Zum Inhalt springen

International Serbien: Hooliganismus als Teil des Systems

Verdeckte Kamerateams sollen Fan-Krawalle im Schweizer Fussball künftig unterbinden. Ein Unterfangen, das in Serbien kaum von Erfolg gekrönt wäre. Hier sind Gewaltexzesse an der Tagesordnung – und die Hooligan-Szene wird sorgsam gepflegt. Auch für «Einsätze» abseits der Stadien.

Legende: Video Ausschreitungen in Belgrad (unkommentiert SNTV) abspielen. Laufzeit 1:26 Minuten.
Vom 26.04.2015.

Vor rund zwei Wochen endete das Spiel mit 0:0. Aber neben dem Rasen fiel die Bilanz «spektakulärer» aus: 35 verletzte Polizisten, mehr als 40 Festnahmen und ein Stadion, das mehr Schlachtfeld als Arena war: Hooligans hatten über 2000 Stühle aus ihren Verankerungen gerissen und gingen damit auf Polizisten los, wie dies Fernsehbilder (Video) dokumentieren.

Das «Ewige Derby» zwischen den Stadtrivalen Partizan und Roter Stern in der serbischen Hauptstadt Belgrad bot «Szenen wie im Krieg», schildert SRF-Südosteuropa-Korrespondent Walter Müller.

Rein rhetorisches «Durchgreifen» der Behörden

Das 148. Duell der beiden ewigen Rivalen sorgte einmal mehr für unrühmliche Schlagzeilen. Im ehemaligen Jugoslawien zog die Affiche teils über 100‘000 Zuschauer an und entzückte die Sportwelt. Heute spielt der serbische Fussball, zumindest auf Klubebene, nicht mehr im Konzert der Grossen. Im Land selbst ist der Stellenwert des Fussballs ungebrochen.

Entsprechend empört fiel die Reaktion auf die Gewalteskalation auch diesmal aus – zumindest vordergründig: «Der Aufschrei in der Politik und Öffentlichkeit ist jeweils laut», schildert Müller. Gebetsmühlenartig werden Sprachformeln wie «hartes Durchgreifen» oder «Rückkehr zum sauberen Sport» durchexerziert – aber Konsequenzen bleiben jeweils aus.

Ein serbischer Hooligan verbrennt eine kosovarische Flagge
Legende: 2010 erzwangen Serben einen Spielabbruch in Italien. Der Vandalenakt war eine politische Aktion gegen den Kosovo. Reuters

Die Unberührbaren

«Es fehlt schlichtweg der politische Wille», beschreibt Müller die Apathie von Politik und Staatsmacht. Denn viele einflussreiche Politiker bekleiden in Serbien höchste Ämter im Fussball- und Sportgeschäft, etwa als Verbands- oder Vereinspräsidenten. Hier lassen sich Netzwerke und Einflussbereiche aufbauen. Dazu kommt, «viele Politiker sind bestens bekannt mit den Rädelsführern», berichtet Müller.

Sie seien nicht eine unbekannte Masse, wie etwa in der Schweiz, sondern gemeinhin bekannte Gesichter und ihrerseits mächtig. Verhaftungen und Prozesse erfolgten durchaus, viele Angeklagte würden aber von renommierten Anwälten «rausgehauen», schildert Müller. Woher das Geld komme, bleibe unklar. Fest steht: Viele der sogenannten «Ultras», deren Aktivitäten auch in die organisierte Kriminalität reichen, geniessen den Schutz einflussreicher Kreise.

Sturmtruppen für «besondere Einsätze»

Sport und Politik – in Serbien sind die Grenzen fliessend: Umtriebige Würdenträger profitieren von den kampferprobten Männern, die ihren Interessen «Nachdruck» verleihen können. «Schon in den 1990er-Jahren kontrollierte das Milošević-Regime die Sportklubs und ihre Anhänger», so Müller.

Ein Polizeifahrzeug wird von bewaffneten Demonstranten attackiert.
Legende: Im Jahr 2000 entfesselte sich der Volkszorn gegen das Regime. Am Sturm aufs Parlament machten auch «Ultras» mit. Reuters

Der serbische Kriegsverbrecher «Arkan» beispielsweise rekrutierte aus dem harten Kern der Roter-Stern-Anhänger freiwillige Paramilitärs, die in Bosnien und Kroatien kämpften. Im Jahr 2000 stürzten die demokratische Opposition das gleiche Regime – mit Hilfe der gleichen «Rekruten», die das Parlament stürmten.

«Die Hooligans haben kein politisches Profil und werden für die unterschiedlichsten Zwecke instrumentalisiert», so Müller: «Sie können beliebig als Sturmtruppen eingesetzt werden.» Mitunter auch gegen Homosexuellen-Demos oder solche zur Unabhängigkeit des Kosovo.

Ausschluss vom europäischen Fussball?

Der einzige gemeinsame Nenner für viele der an sich apolitischen Hooligans ist ihr glühender Nationalismus. Die Chancen, wirksam gegen die Szene vorzugehen, sind laut Müller wenig aussichtsreich. «Der Staat könnte den Klubs den Geldhahn zudrehen.» Die Verflechtungen von Sport und Politik stünden dem aber im Weg.

Und wie sieht es mit einem Eingreifen von aussen aus, etwa durch den europäischen Fussballverband, der in den 1980er-Jahren englische Klubs vom internationalen Geschäft ausschloss? «Das Land zu isolieren, könnte, wie schon im Balkan-Konflikt, in einem nationalen Reflex münden: ‹Wir gegen den Rest der Welt›», meint Müller.

Vielmehr müssten der europäische (UEFA) und der internationale Fussballverband (FIFA) den serbischen Fussball als Partner in die Pflicht nehmen. Ob dieser «sanfte Druck» ausreicht, die Gewaltrituale in- und ausserhalb der serbischen Stadien zu unterbinden, bleibt jedoch fraglich.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Weder, St. Gallen
    Solche wüsten Fussballszenen sind nicht nur in Serbien anzutreffen. Diese gibts ebenfalls auch im benachbartem Kroatien, Brasilien und anderen Teilen der Welt. Nicht alles was aus Belgrad kommt ist gleich Böse.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von c.jaschko, Bern
    Affen gibt es in jedem Volk, in jeder Nation :-) Affen kommen ohne Zirkus nicht aus :-) Einfach keine Zuschauer bei den Spielen erlauben die nächsten 3 Jahre bis die Affen sich wieder beruhigt haben :-)
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Stanic Drago, Delemont
    Fans Szene auf Balkan ist anders als hier in Schweiz. In Schweiz sind Hooligans durschnitlich jünger als 20. Auf Balkan sind um 35. Teilweise haben Sie militärische Erfahrung und machen regelmäßig Trenings und entwickeln Strategien. Bekannteste von ihnen arbeiten bei Sichercheitsdienste oder In Kampfsport Clubs. Sie sammeln auch Daten über Gegner aber auch über Polizei. Mehrere Mörde geht auf ihre Rechnung. Viele auf Balkan denken, dass blutige Bürgerkrieg hat mit Fußball angefangen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen