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Britisches Parlament debattiert Scheitern in Afghanistan
Aus Echo der Zeit vom 18.08.2021.
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Sonderdebatte zu Afghanistan Wundenlecken in Westminster

Das britische Parlament diskutiert das Scheitern am Hindukusch. Die Regierung Johnson gerät massiv unter Beschuss.

Es war kein guter Tag für Boris Johnson. Während sechs Stunden stand der Premierminister politisch im Regen. Das grösste aussenpolitische Versagen der Briten seit der Suezkrise im Jahre 1956 nannte der schottische Abgeordnete Ian Blackford den Rückzug aus Afghanistan: «Die Bilder, wie Hunderte von Menschen auf einem Rollfeld in Kabul in ihrer Not versuchen auf eine startende Transportmaschine aufzuspringen, werden uns wohl bis ans Ende unseres Lebens begleiten.»

Diese Szenen würden sich zwar in weiter Ferne abspielen, doch die geografische Distanz zwischen London und Kabul mache die moralische Schuld an diesem Debakel nicht kleiner. Dass die britische Regierung noch vor wenigen Tagen Visumsanträge von Afghaninnen und Afghanen abgelehnt habe, sei eine Schande. «Niemand, der in Afghanistan für die Briten gearbeitet hat und nun an Leib und Leben gefährdet ist, darf zurückgelassen werden. Niemand.»

Blackford: «Afghanisches Volk zahlt letzten Preis»

Die Regierung hat bereits am Mittwochmorgen angekündigt, langfristig 20'000 Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen. Der britische Botschafter harrt immer noch in Kabul am Flughafen aus und erteilt unbürokratisch Visa. Das sei gut und recht, meinte die frühere konservative Premierministerin Theresa May, aber sie wollte von der Regierung wissen, wie es überhaupt zu diesem Debakel kommen konnte.

Der Entscheid der USA, sich aus Afghanistan zurückzuziehen, sei schliesslich nicht gestern, sondern vor 18 Monaten gefallen. «Waren unsere Nachrichtendienste so schlecht informiert, war unsere Einschätzung der afghanischen Regierung so falsch und unser Wissen über die Lage vor Ort so ungenügend, dass wir trotz dieser Vorlaufzeit in diese Situation geraten konnten – oder fühlten wir uns verpflichtet, den USA einfach blind zu folgen?»

May: «Wo ist ‹Global Britain› in Kabuls Strassen?

Labour-Chef Keir Starmer glaubt die Antwort zu kennen: Der Premierminister habe schlicht keinen Plan gehabt und dies sei unverzeihlich. «Boris Johnson hatte die Möglichkeit, in dieser Krise eine Führungsrolle zu übernehmen: Grossbritannien ist im UN-Sicherheitsrat, wir spielen eine Schlüsselrolle in der Nato und wir haben zurzeit den Vorsitz inne der G7-Staaten – aber wir haben diese Position schlicht nicht genutzt.»

Starmer: «Johnson ging in Urlaub, als Kabul fiel»

Ein sichtlich geknickter Boris Johnson ging in gewohnter Weise nicht auf die Vorwürfe ein. Es sei eine Illusion zu glauben, dass Grossbritannien allein den Kollaps in Afghanistan hätte verhindern können. «Die Verteidigung der Menschenrechte in Afghanistan wird unsere höchste Priorität bleiben. Wir haben bereits viel erreicht. Das Land ist heute nicht mehr eine Brutstätte des globalen Terrorismus und wir werden dem afghanischen Volk weiterhin beistehen, die bestmögliche Zukunft zu finden.»

Johnson: «Werden das Regime an Taten messen»

140'000 Britinnen und Briten haben in den vergangenen 20 Jahren als Armeeangehörige, Diplomatinnen oder Entwicklungshelfer in Afghanistan vergeblich an dieser Zukunft gearbeitet. Einige Tausend von ihnen sind schwer verletzt zurückgekehrt – und 457 gar nicht mehr. Für deren Angehörige mögen die Worte des Premierministers allenfalls schön, aber wahrscheinlich wenig tröstlich sein.

Echo der Zeit, 18.08.2021, 18 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Guggisberg  (gugmar)
    Boris Johnson ist nicht für den Einsatz verantwortlich. Von scheitern sprechen nur die, die Andersartigkeit anderer Kulturen nicht respektieren. Biden spricht von Terrorbekämpfung. In Wahrheit gab es eine 2. Agenda : Nationbuilding oder NATO Doktrin vom preemptiven Einsatz oder in den Worten vom Deza: Entwicklungshilfe für Mädchen oder in den Worten des 12. Jh. der 3. Kreuzzug. Westliche Arroganz ohne Ende !
    1. Antwort von Thomas Beer  (Tom Berry)
      Nicht Arroganz sondern der naive Wunsch die Mädchen und Frauen aus der mittelalterlichen und menschenverachtenden Isolation zu befreien. Wer gestern Rundschau gesehen hat bekam eine Vorstellung vom Leben der Mädchen und Frauen die vereinsamt, isoliert und rechtlos ohne irgendeine Ablenkung ihr Leben in totaler geistiger Finsternis verbringen müssen.
      Das der Westen gescheitert ist, ist vor allem für die weibliche Bevölkerung von Afghanistan eine Tragödie.
    2. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Der erste, der Afghanistan gegenüber dem Westen geöffnet und demokratische Reformen angestrebt hat, war der damalige König. Die amerikanische ("westliche") Aussenpolitik ist voller Fehler und zum Teil einfach zynische Realpolitik um Rohstoffe. Aber wer die Welt nur durch die Brille mit Namen "böser imperialistischer Westen, der anderen seine Werte aufzwingen will" betrachtet, wird nie ein objektives Bild haben. Es läuft eigentlich immer so, dass ein Teil der Bevölkerung um Unterstützung bittet.
  • Kommentar von Stefan von Känel  (Trottel der feinen Gesellschaft)
    Bedauernswert sind all jene Zivilsten vor Ort, die damals tatsächlich an die Mär der humanitären Intervention geglaubt haben. Die nie eine Wahl oder Perspektive hatten. Und all jene Aktivisten hier bei uns im privilegierten Westen, welche noch immer mit Bomben Demokratie verbreiten möchten, sollen nach Irak, Libyen und Afghanistan endlich zur Kenntnis nehmen wie diese Geschichten enden. Demokratie entsteht nicht einfach top down als Nebenprodukt geopolitischer Winkelzüge.
    1. Antwort von Mark R. Koller  (Mareko)
      Es funktioniert offenbar nicht in islamischen Staaten, hingegen in überwiegend christlichen Ländern (Deutschland, Österreich u. a.) und auch in dem zen-buddistischen Japan hat deren Demokratisierung nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute Wirkung gezeigt.
    2. Antwort von Stefan von Känel  (Trottel der feinen Gesellschaft)
      Wenn Ideologie oder Religion im Alltag zu dominant wird, verkleinert sich der Wirkungsbereich der Demokratie. Das gilt durchaus nicht nur für den Islam, wie die westeuropäische Geschichte beweist. Frühe Republiken und Demokratien waren hingegen auch mit pantheistischen Systemen möglich. Aus diesen Gründen teile ich Ihre Meinung nicht, Herr Koller.
    3. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      @Mark R. Koller Hat mit Religion NICHTS zu tun. Lesen Sie nach was in Dreissigjähriger Krieg in Europa passierte. Vatikanischen Habsburger gegen protestantischen Vasen. Und protestantischen Vasen waren heimlich von erzkatholischen Frankreich unterstützt. Welchen Verbrechen haben die friedlichen Schweden dazu damals in Meklenburg-Vorpommern begangen. Wie USA in My Lai. Religion in Ursprung sollte den Menschen Welterklären, Gesetze und Sanitärvorschriften geben. Aber sofort für Macht verwendet
  • Kommentar von Werner Gürr  (FrMu)
    Die arme Bevölkerung Afghanistans. Nicht nur, dass sie in eine Zukunft gehen, die evtl. noch unsicherer ist als es die Vergangenheit war. Zu alledem müssen sie nun auch noch als Objekt für politische Kämpfe in weit entlegenen Weltregionen herhalten. Immerhin, London scheint mit Visas für Flüchtende nicht zu sparen. Langfristig 20'000. Auf die Bevölkerung umgerechnet wären das ca. 2500 Visas für die Schweiz....