betont sie.

Lehrerin an ihrem Pult, ein Schüler ist auch im Bild.
Legende: Lehrerin Lisa Collins hofft, dass im November schulfreundliche Politiker gewählt werden. srf/max akermann

Eine Lehrperson in West Virginia beginnt mit weniger als 3000 Dollar pro Monat, der Durchschnittslohn liegt bei knapp 4000. Damit steht West Virginia an 48. Stelle der 50 US-Bundesstaaten. Nur Mississippi und Oklahoma zahlen noch weniger. Lastwagenchauffeure oder Kohlekumpels verdienen in West Virginia deutlich mehr als Lehrer.

Nach Steuersenkungen wurde dem Erziehungswesen das Budget massiv gekürzt.
Autor: Dale LeePräsident der Lehrergewerkschaft WVEA

«Kein Wunder wandern gut qualifizierte Leute ab. Die Löhne in den benachbarten Staaten sind viel höher», beklagt Collins. Über 700 Lehrerstellen konnten dieses Jahr in West Virgina nicht mit qualifiziertem Personal besetzt werden. Jene, die in West Virginia bleiben, haben die Nase gestrichen voll.

Schüler in einer Turnhalle.
Legende: An der Baileyville Primarschule wird der «field day» – der letzte Schultag vor den grossen Sommerferien – geprobt. srf/max akermann

Erfolg nach zwei Wochen Streik

Ende Februar legten fast alle der gut 20'000 Lehrerinnen und Lehrer West Virginias die Arbeit nieder und protestierten vor dem Regierungsgebäude in Charleston. Fast zwei Wochen dauerte der Protest. Er endete mit einem Erfolg für die Streikenden: Fünf Prozent mehr Lohn und bessere Sozialleistungen gab es, sowie ein klares Bekenntnis der Regierung für öffentliche und gegen private Schulen.

Menschen stehen in einer Menge, eine junge Frau reckt den Arm hoch und macht eine Faust, den Mund zu einem Ausruf geöffnet.
Legende: Mit ihrem Protest haben die Lehrer in West Virginia schon einiges erreicht – jetzt wollen sie eine politische Veränderung. Keystone Archiv

«Der Streik war ein Wendepunkt im konservativen West Virgina», ist Dale Lee, Präsident der Lehrergewerkschaft WVEA, überzeugt. Die Lehrer wüssten nun wieder, wie viel politische Macht sie haben.

Protest greift auf andere Staaten über

Unterdessen macht das Beispiel West Virgina Schule: Auch die Lehrer in Kentucky, Oklahoma, Arizona und North Carolina riefen Streiks aus. Es handelt sich dabei samt und sonders um rote – das heisst in den USA also um konservativ-republikanisch regierte – Bundesstaaten. «In all diesen Staaten wurden Steuersenkungen durchgezogen und als Folge davon, dem Erziehungswesen das Budget zum Teil massiv gekürzt», sagt Lee.

Wir brauchen bildungsfreundliche Politiker.
Autor: Lisa CollinsLehrerin an der Baileyville Primarschule

Viele mächtige Republikaner möchten das öffentliche Bildungswesen schwächen und die Privatschulen stärken. Dabei sollten alle Kinder doch die gleichen Chancen haben, unabhängig vom Einkommen und Wohnort ihrer Eltern, findet der Gewerkschafter. Schliesslich sei Bildung der Schlüssel zur Chancengleichheit.

Hoffen auf einen politischen Umschwung im November

Das Argument kommt im traditionellen Arbeiterstaat West Virginia gut an. Dort wählt eine grosse Mehrheit zwar inzwischen republikanisch, aber alles lassen die West Virginians den Mächtigen nicht durch. «Die Lohnerhöhung ist ein guter Anfang», betont Lehrerin Collins. Doch der Kampf für ein besseres Erziehungswesen gehe weiter: «Wir brauchen bildungsfreundliche Politiker», sagt sie mit Nachdruck.

Schüler an der Essenstheke, eine Lehrerin schaut zu.
Legende: Die Schüler an der Baileyville Primarschule essen in der Schule. srf/max akermann

So hofft Collins denn auch auf die anstehenden Parlaments-Zwischenwahlen im November. Dann werden in den Vereingten Staaten alle 435 Vertreter im Repräsentantenhaus sowie ein Drittel der 100 Senatoren gewählt. Doch jetzt kommen erst mal die zehn Wochen Sommerferien.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Patrick Charpilloz (Skeptiker)
    Im November wird sich herausstellen, ob sich die Strategie, das Volk dumm zu halten, für Trump gelohnt hat und das Volk weiterhin den Republikanern die Mehrheit gibt. Sollte dies so ausgehen, dann können diese so weiterfahren und dem Bildungswesen ruhig noch mehr Geld entziehen, damit die Superreichen noch etwas weniger Steuern zahlen müssen.
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  • Kommentar von Manuel Pestalozzi (M. Pestalozzi)
    ... und jetzt soll das Lehrpersonal dort ja auch noch ins Schiesstraining und Waffen tragen ... Ohne Chancengleichheit vertieft sich die gesellschaftliche Segregation, Bevölkerungsgruppen werden sich immer fremder - auf die Dauer hält das keine Demokratie aus.
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Weltweit hat keine ähnlich gelagerte Regierung Interesse an der Stärkung der Demokratie. Alle schreiben sich auf die Fahne, die einzig richtige Lösung aller Probleme zu kennen und zu verfolgen. Eine Nachkommenschaft, die fähig ist, die Proklamationen zu hinterfragen, sind dabei hinderlich. Die Demokratie wird noch eine Weile als Begründung des Handelns herhalten. Wenn die letzten Kritiker gestorben sind oder mundtot gemacht wurden, ist die Demokratie als Regierungsform Geschichte.
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  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Gut, dass die Lehrer dort inzwischen schon etwas weniger schlecht entlöhnt werden. Aber warum wählt offenbar die Mehrzahl der Leute republikanisch, wenn doch bekannt ist, dass diese die öffentlichen Schulen gegenüber den Privatschulen benachteiligen. Sie schützen die Reichen und hungern den Mittelstand aus. Es liegt halt auch an den Stimmbürgern, und das gilt auch für uns Schweizer, wen sie in die Parlamente wählen. Es sollten m. E. PolitikerInnen sein, die auf sozialen Ausgleich hinarbeiten.
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