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So tickt Brüssel «Das EU-Viertel ist ziemlich hässlich»

Legende: Audio SRF-Brüssel-Korrespondent Oliver Washington im Gespräch abspielen. Laufzeit 15:04 Minuten.
15:04 min, aus Zwischen den Schlagzeilen vom 14.11.2018.

Seit vier Jahren lebt und arbeitet SRF-Korrespondent Oliver Washington in Brüssel, dem Sitz der Europäischen Union. Im Gespräch erzählt er, wie es ihm als Journalist aus einem kleinen Nicht-Mitgliedsland im Bürokratie-Moloch Brüssel ergeht – und warum ihn die Stadt fasziniert.

Oliver Washington

Oliver Washington

EU-Korrespondent, SRF

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Oliver Washington ist seit 2003 bei SRF. Ab 2007 war er Mitglied der Inland-Redaktion, seit 2014 ist er EU-Korrespondent in Brüssel. Washington hat Soziologie, Geografie und Wirtschaftsgeschichte studiert.

SRF News: Bei Touristen kommt Brüssel nicht gerade gut weg. In einer Internet-Umfrage wurde es zur langweiligsten Stadt Europas erkoren. Zu Recht?

Oliver Washington: Nein, das sehe ich nicht so. Durch die EU ist in Brüssel das Multikulturelle sehr präsent. Wenn ich mit meinen Kindern auf einem Spielplatz bin, dann hört man Finnisch, Spanisch, Portugiesisch. Man spürt, dass das hier gewissermassen das europäische Epizentrum ist.

Das EU-Viertel ist ein ziemlich hässliches Quartier mit breiten Strassenschluchten und heruntergekommenen Bürogebäuden.

Ausserdem verfügt die etwas chaotische Stadt über wunderbare Wohnquartiere mit vielen Gebäuden vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch der Jugendstil ist in der Architektur sehr präsent. Manche Brüsseler sind überzeugt, sie hätten ihn erfunden und nicht die Wiener.

Andererseits wurde für das EU-Viertel, wo beispielsweise jeweils die Gipfeltreffen stattfinden, ein historisches Quartier geopfert. Ist dieses EU-Brüssel also gewissermassen eine abgeschlossene Insel in der belgischen Hauptstadt?

Während der Gipfeltreffen ist das tatsächlich der Fall, die Sicherheitsvorkehrungen sind bei 28 Staats- und Regierungschefs jeweils natürlich enorm. In der übrigen Zeit ist das Quartier zwar keine abgeschlossene Festung, aber den Charme Brüssels findet man hier tatsächlich nicht. Es ist ein ziemlich hässliches, schachbrettartig angeordnetes Quartier mit breiten Strassenschluchten und meist etwas heruntergekommenen Bürogebäuden.

85'000 Menschen arbeiten in diesem «hässlichen» Europa. Das tönt, als sei hier der schlechte Ruf der EU als Verwaltungsmoloch physisch sichtbar. Wie erleben Sie dieses «Bürokratiemonster» im Alltag?

Meine anfängliche Angst, die Bürokratie könnte den persönlichen Kontakt zu den Politikern versperren, hat sich nicht bewahrheitet. Auch als Schweizer Journalisten haben wir Zugang zu Parlamentariern und EU-Kommissaren.

Das Bild einer abgeschotteten EU-Zentrale entspricht nicht der Realität.

Das gilt auch für die für unsere Arbeit sehr wichtigen Hintergrundgespräche, die es immer wieder mit den verschiedenen Botschaftern der EU-Staaten gibt. Dazu kommen die für alle zugänglichen diversen Medienkonferenzen nach den Gipfeltreffen. Das Bild einer abgeschotteten EU-Zentrale entspricht nicht der Realität.

Sie können sich also auch als Journalist aus einem kleinen Nicht-EU-Staat neben den grossen Playern wie der BBC oder CNN behaupten?

Wir haben zumindest alle die gleichen Zugänge. Natürlich haben wir als Schweizer auf einer Medienkonferenz von Angela Merkel geringere Chancen auf die Beantwortung einer Frage als die Kollegen vom ZDF. Und auch Einzelgespräche mit Politikern wie der Kanzlerin oder dem französischen Präsidenten sind für uns Schweizer kaum möglich, aber das ist auch verständlich.

Das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU ist derzeit wegen der Differenzen rund um das Rahmenabkommen etwas angespannt. Bekommen Sie das in Brüssel zu spüren?

Nein, auf mich als Journalist, der hier seine Arbeit macht, fällt das überhaupt nicht zurück. Diesbezüglich läuft hier alles sehr professionell. Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Brexit, die Brüssel gerade unendlich viel mehr beschäftigt als das doch eher «kleine» Problem mit der Schweiz.

Das Gespräch führte Romana Costa.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli (bendicht.haeberli)
    Interessante Aussage: "die Sicherheitsvorkehrungen sind bei 28 Staats- und Regierungschefs jeweils natürlich enorm". Da sieht man wie gross die Lücke zu einem direktdemokratischen, föderalistischen System noch ist. Wenn unsere kantonalen Regierungschefs ein Konferenz abhalten, interessiert das niemand und somit geht auch niemand hin. Fazit: Wir sollten wirklich Sorge tragen: Zu unserer Freiheit, zu unserer einmaligen Staatsform, zur Neutralität und zu unserer Natur. Jeder Aufwand lohnt sich!!
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  • Kommentar von S graf (chili)
    Miese aufreisserische Titulierung! Brüssel ist wunderschön, hat viele interessante Ecken und viel zu entdecken. Das EU Viertel ist überdies nicht hässlich, auch hier hat es schöne und viele neue Gebäude… Artdeco kann man in fast jeder Strasse sehen und Brüssel ist wirklich multikulturell, die Belgier sind sehr freundlich und offen.
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    1. Antwort von M. Roe (M. Roe)
      Graf: Es geht nur noch mit "mies" und "aufreisserisch", sonst würden auch Sie die Nachrichten nur noch überfliegen, wenn überhaupt.
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