«Sie haben keine Perspektive, wenn sie im Land bleiben»

Unbefristeter Kriegsdienst, Zwangsarbeit für den Staat ohne Lohn, keine Möglichkeit dem zu entkommen: So sieht die Lage für die Eritreer im eigenen Land aus. Als Ausweg sehen viele nur die Flucht, sagt eine Kennerin des afrikanischen Landes.

SRF: Ist Eritrea eine einzige grosse Kaserne?

Nicole Hirt: Das Land ist hoch militarisiert. Schätzungsweise um die 300‘000 Menschen sind im Militär- oder Nationaldienst. Sie arbeiten praktisch alle für das Militär und die Polizei und unterliegen auch militärischem Recht. Sie sind nicht frei, ihr eigenes Leben zu gestalten.

Äthiopien hält bis heute eritreisches Territorium besetzt. Das wird von den USA offenbar auch gedeckt. Fühlt sich denn Präsident Isayas Afewerki zu Recht bedroht?

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Nicole Hirt

Nicole Hirt

Nicole Hirt ist Eritrea-Expertin am GIGA-Institut für Afrika-Studien in Hamburg.

Ich denke, hier kann man nicht von einer Bedrohung sprechen. Es stimmt, dass Äthiopien sich nach wie vor nicht an die Grenzentscheidung der Kommission von den Haag hält, aber das kommt nicht einem militärischen Aufmarsch an der Grenze von äthiopischen Truppen gleich. Es ist einfach ein ungelöster Grenzkonflikt. Äthiopien hat sich nicht an internationales Recht gehalten. Aber das rechtfertigt es nicht, das eigene Land in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben.

Ist Äthiopien der Grund, weshalb Eritrea die eigenen Soldaten nach wie vor nicht demilitarisiert?

Formal wird dieser Grund als Rechtfertigung angegeben. Es werden damit praktisch Verhältnisse geschaffen, wie sie während des 30-jährigen Befreiungskampfes bestanden. Die Unabhängigkeitskämpfer waren ohne Entgelt engagiert. Es ist aber eher die Ideologie des Präsidenten und der Regierungspartei, diese Kampfzeit weiter bestehen zu lassen.

Es gibt jahrelangen Militärdienst. Sie haben auch die Fronarbeit erwähnt. Was bedeutet das für die jungen Leute in Eritrea?

Sie haben keine Perspektive, wenn sie im Land bleiben. Sobald sie das Ende ihrer Schulzeit erreichen, müssen sie in ein Militärcamp. Danach kann ein kleiner Teil, der sehr gute Noten im Abschlusszeugnis erreicht hat, an einem College studieren. Aber über 90 Prozent kommen direkt nach der Schule ins Militär – ohne absehbares Ende. Das heisst, sie können nie eigenes Geld verdienen, sie haben keine freie Wahl, was sie tun wollen und können somit auch keine individuelle Lebensperspektive aufbauen. Um menschenwürdig zu leben, sehen viele Eritreer nur die Flucht als Lösung.

Wie sieht es wirtschaftlich aus? Eritrea verfügt ja über grosse Bodenschätze - Gold, Kupfer und Zink zum Beispiel.

Das stimmt. Aber es gibt ziemlich viele Rohstoffprojekte, die schon über ein Jahrzehnt stagnieren. Im Moment ist nur die kanadische Minengesellschaft Nevsun Company im Land tätig. Die hat 2011 angefangen, Gold zu fördern. Inzwischen sind die Goldreservoirs erschöpft. Angeblich soll die Regierung bis zu einer Milliarde Dollar damit verdient haben. Aber das Geld ist auf jeden Fall nicht bei der Bevölkerung angekommen. Die Elektrizitätsversorgung ist seit Jahren sehr schlecht, weil die Regierung nicht genügend Treibstoff importiert. Es gibt einen Mangel an Nahrung und Wasser. Das Geld verschwindet in irgendwelchen dunklen Kanälen und wird nicht in die Wirtschaft investiert. Nicht mal um die Bevölkerung mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Stichwort Menschenrechtslage in Eritrea. Für die einen ist das Land sicher. Für Amnesty International zum Beispiel ist das Land das Nordkorea Afrikas. Was stimmt?

Wenn ich unter «sicher» verstehe, dass es wenig Kriminalität gibt, dann ist es in diesem Sinne relativ sicher für ausländische Besucher. Die Kriminalitätsrate ist niedrig. Aber das hat natürlich auch damit zu tun, dass es keine Freiheit im Land gibt. Es gibt keine Versammlungsfreiheit, keine Pressefreiheit und keine Meinungsfreiheit. Das ganze Land ist mit einem Netz von Spionen überzogen, die überall mithören. Das wäre eine zynische Interpretation von Freiheit.

Laut WHO ist Eritrea das einzige afrikanische Land, das vier der zehn UNO-Milleniumsziele erreicht hat: die Kindersterblichkeit gesenkt, Aidsrate liegt bei fast null, Malaria ist beseitigt und niemand verhungert in dem Land.

Das ist nicht richtig. Eritrea behauptet von sich selber, diese Ziele zu erreichen. Es gibt zwar Anstrengungen in diese Richtung. Die Statistiken, die veröffentlicht werden, sind aber von der eritreischen Regierung selber. Ausländische Organisationen haben keinen Zugang zu ländlichen Gebieten und können sich kein eigenes Bild vor Ort machen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Landes? Man hört, es gebe so etwas wie eine zaghafte Öffnung.

Das ist Wunschdenken. Im letzten Jahr sind ja viele eritreische Flüchtlinge nach Europa gekommen. Das hat einzelne Regierungen bewogen, zum Beispiel die dänische, Delegationen hinzuschicken. Die haben sich dann in der Hauptstadt in schönen Hotels aufgehalten und sich mit dem Botschaftspersonal unterhalten und sind dann zu solchen Schlüssen gekommen.