«Siegt Van der Bellen, hat er das auch der SPÖ zu verdanken»

Österreich hat einen neuen Bundespräsidenten gewählt, aber noch niemand weiss, wer es ist. Sicher ist, dass dem unabhängigen Van der Bellen eine bemerkenswerte Aufholjagd gelungen ist. Das erklärt sich auch mit dem Wechsel an der SPÖ-Spitze von letzter Woche, wie Journalist Christian Rainer sagt.

Aufnahme des österreichischen Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Noch steht der Sieger nicht fest. Dennoch: Van der Bellen machte im zweiten Wahlgang erstaunlich viele Stimmen gut. Keystone

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Zur Person

profil

Christian Rainer ist Chefredaktor des österreichischen Nachrichtenmagazins «profil».

SRF News: Die Bundespräsidentenwahl in Österreich ist die spannendste seit 1945. Konnten Sie und Ihre Landsleute überhaupt schlafen vor lauter Spannung und Ungewissheit?

Christian Rainer: Ehrlich gesagt haben wir nach Redaktionsschluss noch das eine oder andere Bier getrunken, weil wir so aufgeregt waren. Ändern können wir aber nun nichts mehr. Wir warten mit grosser Spannung auf das Resultat.

Die Auszählung dauert so lang, weil noch Briefstimmen ausgezählt werden müssen. Weshalb wurde das nicht schon in der Nacht gemacht?

Weil die Briefe zum Teil erst am Sonntag eingetroffen sind. Bis Freitag war Wählen per Briefwahl möglich, wobei fast eine Million Stimmen abgegeben wurden. Deren Auszählung von Hand braucht Zeit.

«  Wir haben nach Redaktionsschluss das eine oder andere Bier getrunken, weil wir so aufgeregt waren. »

Noch steht nicht fest, wer der Sieger sein wird. Aber fest steht, dass dem von den Grünen unterstützte Alexander Van der Bellen eine bemerkenswerte Aufholjagd gelungen ist. Wo kommen all die Stimmen her?

Das ist tatsächlich sehr überraschend. Alle Wettquoten gingen gegen den unabhängigen Kandidaten Van der Bellen und für den Rechtspopulisten Norbert Hofer von der FPÖ. Van der Bellen hat aber nun doppelt so viele Stimmen dazugewonnen wie Hofer. Denn Hofer hatte im ersten Wahlgang 35 Prozent der Stimmen und Van der Bellen 20 Prozent. Jene, die Hofer gewählt haben, wollten ein neues System, das radikal andere Personen nach oben schwemmen könnte und eine radikal andere Flüchtlingspolitik bringen soll. Auf der anderen Seite haben viele für Van der Bellen gestimmt, weil sie den extrem rechten Kandidaten Hofer verhindern wollten.

«  Van der Bellen hat im zweiten Wahlgang doppelt so viele Stimmen dazugewonnen wie Hofer. »

Hat die Rede des neuen Bundeskanzlers und SPÖ-Politikers Christian Kern letzte Woche auch zu Van der Bellens gutem Abschneiden beigetragen?

Zweifellos. Dass der bisherige Bundeskanzler Werner Faymann zurücktreten musste und mit Kern ein neuer und glaubwürdigerer Bundeskanzler angetreten ist, hat sicherlich mehrere Prozentpunkte verschoben. Ohne diesen Wechsel an der Spitze der SPÖ hätte Van der Bellen keine Chance gehabt. So kam Hofer aber plötzlich das zentrale Angriffsziel, der Bundeskanzler, abhanden. Falls Van der Bellen gewinnt, dann hat er das sicher auch der SPÖ zu verdanken.

FPÖ-Kandidat Norbert Hofer jubelte am Sonntagabend bereits und sagte: «Wir sind die Mitte der Gesellschaft». Ist die Mitte der Gesellschaft Österreichs tatsächlich so weit rechts?

Nein. Es gab in Österreich immer eine rechte, konservative Mehrheit. Aber die Mitte repräsentieren die FPÖ und vor allem Hofer nicht. Das Land ist gespalten, allerdings nicht in das übliche, klassische Rechts-links-Schema, wie es während vieler Jahre der Fall war. Nun gibt es nämlich zwei neue Lager in Österreich: Einerseits eine Gruppe, die eine Veränderung will. Sie besteht aus Wählern aus allen Parteien. Andererseits eine Gruppe, die etwas bedachter denkt und Angst vor dem radikal rechten Kandidaten hat. Das ist eine richtige Veränderung der österreichischen Gesellschaft.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Österreich wartet

    Aus Tagesschau vom 23.5.2016

    In Österreich ist noch immer unklar, wer der nächste Bundespräsident wird. Das knappe Ergebnis steht erst am Abend fest, wenn die Stimmen der Briefwähler ausgezählt sind. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Christian Vogt in Wien.