«Schwere Unwetter im Mittelmeer nehmen zu»

Das Unwettertief «Cleopatra» hat Sardinien Tod und Verwüstung gebracht. Italienische Meteorologen überrascht das nicht. Seit fünfzig Jahren nehme die Zahl der heftigen Unwetter im Mittelmeerraum zu, stellen sie fest.

Sturm wühlt das Meer vor Sardinien auf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Cleopatra» peitschte meterhohe Wellen vor der sardischen Küste auf. Keystone

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Vincenzo Artale

Porträt von Vincenzo Artale

Der Meteorologe arbeitet am italienischen Wissenschaftszentrum Enea und ist Mitglied des Weltklimarats der UNO, des IPCC.

Heftige Unwetter sind im Mittelmeerraum zwischen Spätherbst und Winterbeginn nichts Aussergewöhnliches. «Dieses Phänomen beobachten wir seit Menschengedenken», sagt der italienische Klimaforscher Vincenzo Artale im Gespräch mit SRF. Verantwortlich dafür seien das warme Wasser des Mittelmeers und die einströmende heisse Luft vom Atlantik.

«Neu für den gesamten Mittelmeerraum ist aber, dass die Stürme eine derartige Wucht entwickeln und so viel Zerstörung hinterlassen» wie die Zyklone «Cleopatra» auf Sardinien, betont Artale. Schuld daran sei die erhöhte Temperatur des Mittelmeeres durch die Klimaerwärmung.

Immer mehr Zyklone im Mittelmeer

2:18 min, aus HeuteMorgen vom 20.11.2013

Artale vergleicht das Unwetter in Sardinien mit dem Wirbelsturm ‹Katrina›, der New Orleans 2005 schwer zerstörte. Genau wie damals der Golf von Mexico sei das Mittelmeer wegen des heissen Sommers und des lauen Herbstes bis in grosse Tiefen immer noch sehr warm. Warme Luft vom Atlantik habe die aufsteigende Feuchtigkeit des Mittelmeeres wie ein Schwamm aufgesogen. Weil die Temperatur des Mittelmeers wegen des Klimawandels stetig steigt, gibt es laut Artale viel länger Wärme und Feuchtigkeit ab als früher. Das erkläre die Heftigkeit und Wucht des Unwetters «Cleopatra».

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Zyklone

Eine Zyklone ist ein Tiefdruckgebiet. Der Zyklon dagegen ist eine regionale Bezeichnung für einen tropischen Wirbelsturm. «Cleopatra» war ein Tiefdruckgebiet, also eine Zyklone. Der einzige Zyklon, der Europa jemals traf, war «Vince» 2005.

Wassermassen mit der Kraft einer Bombe

Vincenzo Artale sagt, wenn der Bürgermeister der betroffenen Stadt Olbia behaupte, das Wasser habe wie eine Bombe eingeschlagen, sei dies kaum übertrieben. «Die plötzliche Entladung der enormen Wassermassen über Sardinien hat genau diesen Effekt.»

Artale rechnet damit, dass die Zahl dieser verheerenden Unwetter stetig zunimmt: Vor kurzem wurden die Cinque Terre heimgesucht, zuvor Kalabrien, jetzt habe es Sardinien getroffen. Ereignisse wie diese seien allerdings schwer voraussehbar, räumt er ein. Trotz aller Forschung stehe man noch am Anfang.