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Legende: Audio Viele Libyer sehnen sich nach funktionierenden staatlichen Strukturen abspielen. Laufzeit 08:03 Minuten.
Aus SRF 4 News aktuell vom 27.06.2019.
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Schwierige Lage in Libyen Nachricht aus dem belagerten Tripolis

Seltener Einblick in die belagerte Stadt Tripolis: Der Journalist und Nordafrika-Kenner Beat Stauffer hat mit Mohammed, einem seiner Kontakte in der libyschen Hauptstadt, telefonieren können.

Beat Stauffer

Beat Stauffer

freier Journalist, Buchautor

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Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

SRF News: Wie schildert Mohammed die Situation der Menschen in Tripolis?

Beat Stauffer: Man kann einigermassen gut Leben in Tripolis – wenn man Geld hat. Die Märkte sind immer noch gut bestückt, auch wenn alles teurer geworden ist. Gelegentlich gibt es Probleme mit dem Trinkwasser oder der Stromversorgung. Das grösste Problem ist aber, an sein Geld auf der Bank zu kommen – sei es Lohn oder Vermögen. Vor den Geldautomaten gibt es so lange Warteschlangen, dass man vor der Bank übernachten muss, wenn man Geld abheben will. In den umkämpften Vorstädten und Quartieren von Tripolis ist die Lage allerdings katastrophal.

Viele Männer auf einem Platz vor Geschäften.
Legende: Anstehen zum Geldwechseln in Tripolis. Reuters

Können die Einwohner von Tripolis die Stadt noch verlassen?

Wer Geld hat, kann über den Militärflughafen Mitiga nach Tunis oder Malta fliegen – das kommt allerdings nur für eine kleine Minderheit infrage. Billiger ist der Landweg nach Tunesien, doch diese Fahrten sind sehr gefährlich, weil sie durch umkämpfte Gebiete führen. Keine realistische Alternative ist die Flucht übers Meer. Es gibt keine normalen Schiffsverbindungen mehr. Ausserdem greift die libysche Küstenwache in ihrem Kampf gegen die irreguläre Migration und das Schlepperwesen kleinere Schiffe auf.

Zehntausende Vertriebene in Tripolis

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Laut Mohammed befinden sich in Tripolis – eine Stadt mit rund eineinhalb Millionen Einwohnern – bis zu 150'000 Vertriebene, die vor den Kämpfen zwischen General Haftar und den Milizen in die Hauptstadt geflohen sind. Sie wohnen und schlafen bei Verwandten, in Autos oder in Zelten in Parks.

Was bedeutet diese Situation für Mohammed und seine Familie?

Mohammed hat während Jahren in Europa gelebt und gearbeitet, deshalb verfügt er über ein Dauervisum für Europa, er kann also per Flugzeug ausreisen. Sein 25-jähriger Sohn fliegt regelmässig in ein arabisches Land, wohin er Geschäftsbeziehungen hat. Mohammeds Frau und die kleineren Kinder dagegen müssen in Tripolis bleiben. Mohammed fürchtet ausserdem, dass der Sohn von den Milizen in Tripolis zwangsrekrutiert werden könnte, um gegen die Truppen von General Chalifa Haftar zu kämpfen. Zudem hat Mohammed Angst, dass die Innenstadt im Zuge der Kämpfe zerstört werden könnte und viele Menschen sterben.

Zu wem halten die Menschen in Tripolis politisch: Zum international anerkannten und von den Milizen unterstützten Regierungschef Fayiz as-Sarradsch oder zu General Haftar?

Mohammed sagt, dass rund zwei Drittel für Haftar einstehen, nur ein Drittel die Milizen unterstützt. Die Gründe sieht er im Verhalten der Milizen und den vielen schlechten Erfahrungen, welche die Tripolitaner mit ihnen in den letzten acht Jahren gemacht haben.

Es gibt eine grosse Sehnsucht nach Wiederherstellung einer staatlichen Ordnung mit klaren Strukturen.

Viele Milizen treten sehr selbstherrlich auf und bereichern sich irregulär. Es gibt eine grosse Sehnsucht nach Wiederherstellung einer staatlichen Ordnung mit klaren Strukturen – vielleicht sogar nach einem starken Mann. Viele befürchten aber auch, dass Haftar eine neue Diktatur im Stile Gaddafis errichten könnte.

Gibt die Einschätzung Mohammeds ein repräsentatives Bild der Lage wieder?

Ich halte Mohammed für sehr urteilsfähig, war viel im Ausland und ist welterfahren. Er ist ein ehemaliger Gaddafi-Gegner. In Tripolis und Libyen gibt es keine Meinungsumfragen, Kenner des Landes sind geteilter Meinung, ob eine Mehrheit der Bevölkerung für oder gegen Haftar ist.

Kenner des Landes sind geteilter Meinung, ob eine Mehrheit der Bevölkerung für oder gegen Haftar ist.

In Tripolis und Misrata – der zweiten Metropole im Westen des Landes – wird vehement bestritten, dass Haftar die Unterstützung der Mehrheit geniesse. Ein Experte in Tunis aber sieht die Situation ähnlich wie Mohammed. Grundsätzlich gilt: Verlässliche Aussagen sind in der derzeitigen politischen Lage in Libyen unmöglich.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger.

Chaos ohne Ende in Libyen

Chaos ohne Ende in Libyen

In Libyen herrscht seit dem Sturz und gewaltsamen Tod des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 Chaos. Die von der UNO anerkannte Einheitsregierung in Tripolis unter Fayiz as-Sarradsch ist schwach und hat weite Teile des Landes nicht unter Kontrolle. General Chalifa Haftar, ein früherer Gaddafi-Kommandant, der später zu dessen Sturz beitrug, unterstützt seit 2014 eine Gegenregierung im Osten Libyens. Im April startete er, nachdem er den Osten und Süden des Landes weitgehend unter seine Kontrolle gebracht hatte, eine Offensive auf Tripolis. Seither liefern sich regierungstreue Milizen und Einheiten Haftars im Westen Libyens und vor allem um Tripolis erbitterte Kämpfe. Nach Angaben de UNO wurden dabei seit April mehr als 650 Menschen getötet und 3500 weitere verletzt. (sda)

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19 Kommentare

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  • Kommentar von kurt trionfini  (kt)
    Finde ich legitim und nötig: Kritische Beurteilung der militärischen Interventionen während des Aufstandes in Lybien. Finde ich erschreckend entlarvend, wie Despoten wie Ghaddafi (und Saddam Hussein) im Nachhinein zu Märtyrern, "gestorben im Kampf gegen den Petrodollar" umfunktioniert werden. Oder umfunktioniert werden müssen - Vielleicht heiligt der Zweck bei manchen die mangelnde Erinnerungsfähigkeit.
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    1. Antwort von Sebastian Mallmann  (mallmann)
      @kt: Warum legen Sie den Usern Worte in den Mund? Ich lese hier nichts von einem "Märtyrer", ebenso wenig vom angeführten Zitat. Wie sieht denn Ihre kritische Beurteilung der Intervention aus? 1. waren die Bombenangriffe durch die damalige UNO-Resolution nicht gedeckt und somit völkerrechtswidrig. 2. waren die Anschuldigungen gegen Gaddafi (geplante Massaker, Massenvergewaltigungen) spekulativ. Nachzulesen in einem Untersuchungsbericht des britischen Parlaments (HoC, 2016/17).
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  • Kommentar von Ursula Keller  (Note)
    Ich finde auch, dass die Fernglassicht über eine längere Zeit die klarsten Antworten gibt. Jede, aber absolut jede Intervention der letzten Jahrzehnte führte nachher zum Chaos im betroffenen Land oder hängt wie im Fall von Kosovo am Geldtropf der EU. Wäre doch schön wenn die NATO daraus die richtigen Schlüsse ziehen könnte. Jeder soll für sich selber entscheiden ob dies mehr mit Inkompetenz oder mit Destabilisierungswillen zu tun hat. Als Fan der EU bin ich selber noch unentschieden.
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  • Kommentar von Werner Christmann  (chrischi1)
    Was im nahen und mittleren Osten von den Heilsbringern des Wertewestens mittels schlimmster Waffengewalt veranstaltet wurde ist eine Tragödie sondergleichen. Die Akteure, angefangen bei den USA über Frankreich, Grossbritanien gehörten schon längst in Den Haag vor dem Kriegstribunal zur Verantwortung gezogen.
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    1. Antwort von Ernst U. Haensler  (ErnstU)
      Quatsch - die Akteure im Nahen Osten sind Einheimische.
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