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Skandal in Frankreich Angst, Scham und Unterwerfung: Missbrauch an katholischer Schule

  • Zwischen 700 und 1500 Kinder sind laut einem Bericht einer Nicht­regierungs­organisation möglicherweise Opfer sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt an einer französischen Schule geworden.
  • Sie besuchten von 1950 bis Ende der 1990er-Jahre die Schule «Notre-Dame-De-Bétharram» in der Nähe von Lourdes sowie andere Einrichtungen der Ordensgemeinschaft. 

Diese Grössenordnung zeuge von jahrzehntelanger «systemischer» und «institutioneller Gewalt» und widerlege die These von einzelnen Handlungen, so das Institut Louis Joinet (IFJD). Der heute veröffentlichte Bericht ist das Resultat der im Fall Bétharram eingesetzten Untersuchungskommission, welche das IFJD seit 2025 leitet. Das Institut hat über ein Jahr lang Ermittlungen durchgeführt und seine Ergebnisse heute veröffentlicht.

Hof mit Gebäuden und Basketballkorb, Bäume im Hintergrund.
Legende: Ort des Grauens? Der Untersuchungsbericht des IFJD weist auf Jahrzehnte systematischer Gewalt an der «Notre-Dame-De-Bétharram» hin. IMAGO/ABACAPRESS

Neben dem Einwand der Einzelhandlungen müsse auch jener der allgemein grösseren Toleranz gegenüber Gewalt zu dieser Zeit zurückgewiesen werden, betonen die Autorinnen und Autoren. Die Schule habe im Südwesten Frankreichs lange Zeit einen autoritären Ruf gehabt und sei für ihre «Wertschätzung von Härte» geprägt gewesen. Das System habe sich über Jahrzehnte hinweg durch Ein­schüchterungs­mechanismen bei den Schülerinnen und Schülern aufrecht erhalten können. Es habe auf Angst, Scham und Unterwerfung gebaut.

Ex-Premier Bayrou beschuldigt

Für ihren Bericht hatte das IFJD fast 140 ehemalige Schülerinnen, Schüler und Akteure der Kirchengemeinde befragt. Letztere leiteten mehrere Grundschulen, Mittelschulen und Gymnasien in Frankreich und auf dem afrikanischen Kontinent. Sie sprechen von einem allgemeinen Versagen der Kontrollmechanismen sowohl seitens der Kirche als auch seitens des Staates. Frühere Hinweise auf die Gewalt wären vor Ort aufgrund des Rufs der Einrichtung als wenig glaubwürdig empfunden worden.

Der Fall ist 2023 durch eine Flut von Zeugenaussagen ehemaliger Schülerinnen und Schüler auf Facebook ans Licht gekommen. Seither wurde auch der ehemalige Premierminister und lokale Politiker François Bayrou beschuldigt, von Missbrauch innerhalb der Einrichtung gewusst zu haben, ohne einzugreifen. Bayrou hat dies stets bestritten. Seine Kinder haben die Schule Bétharram besucht.

Eine Person in einem Anzug sitzt in einem Konferenzraum mit Mikrofonen und Büchern auf dem Tisch.
Legende: Der ehemalige französische Premierminister François Bayrou im Mai 2025 bei einer Anhörung einer franzöischen Parlamentskommission, die sich mit dem Fall beschäftigt hat. Imago/Anadolu agency

Der Bericht empfiehlt die Einrichtung eines Bürgergerichts für die Opfer. Über Bürgergerichte können Beweise und Zeugenaussagen gesammelt und moralische Urteile gefällt werden, die nicht rechtlich bindend sind. Denn der Grossteil der in fast 250 Anzeigen angeprangerten Missbrauchsfälle ist bereits verjährt. Nur zwei Männer, ein Laie und ein Ordensangehöriger, wurden angeklagt.

Die französische Nicht­regierungs­organisation IFJD ist auf Übergangsjustiz in Konfliktgebieten spezialisiert. Sie unterstützt die Schaffung «eines Mechanismus zur finanziellen Wiedergutmachung», parallel zu den 1.4 Millionen Euro Entschädigung, welche die Kongregation bisher an 48 Opfer gezahlt hat.

SRF 4 News, 20.06.2026, 17:30 Uhr ; 

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