Das ist passiert: Nach einer Offensive der afghanischen Taliban hat Pakistans Luftwaffe in der Nacht militärische Einrichtungen im Nachbarland angegriffen. Dabei wurden auch Ziele in der afghanischen Hauptstadt Kabul und den Provinzen Kandahar und Paktia bombardiert. Das bestätigte der Sprecher der islamistischen Taliban-Regierung, Sabiullah Mudschahid, auf X. Es gebe keine Berichte über Opfer der Luftangriffe. Die pakistanische Seite sprach von Dutzenden getöteten Taliban-Kämpfern.
Der Hintergrund: Afghanistan hatte zuvor pakistanische Stellungen entlang der umstrittenen Grenze angegriffen. Dabei seien 55 pakistanische Soldaten getötet worden, teilte das afghanische Verteidigungsministerium in einer Stellungnahme auf X mit. Pakistanische Stellungen im Grenzgebiet seien eingenommen worden. Erst am letzten Wochenende hatte Pakistan wiederum Stellungen in Afghanistan angegriffen. Die UNO-Hilfsmission für Afghanistan (UNAMA) geht bislang von 13 getöteten Zivilisten aus.
Die Reaktionen: Pakistans Präsident Asif Ali Zardari schrieb in der Nacht auf X, die Reaktion der pakistanischen Streitkräfte sei umfassend und entschlossen. Sein Land werde keine Zugeständnisse in Bezug auf Frieden und territoriale Integrität machen. 133 afghanische Taliban-Kämpfer seien bei Gegenschlägen getötet worden, teilte der pakistanische Informationsminister Attaullah Tarar auf X mit. Bei Angriffen seien unter anderem Waffenlager, Panzer und Militäranlagen zerstört worden.
SRF-Korrespondentin: «Eine neue Eskalationsstufe»
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Einschätzung von Südasienkorrespondentin Maren Peters:
«Das ist eine neue Eskalationsstufe in einem schon länger andauernden Konflikt, der schon hunderte Todesopfer gefordert hat, auch zivile. Dass Pakistans Verteidigungsminister Kavala Mohamed Aziz von einem offenen Krieg spricht, lässt befürchten, dass der Konflikt noch weiter eskaliert und es auf beiden Seiten noch viele weitere Todesopfer geben wird.
Für die Region bedeutet dies Instabilität auf absehbare Zeit. Mit Folgen vor allem für Millionen von Zivilisten auf beiden Seiten.
Um Druck auf Afghanistan auszuüben, hat die pakistanische Regierung in den letzten zweieinhalb Jahren nicht nur viel Geld in die Verteidigung gesteckt, sondern auch Hunderttausende afghanische Flüchtlinge ausgeschafft – darunter auch Menschen, deren Leben unter den Taliban akut bedroht ist. Ausserdem schliesst Pakistan die Grenzübergänge zu Afghanistan immer wieder. Das unterbricht den wichtigen Handel zwischen Afghanistan und Pakistan. Und auch das trägt dazu bei, dass sich die wirtschaftliche und humanitäre Krise in Afghanistan weiter verschärft.»
Ein Sprecher der Taliban hat die jüngsten Angriffe auf Pakistan verteidigt und im Falle weiterer pakistanischer Attacken auf Afghanistan mit weiterer Gewalt gedroht.
Das sagt die UNO: Generalsekretär António Guterres forderte Afghanistan und Pakistan angesichts der jüngsten gegenseitigen Angriffe zur Deeskalation auf. Die Parteien sollten versuchen, alle Differenzen auf diplomatischem Weg beizulegen, sagte Guterres nach Angaben seines Sprechers.
Auch EU-Rat ruft zu Deeskalation auf
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Auch der EU-Rat ruft angesichts der Eskalation zwischen den beiden Ländern alle Akteure «zu einer sofortigen Deeskalation und zur Einstellung der Feindseligkeiten» auf. Die Gewalt könne «schwerwiegende Folgen für die Region haben», warnte der EU-Rat in einer Stellungnahme zu dem Konflikt. Das afghanische Hoheitsgebiet dürfe nicht dazu genutzt werden, andere Länder zu bedrohen oder anzugreifen, hiess es weiter. Die EU fordere die afghanischen Machthaber auf, «wirksame Massnahmen gegen alle terroristischen Gruppen zu ergreifen, die in oder von Afghanistan aus operieren». Man fordere beide Seiten nachdrücklich auf, in einen Dialog zu treten. Das Völkerrecht müsse von allen Akteuren eingehalten und die Zivilbevölkerung geschützt werden.
Konflikt flammt wieder auf: Die Beziehungen zwischen den Nachbarländern Afghanistan und Pakistan haben sich zuletzt massiv verschlechtert. Erst im Herbst war es zu Gefechten gekommen. Laut UNO-Angaben starben damals 70 afghanische Zivilisten bei pakistanischen Angriffen. Friedensverhandlungen unter Vermittlung des Golfemirats Katar und der Türkei brachten keine nachhaltige Lösung des Konflikts. Zugleich betonte er, Afghanistan wolle den Konflikt durch Gespräche beenden.
Internationale Vermittlungsbemühungen
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Angesichts der militärischen Konfrontation hat Russland sich besorgt gezeigt und zum Dialog aufgerufen. «Wir fordern die mit uns befreundeten Länder Afghanistan und Pakistan auf, von einer gefährlichen Konfrontation abzulassen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren für eine Beilegung aller Differenzen auf einem politisch-diplomatischen Weg», sagte die russische Aussenministeriumssprecherin Maria Sacharowa.
Der ranghohe Diplomat Samir Kabulow sagte der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti zufolge, dass die Frage einer russischen Vermittlung geprüft werden könne, wenn dazu Ersuchen von beiden Seiten eingingen.
Der Iran hat seine Nachbarländer zur Deeskalation aufgerufen. Die Islamische Republik sei «zu jeder Art von Unterstützung bereit, um den Dialog zu erleichtern», schrieb Aussenminister Abbas Araghtschi auf der Plattform X.
Auch China, das eine Grenze zu beiden Ländern hat, wertet die jüngsten Entwicklungen als Verschärfung des Konflikts und ruft zu raschem Dialog und einer Feuerpause auf. «Als Nachbar und Freund ist China zutiefst besorgt über die Eskalation des Konflikts und zutiefst bestürzt über die dadurch verursachten Toten und Verletzten», sagte Aussenamtssprecherin Mao Ning in Peking. Sie sagte, die Intensität des Konflikts sei diesmal höher als zuvor.
Streitigkeiten sollten durch Dialog gelöst werden, mahnte Mao. So schnell wie möglich müsse eine Feuerpause umgesetzt werden. China habe stets über eigene Kanäle im Konflikt zwischen beiden Seiten vermittelt und sei bereit, eine «konstruktive Rolle» zu spielen, um eine Deeskalation zu erreichen. Peking beobachte die Lage genau. Staatsbürgern vor Ort sagte die Regierung Unterstützung zu.
China hat mit beiden Ländern eine gemeinsame Grenze und unterhält sowohl zur Taliban-Regierung in Afghanistan als auch zu Pakistan gute Beziehungen, vor allem über Wirtschaftskooperationen. Nach Pakistan exportiert die Volksrepublik auch Waffen, unter anderem Kampfflugzeuge. gesprochen.
Die Vorwürfe: Islamabad wirft Kabul vor, Terroristen zu beherbergen. Kabul bestreitet das. Insbesondere die Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) – weithin als Pakistanische Taliban bekannt – und ein regionaler Ableger des Islamischen Staates (IS) verüben in Pakistan seit Jahren Anschläge. Nach Angaben des Pakistan Institute for Peace Studies stieg die Zahl der Terroranschläge in Pakistan 2025 auf fast 700. Auch die UNO schreibt in einem jüngst veröffentlichten Bericht, dass die Regierung in Kabul verschiedenen Terrorgruppen im Land ein günstiges Umfeld biete und die Pakistanische Taliban unterstütze. Die regierenden Taliban bestreiten das.
Relikt aus Kolonialzeit: Die Nachbarländer teilen sich eine rund 2400 Kilometer lange Grenze, die 1893 zwischen dem damaligen Britisch-Indien und dem Emirat Afghanistan entstand. Der Verlauf der als «Durand-Linie» bekannten faktischen Grenze ist zwischen den Ländern umstritten.