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Schwedische Sicherheitspolitik Das Tauwetter in der Ostsee ist vorbei

Die Insel Gotland wird militärisch wiederaufgerüstet. Begründet wird das mit der Bedrohung durch Russland.

Legende: Audio Gotland – eine Ferieninsel wird aufgerüstet abspielen. Laufzeit 04:39 Minuten.
04:39 min, aus Rendez-vous vom 04.09.2018.

In Schweden wird in diesen Tagen gewählt. Noch bis zum Sonntag sind knapp acht Millionen Stimmberechtigte aufgerufen, die lokalen, regionalen und das nationale Parlament zu wählen. Ein wichtiges Thema in Wahlkampf ist die schwedische Sicherheitspolitik. Und das ist besonders gut auf der zu Schweden gehörenden Ostseeinsel Gotland zu spüren.

Mitten drin in der Ostsee, auf halbem Weg zwischen Skandinavien und dem Baltikum, Finnland und Polen liegt die gut 3000 Quadratkilometer grosse Insel Gotland. Seit dem 17. Jahrhundert gehört sie Schweden und spielte in vielen bewaffneten Auseinandersetzungen in Nordeuropa eine wichtige strategische Rolle. Seit dem Ende des Kalten Krieges war das Gebiet jedoch eine Insel des Friedens – und vor zehn Jahren verliessen die letzten schwedischen Soldaten.

Hafen mit Schiffen
Legende: Ein Schiff der schwedischen Marine am Quai in Slite, wo früher Rohrelemente für die Gasleitung «Nordstream» gelagert wurden. SRF

Heute ist Gotland mit ihren gut 60'000 Einwohnerinnen und Einwohnern vor allem eine beliebte Ferieninsel – täglich legen im Hafen der mittelalterlichen Hauptstadt Visby zahlreiche Fähren und Kreuzfahrtschiffe an.

Doch nur wenige Kilometer südlich von Visby wird derzeit ein grosses Areal gerodet, werden Strassen und Gebäude gebaut. Vor drei Jahren beschloss nämlich die schwedische Regierung, Gotland wieder zu militarisieren, sagt Oberstleutnant Hans Håkansson.

Mann in Militäruniform vor einer Baustelle
Legende: «Hier sehen wir den Ort, wo Garageanlagen für Panzer und Munition gebaut werden», sagt Håkansson. SRF

Laut der Regierung in Stockholm ist die Wiederaufrüstung vor allem wegen dem Nachbarn Russland notwendig. Die Besetzung der Krim habe gezeigt, dass Moskau auch vor Landübernahmen nicht mehr zurückschrecke. Deshalb sollen nun auf Gotland zahlreiche Militäranlagen entstehen und eine schnelle Eingreiftruppe stationiert werden.

Mann in Militäruniform
Legende: Hans Håkansson im neuen Militärgebiet südlich von Visby. SRF

Laut Oberstleutnant Håkansson bringt die Lokalbevölkerung dafür viel Verständnis auf: «Die meisten Menschen hier begrüssen die Rückkehr des Militärs und fühlen sich mit uns sicherer. Anwohner befürchten den zusätzlichen Lärm oder sind aus grundsätzlichen Überlegungen gegen den Wiederaufbau der Militäranlagen», betont Håkansson.

Mann mit Zeitung
Legende: Lokaljournalist Mats Lindner begrüsst die Rückkehr der Militärs. SRF

Die besondere Lage seiner Insel in der Ostsee ist denn auch für den Gotländer Mats Lindner Grund genug, die Rückkehr der Militärs zu begrüssen: «Nur wenig östlich von hier liegen drei ehemalige Sowjetrepubliken mit grossen russischen Minderheiten. Wenn im Baltikum etwas passiert, sind wir als erste davon betroffen», sagt der Journalist der Tageszeitung «Gotlands Allehanda».

Frau am Laptop im Büro
Legende: Die Ortsentwicklerin Mait Juhlin befürchtet, die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Ostseeraum könnte durch die Wiederaufrüstung eingeschränkt werden. SRF

Viel weniger positiv eingestellt gegenüber dem Militär ist Mait Juhlin, die in der nordgotländischen Hafenstadt Slite als Ortsentwicklerin wirkt. Sie befürchtet, dass in Zukunft die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Ostseeraum eingeschränkt werden könnte und nennt als Beispiel das Gasleitungsprojekt «Nordstream»: «Als vor zehn Jahren die erste russisch-deutsche Gasleitung ‹Nordstream 1› durch die Ostsee gebaut wurde, diente unser Hafen in Slite als Zwischenlager für die Rohrelemente. Jetzt wo ‹Nordstream 2› gebaut werden soll, dürfen wir das aus militärischen Gründen nicht mehr», sagt Juhlin.

Wenn im Baltikum etwas passiert, sind wir als erste davon betroffen.
Autor: Mats LindnerJournalist

Doch unabhängig davon, wer nach den Parlamentswahlen vom kommenden Sonntag in Schweden die Regierung bilden wird: Gotland soll in den kommenden Jahren wieder zu einem wichtigen schwedischen Militärstützpunkt werden. Alle politischen Parteien im Reichstag haben sich für die Wiederbewaffnung von Gotland ausgesprochen. Das Tauwetter in der Ostsee, das nach dem Ende des Kalten Krieges eingesetzt hatte, ist somit definitiv vorbei.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Immer wieder die Krim als Begründung, die Russen könnten kommen. Das sieht man, was Geschichtslügen verursachen und was für verheerende Auswirkungen haben können. In der Ukraine wurde Russland genügend lang und heftig provoziert, dass es halt eine Reaktion seitens Russland absetzte. Daraus wären die Lehren zu ziehen. Die Angst vor Russland ist verkehrte Welt. Es sind die Brandstifter, die auch in der Ukraine die Pulverfässe legten, welche die Gefahr darstellen.
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  • Kommentar von Bendicht Häberli (bendicht.haeberli)
    Das finde ich einen positiven Schritt von Schweden. Sie haben aus dem Fehler der Ukraine gelernt. Lieber vorbeugen als heilen, soll heissen: Sollten da grüne Männchen auftauchen gibts eins auf den Helm. Bezüglich Landesverteidigung sind die drei Skandinavier Vorbilder: Gut ausgerüstete Armeen, eigens hergestellte Kampfjets (Saab Gripen), allgemeine Wehrpflicht für Frauen in Norwegen, Erhöhung der Rüstungsausgaben usw. Da könnte die Schweiz lernen.
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  • Kommentar von Roland Gadient (Roland Gadient)
    Ich habe nichts gehört, dass die Russen kommen, hingegen die USA mit ihrer 'Friedenstrupp' NATO, mit der Begründung wir müssen den Norden schützen, ich frage mich für was. Ich glaube sie wollen näher bei Russland sein, damit sie schneller die 'Liebesgrüsse' aus Moskau abbekommen, mehr sehe ich nicht.
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