«Missbrauch zu erleben, zerstört dein Leben, deine Persönlichkeit, deine Spiritualität, deine Intelligenz. Wer Missbrauch erlebt hat, muss das alles mühsam wieder rekonstruieren.» Das sagt Amélie M. Der Name ist ein Pseudonym, das ihre Anonymität wahren soll.
Erlebt hat Amélie M. die Übergriffe im Kloster. Seit sie 16 war, wusste sie, dass sie Nonne werden will. Und zwar Karmelitin, ein kontemplativer Orden – die Schwestern leben zurückgezogen, haben kaum Kontakt zur Aussenwelt. «Eine Berufung ist, wie wenn du dich verliebst», erzählt Amélie M. «Man weiss einfach, wer der Richtige ist. Erklären kann man das nicht.»
Mit 19 tritt sie ins Kloster ein. Feuer und Flamme sei sie gewesen. Doch die Begeisterung hielt nicht lange. Oberin und Novizenmeisterin seien sehr streng gewesen, hätten den kleinsten Ungehorsam als mangelnden Respekt und mangelnde Anerkennung gedeutet. «Ich geriet in einen permanenten Zustand von Schuldgefühlen», berichtet Amélie M.
Manipulation und Machtmissbrauch
Als die junge Novizin der Oberin im Vertrauen erzählte, dass sie als Jugendliche vergewaltigt worden sei, habe sie keine Unterstützung erhalten. Im Gegenteil: Die Oberin habe sie unter einem Vorwand zum Gynäkologen geschickt, der Amélie M.s Jungfräulichkeit bestätigen sollte.
Das alles geschah in den 1980er-Jahren. Was Amélie M. beschreibt, ist spiritueller Missbrauch. Wenn in einer spirituellen Beziehung der Glaube missbraucht wird, um eine Person zu manipulieren. «Spiritueller Missbrauch ist wie eine Verbrennung. Nur dass diese Verbrennung dein Innerstes zerstört», sagt Amélie M. und betont: «Spirituelle Übergriffe sind ebenso schlimm wie sexuelle.»
Spirituelle Übergriffe machen krank
Amélie M. hielt den Druck und die Querelen unter den Schwestern irgendwann nicht mehr aus. Sie wurde krank. «Es fühlte sich an, als würde ich ersticken», erzählt die heute 65-Jährige. Nach knapp sechs Jahren verlässt sie das Kloster. Sie leidet ein Leben lang darunter, dass sie ihre Berufung nicht leben kann.
Amélie M. lebt heute in Frankreich, eine Autostunde von der Schweizer Grenze entfernt. Ihre Geschichte hätte sich auch in einem Schweizer Orden abspielen können.
Betroffene zu finden, die über Übergriffe im Kloster berichten, ist noch immer schwer. Das bestätigen auch die Betroffenenorganisationen in der Deutsch- und Westschweiz. Zu gross ist oft die Loyalität gegenüber der Kirche und den Gemeinschaften. Zu sehr wird die eigene Identität dadurch infrage gestellt. Zu prekär ist die finanzielle Lage, wenn sich eine Schwester entscheidet, den Orden zu verlassen.
Ordensfrauen als Täterinnen: ein Tabu im Tabu
Was Amélie M. erzählt, ist typisch für die Erfahrung vieler Betroffener. Das zeigt auch die erste qualitative Studie im deutschsprachigen Raum, die im Herbst 2025 erschienen ist. Typisch ist die spirituelle Manipulation, die der sexualisierten Gewalt an Erwachsenen praktisch immer vorangeht. Typisch ist, dass Hierarchien missbraucht werden, um gerade Novizinnen in ihrer ersten Verliebtheitsphase im Kloster zu manipulieren.
Viele der Betroffenen in der Studie haben zudem bereits in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle Übergriffe erlebt. Und: Die Täter sind zwar mehrheitlich männlich, es gibt aber auch Täterinnen. Ein Tabu im Tabu, wie Studienleiterin Barbara Haslbeck analysiert.
Umdenken bei den Schweizer Frauenorden
Die neuen Erkenntnisse führen in den Schweizer Frauenklöstern und Orden zu einem Umdenken. Bis vor Kurzem pochten sie darauf, dass sie vor allem Opfer des Missbrauchsskandals seien. Sie wollten deshalb auch die nationale Studie zur Aufarbeitung nicht mitfinanzieren. Hier hat ein Umdenken stattgefunden, zumindest bei einem Teil der Orden.
Der Dachverband der apostolischen Frauengemeinschaften der Deutschschweiz etwa, die Vonos, hat vorletztes Jahr beschlossen, einen «Solidaritätsbeitrag» zu bezahlen, wie Vonos-Präsidentin Annemarie Müller bestätigt. Die Generalpriorin des Klosters Ilanz sagt: «Es ist viel Unrecht passiert und grosses Leid entstanden. Und als Ordensgemeinschaft sind wir Teil der römisch-katholischen Kirche. Deshalb wollten wir einen Beitrag leisten.»
Die grosse Mehrheit der Frauenklöster in der Schweiz ist überaltert. Das birgt eine weitere Herausforderung. Denn Erlebnisse wie Übergriffe können im Alter hochkommen. Hier gelte es, sensibel zu sein, sagt Generalpriorin Annemarie Müller. Und sich auszutauschen, wie mit hochbetagten Betroffenen umzugehen sei.
Mangelhafte Kontrollen
Konkrete Fälle von Schweizer Schwestern, die im Orden sexualisierte Gewalt erlebt haben, sind öffentlich bisher keine bekannt. Ganz anders bei den Männern. Hier hat in den letzten Monaten vor allem das prestigeträchtige, über 1500 Jahre alte Kloster St. Maurice Negativschlagzeilen gemacht. Ein Bericht, den das Kloster auf Druck der Medien und von Betroffenen in Auftrag gab, zeigte: 21 Täter lebten im Kloster St. Maurice. 69 Betroffene machte die Studie aus.
Besonders frappant: Noch in den 2010er-Jahren lebte ein bekannter Missbrauchsstäter im Kloster. Und Abt Jean Scarcella versäumte es laut der Studie, sicherzustellen, dass der Täter sich an die Vorgaben des Vatikans hielt, die weitere Übergriffe verhindern sollten.
Der Bericht zeigt auch: Die Probleme des Klosters, die als Nährboden für die Übergriffe dienten – und dazu, dass Täter geschützt und Betroffenen nicht geglaubt wurde – waren bekannt. Diverse Visitationen, also Überprüfungen durch aussenstehende Kirchenobere, hatten sie benannt. Konsequenzen hatte das nie.
Hat Prävention Priorität im Vatikan?
Tatsächlich sind regelmässige Visitationen ein Kontrollmechanismus, der Missstände in einem Kloster oder Orden aufzeigen kann. Doch nur, wenn die Visitatoren geschult seien und auch Zugang zu allen Informationen und Auskunftspersonen erhielten, sagt Astrid Kaptijn, Professorin für Kirchenrecht an der Universität Freiburg. Wenn Missstände entdeckt würden, könnten die Visitatoren dies dem Vatikan melden, der dann eigene Kontrolleure schicke. Doch auch das garantiere keine Massnahmen.
«Das zuständige Ministerium – im Vatikan heisst es Dikasterium – erhält Berichte aus aller Welt. Diese zu sichten, ist viel Arbeit.» Astrid Kaptijn vermutet, dass das Dikasterium überfordert ist und zu wenig Personal hat für eine umfassende Kontrolle. Dies zu ändern, läge unter anderem am Papst. Es wäre eine Massnahme, um zu zeigen, dass der Vatikan Ernst macht bei der Missbrauchsprävention.
Mentalitätswandel in Schweizer Klöstern?
Prävention ist unterdessen auch Thema in diversen Schweizer Klöstern und Ordensgemeinschaften. Prominente Gemeinschaften wie jene von Einsiedeln, Disentis oder Engelberg haben Schutzkonzepte erarbeitet. Die Benediktiner haben zudem entschieden, Anwärter fürs Klosterleben per Assessment psychologisch abklären zu lassen.
Die Ordensgemeinschaften verweisen auf ihren Websites auf Anlaufstellen, mal prominent, mal weniger, und lassen sich von ausgewiesenen Fachstellen beraten. Weiterbildungen, gerade für Seelsorger, sind ebenfalls vorgesehen. «Es hat ein Mentalitätswechsel stattgefunden», sagt Pater Andy Givel, Präsident der Kovos, des Dachverbandes der Schweizer Klöster und Ordensgemeinschaften. Die Pilotstudie habe aufgerüttelt. So lasen die Benediktiner von Disentis etwa ein Buch über spirituellen Missbrauch als Tischlektüre.
Verbesserungen ja, aber noch nicht systematisch
Allerdings: Einen Überblick, ob all diese Massnahmen wirklich fruchten, ob sie ernst genommen und im Alltag angewandt werden, hat niemand. Denn die Klosterlandschaft ist zersplittert, bei Weitem nicht alle sind einem Bistum unterstellt. Und wie sehr sich eine Klostergemeinschaft mit dem Thema auseinandersetzt, ist noch immer personenabhängig. Eine externe, gar weltliche Kontrolle gibt es nicht.
Amélie M. wünscht sich, dass sich die Ordensgemeinschaften ihrer Geschichte stellen. Und anerkennen, welches Leid spiritueller Missbrauch anrichten kann. Sie selbst nennt sich heute «soeur sans domicile fixe», Nonne ohne Kloster. Und möchte andere Betroffene ermutigen, sich zusammenzuschliessen. Um mit gemeinsamer Stimme für Verbesserungen zu kämpfen.