Zum Inhalt springen

Sklavenarbeit in Süditalien Ausgebeutet und transportiert wie Vieh

Die Mafia lässt grüssen: Verkehrsunfälle mit 16 Toten rufen das Elend afrikanischer Feldarbeiter in Apulien in Erinnerung.

Legende: Audio Moderne Sklavenarbeit in Süditalien abspielen. Laufzeit 05:13 Minuten.
05:13 min, aus HeuteMorgen vom 08.08.2018.

16 Tote in drei Tagen: Nahe der süditalienischen Stadt Foggia sind seit letztem Samstag bei Verkehrsunfällen 16 Menschen ums Leben gekommen. Sie waren allesamt afrikanische Saisonarbeiter. Die meisten von ihnen wohnen in Slums und werden von dort in alten Karren auf die Felder transportiert, wie Italien-Mitarbeiter Rolf Pellegrini berichtet. Beim letzten Unfall waren in einem kleinen Lieferwagen 14 Arbeiter eingepfercht. Das Gefährt mit bulgarischem Nummernschild war für acht Personen zugelassen und sollte die Arbeiter nach der Arbeit auf den Feldern in ihre Barackensiedlung zurückführen.

«Caporalato»: Organisiert werden die Transporte der Afrikaner von den «Caporali». Sie arbeiten für kriminelle Banden oder die Mafia, die mit den Besitzern der Felder die Pflückarbeiten kontrollieren. Diese Korporale heuern die Rechtlosen an und verlangen für die «Sklaventransporte» meist noch ein paar Euro. Abhängig zu sein vom «Caporalato», also von den Mafien und Gangs, bedeutet völlige Rechtlosigkeit und Ausbeutung unter sengender Hitze auf Feldern und Baustellen für zwei bis drei Euro pro Stunde oder auch nur die Hälfte davon.

Ein Milliardengeschäft: Insgesamt geht es um viel Geld bei diesem Geschäft, das in Süditalien seine furchtbarste Ausprägung hat. Die Gewerkschaft der Agrarindustriearbeiter spricht von 4,8 Milliarden Euro, die in ganz Italien auf diese Weise eingenommen werden. Dadurch werden dem Staat 1,8 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben entzogen.

Ein neues Gesetz: 2016 wurde in aller Eile ein Gesetz verabschiedet, um das «Caporalato» und die Schwarzarbeit in der Landwirtschaft zu bekämpfen. Bisher ist allerdings sehr wenig geschehen, so Pellegrini: Eigentlich sollte die Polizei die allseits bekannten Orte kontrollieren, wo die Arbeiter angeheuert werden. Die Polizei könnte zudem auf den Strassen auch die alten Vehikel anhalten. Doch dies geschieht nicht. Die Polizei zeigt zwar Präsenz, kontrolliert aber erst, wenn die Arbeiter bereits auf den Feldern sind oder nach deren Rückkehr in die Baracken. Die Ordnungskräfte konzentrieren sich zudem auf die Autobahnen und beklagen einen Personalmangel.

Bei einem Unfall nahe Foggia starben am Montag zwölf Afrikaner auf der Rückkehr von den Feldern.
Legende: Bei einem Unfall nahe Foggia starben am Montag zwölf Afrikaner auf der Rückkehr von den Feldern. Keystone

Neue Versprechungen: Nach den schweren Unfällen mit 16 Toten kündigten zwei Staatsanwälte in Apulien eine intensive Untersuchung an. Italiens Innenminister Matteo Salvini von der Lega Nord versprach drastische flächendeckende Kontrollen. Schwarzarbeiter wollten heute in Apulien an Demonstrationen ihre Forderung nach angemessener Entlöhnung und Rechtsschutz unterstreichen. Ob dies etwas bewirkt und die gesetzlich vorgesehenen Sanktionen gegen die Ausbeuter angewendet werden, wird sich bald zeigen.

Theorie und Praxis: Immerhin sieht die Höchststrafe die Enteignung von Ausbeutern vor. Das blieb aber bisher Theorie. Erstaunlich ist auch, dass die Präfekten als staatliche Vertreter vor Ort nie zu drastischen Massnahmen griffen und die Polizei nie anwiesen, die Missstände energisch zu bekämpfen. Es fehlte ihnen bisher vermutlich die nötige Unterstützung der Politik, so Pellegrini.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

34 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Hat der Redakteur dieses Artikels schon einen typisch südamerikanischen Arbeitertransport gesehen? Die Menschen und Waren stehen so dicht darauf, sie fallen fast herunter. Der Arbeitsweg in den Anden? Lauter Lebensgefahr. Ich möchte das Migrantenproblem in Spanien nicht verbagatellisieren, aber es geht nicht an, dass wir uns über sie aufregen, während Arme in anderen Erdteilen, die täglich mit miserablen Bedingungen zu kämpfen haben, vergessen, weil sie sich nicht durch "Flucht" exponieren.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Filippo Mazza (Filippo-+)
    Ehrlicher wäre es... Die Migranten sind selber gekommen und die EU gibt zu wenig Hilfe füt Grenzschutz und Migrantenverteulung. Zudem ist abschieben faktisch nicht möglich da Herkunftsländer als unsicher gelten. Und last but not least die Leute wollen lieber bleiben..eine kleine Chance auf ein besseres Leben ist besser als gar keine.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Letztens war eine interessante Doku zu sehen. Drei Nationen beherrschen den weltweiten Tomatenmarkt (Tomaten in Dosen und Tomatenmark). USA, China, Italien. Afrikaner schuften auf chinesischen Plantagen in Afrika, für 100 € im Monat. Hierzulande wird solch ein Betrag locker für Bier und Zigaretten ausgegeben. :((
    Ablehnen den Kommentar ablehnen