Zum Inhalt springen

Header

Audio
Irak: Das Warten auf bessere Zeiten geht weiter
Aus Rendez-vous vom 11.03.2020.
abspielen. Laufzeit 04:41 Minuten.
Inhalt

Schwere Zeiten in Irak Aus Verzweiflung wird Kunst

Ein Künstler beschreibt die Lage im Irak in vier Werken. Er ruft damit die Welt um Hilfe.

Mit vier Musikstücken, vier Gemälden und einem offenen SOS-Brief an internationale Medien ruft der Komponist, Maler und Schriftsteller Ali Alezzi aus Bagdad im Namen seiner Landsleute die Welt um Hilfe. Er möchte, dass die internationale Gemeinschaft auf die irakische Regierung einwirkt, um das Morden zu stoppen und die Mörder zur Verantwortung zu ziehen. Alles, was Irakerinnen und Iraker sich wünschten, sei Schutz vor Gewalt und Freiheit und Würde.

Wer ist Ali Alezzi?

Textbox aufklappenTextbox zuklappen
Ali Alezzi
Legende:Der irakische Künstler Ali Alezzisrf/zvg

Alezzi ist Komponist, Fotograf, Schriftsteller und bildender Künstler. Er wurde 1985 in Bagdad geboren. Er ist Synästhet. In Bagdad studierte er Computerwissenschaften. Seine Werke wurden unter anderem 2017 an der Venedig Biennale by Biennale Project und an der Art Basel by ArtBox Gallery und 2018 an den Armory Art Weeks New York gezeigt. Sein Roman «Expired» ist bis anhin nur auf Arabisch veröffentlicht. Er handelt von den Schwierigkeiten irakischer Frauen in ihrer Gesellschaft und über die komplette Nichtexistenz von Recht und Gesetz.

«Irak: Land ohne Gesetz und Würde»

Vier Songs hat Alezzi in diesen Tagen über sein Land geschrieben. Der erste heisst: «Violation» (übersetzt: Verletzung, oder Missbrauch). Weder Gesetz noch Würde gebe es im Irak, schreibt der Künstler über dieses Stück. Was er damit meint: Jeden Tag verschwinden auf dem Tahrir-Platz in Bagdad Menschen, weil sie für Gesetz und Würde demonstrieren. Oder sie kommen um.

«Überall sind Milizen und wenn ein Demonstrant den Tahrir-Platz verlässt, um nach Hause zu gehen, verfolgen sie ihn, bringen ihn um, entführen oder bedrohen ihn», sagt der 34-Jährige.

«Die Politiker zeigten ihr wahres Gesicht»

Das zweite Stück heisst: «Recovery» (übersetzt: Erholung, oder Wiederherstellung). Es thematisiert die Notwendigkeit, die tiefen Gräben zwischen den verschiedenen konfessionellen Lagern im Irak zu überwinden. Das sei aber noch schwieriger geworden, nachdem die USA Anfang Jahr den iranischen General Qassem Soleimani im Irak umgebracht haben.

«Zuerst unterstützten die Politiker die Proteste und sagten, sie stünden auf der Seite der Bevölkerung und würden uns vor den iranischen Milizen im Irak beschützen», sagt Alezzi. «Doch nach der Ermordung des iranischen Generals Soleimani zeigten sie ihr wahres Gesicht.» Sie hätten gesagt, die Demonstrationen müssten sofort aufhören, denn jetzt gehe es darum, die US-Truppen aus dem Land zu werfen. «Unsere Politiker sind in erster Linie Iran-treu!», sagt der Künstler.

Juden und Christen wurden vertrieben

Das dritte Stück heisst «Nostalgia» (übersetzt: Nostalgie) und ist eine Hommage an die jüdischen Wurzeln der irakischen Volksmusik. Alezzi drückt die Sehnsucht nach einem Irak aus, in dem Juden, Christen und Muslime zusammenlebten. Heute gibt es im Irak fast keine Juden mehr, sie wurden nach der Gründung Israels brutal vertrieben, ebenso wie rund Zweidrittel der Christen im Krieg mit dem IS.

«Heute hetzen Politiker Muslime gegeneinander auf, und die Demonstranten, die das kritisieren, werden umgebracht. Wir haben das Vertrauen in unsere Regierung verloren», sagt der Künstler.

Warten, einfach warten

Das vierte und letzte Stück heisst: «The Waiting» (übersetzt: das Warten). «Der Irak ist Jahr für Jahr gleich», sagt Alezzi. Es gehe um Korruption, um miserable staatliche Dienstleistungen und um Gewalt. Die irakische Bevölkerung brauche und hoffe auf Schutz vor ihrer Regierung.

Darauf wartet der Mitdreissiger schon sein ganzes Leben. Und das Warten auf bessere Zeiten geht weiter; erstmal wartet die Bevölkerung wiedereinmal auf eine neue Regierung.

Rendez-vous vom 11.03.2020

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Wir informieren laufend über die aktuelle Entwicklung und liefern Analysen zum Coronavirus. Erhalten Sie alle wichtigen News direkt per Browser-Push. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
    An Mut gegen die militärische Besetzung und all dem Leid was die USA über sein Land gebracht hat fehlt es wohl? Oder ist dies aus rein Marketingtechnischen Gründen nicht machbar? Womöglich wäre dann auch das Interesse der westlichen Medien an seiner Arbeit nicht vorhanden?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Ted Stinson  (Ted Stinson)
      Sie kennen anscheinend die politischen Verhältnisse im Irak nicht. Klar haben die Amis noch Soldaten dort, aber die Regierung ist irakisch und macht ihre eigene Politik (sonst hätte das Parlament ja wohl kaum für den Rausschmiss der Amis votiert nach dem Mord an General Suleimani). Wenn schon, dann sind es die Iraner, welche die Politik im Irak stark mitbestimmen! Im Übrigen würden die Kurden und auch viele Sunniten die Amis gerne im Land behalten, da sie die schiitische Mehrheit fürchten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen