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Staatsbesuch in Wien «Herr Präsident Putin, ich unterbreche Sie so ungern»

Legende: Video Wladimir Putin empfängt den ORF abspielen. Laufzeit 3:11 Minuten.
Aus 10vor10 vom 05.06.2018.

Dass Wladimir Putin westlichen Medien ein Interview gewährt, passiert nur äusserst selten. Dass der russische Präsident, der jedes Interview genaustens kontrolliert, sich aus der Ruhe bringen lässt, kommt ebenfalls kaum vor. Beides ist vor seinem Staatsbesuch in Österreich eingetreten.

Mehrmals hatte der österreichische Sender ORF in der Vergangenheit vergeblich um ein Interview angefragt. Die Zusage kam überraschend. Konkrete Fragen verlangte der Kreml von ORF-Journalist Armin Wolf im Vorfeld des Interviews nicht.

Das Rezept des Interviewers

So trifft Wolfs Fragestil Putin scheinbar nicht selten unerwartet. Der russische Präsident reagiert mehrmals scharf: «Wissen Sie, wenn Ihnen meine Antworten nicht gefallen, dann stellen Sie doch keine Fragen. Aber wenn Sie meine Meinung hören wollen, dann müssen Sie Geduld haben und mich ausreden lassen.»

Legende: Video Putin reagiert scharf auf Frage zur Krim-Annexion abspielen. Laufzeit 0:44 Minuten.
Vom 05.06.2018.

Wie schaffte es Wolf, Putin aus der Reserve zu locken und wie erlebte er selbst das Gespräch? «Herr Putin sagt nichts in Interviews, was er nicht sagen möchte», sagt Wolf gegenüber SRF. «Jetzt kannte ich viele seiner Antworten, und habe deswegen versucht, einen Teil seiner Antwort schon vorwegzunehmen. Das hat ihn dann nicht beirrt, er hat trotzdem einen Teil seiner Fragen wiedergegeben.»

«Seien Sie bitte so nett, lassen Sie mich etwas sagen», sagt Putin an einer Stelle, wo es um die Annexion der Krim geht. «Herr Präsident, ich unterbreche Sie so ungern», erwidert Wolf. Und warum? «Weil Putin meist sehr ausführlich antwortet und das nicht unbedingt zur gestellten Frage. Ich hatte aber nur begrenzt Zeit», schreibt Wolf in seinem Blog-Eintrag zum Interview mit Putin.

Die Taktik Putins

Laut dem Journalisten reagiert Putin in Interviews immer taktisch: «Ich glaube, das ist eine Strategie von Putin. Wenn man sich Interviews mit ihm anschaut, dann fällt auf, dass er jede Unterbrechung grundsätzlich thematisiert. Man wirkt als Interviewer unhöflich bei der nächsten und übernächsten Unterbrechung.»

Putins fünf Antwort-Strategien

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In seinem Blog beschreibt ORF-Journalist Armin Wolf fünf typische Antwortstile Putins.

  1. Er repliziert meist sehr ausführlich. Knappe Antworten sind selten, fast immer wird es grundsätzlich.
  2. Er liebt Gegenfragen – für einen Interviewer immer unangenehm.
  3. Er ist ein Meister des Whataboutism – also des Ablenkens auf ein anderes Thema oder zumindest einen anderen Aspekt des Themas.
  4. Wenn er etwas dementieren will, dementiert er, egal wie viele Belege es für einen Vorhalt gibt.
  5. Und wenn er unterbrochen wird, kritisiert er das sofort – als unhöflich, ungeduldig oder voreingenommen. Um dann seine ursprüngliche Antwort fortzusetzen.

Das Interview soll eigentlich 30 Minuten dauern. Auch wenn die Zeit davonläuft – Putin will sich nicht kurzfassen. «Aber wir haben so wenig Zeit. Und ich habe so viele Fragen», sagt Wolf. Putin antwortet auf Deutsch: «Nein, nein, wir haben genug», und lacht.

«Nicht der Mikrofonständer Putins sein»

Letztlich werden es 52 Minuten, bis sein Sprecher immer ungeduldiger signalisieren lässt, dass die Zeit nun aber wirklich vorbei ist.

Russische Fernsehsender zeigen das Interview in voller Länge. Der Kreml nutzt den Auftritt vor ausländischen Medien um die Bedeutung Russlands zu zeigen. Armin Wolf fühlt sich dabei nicht instrumentalisiert: «Was ich definitiv nicht machen wollte – und, ich glaube, definitiv auch nicht gemacht habe: Die Staffage oder der Mikrofonständer sein für eine Rede für Herrn Putin.»

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39 Kommentare

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  • Kommentar von Klaus Kreuter (KallePalle)
    Ein brillantes Interview, auch vom Fragesteller. Putin ist ein Fuchs, mit allen Wassern gewaschen und intelligent. Ich sehe in der westlichen Welt (vielleicht Macron) keinen vergleichbaren Führer. Der hat Donald Trump schon nach 3 Minuten in der Tasche, sowohl vom Intellekt her als auch rhetorisch.
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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Als ich heute Morgen die Beiträge von SRF las, war ich. entsetzt über Die Ablehnungen der einzelnen Meinungen. Oft sehr gute Kommentare. SRF sollte die Ruprik Ablehnungen Sperren. Wer dagegen ist, soll mit seinem Namen unter Antwort seine Meinung abgeben. So geht das doch nicht weiter, es wird immer schlimmer.
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    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      Das mit den Bewertungen sollte man nicht allzu ernst und sicher nicht persönlich nehmen.
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    2. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Sie haben sicher Recht Herr Bernoulli,aber es ist teilweise unverhältnismässig. Asserdem kann man offen seine Gegenmeinung hier schreiben.Aus dem Hintergrund heraus einfach Kommentare ablehnen,die teilweise sehr gut und informativ waren.....NaJa einfach daran gewöhnen oder aufhören.
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  • Kommentar von Charles Halbeisen (ch)
    Schade dass SRF im Internet den Originalton bei fremdsprachigen Reden nicht überträgt. Sollte doch technisch möglich sein, mehrere Tonkanäle anzubieten. Oder bin ich schlecht informiert.
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    1. Antwort von SRF News
      Sehr geehrter Herr Halbeisen, In diesem Tagesschau-Beitrag haben wir einzelne Sequenzen aus dem Interview mit Wladimir Putin drin, das der Österreichische Rundfunk geführt hat. Wir besitzen an diesem Interview zum einen keine Ausstrahlungsrechte. Zum andern: Bei einem kompakten Beitrag wie dem Vorliegenden macht es keinen Sinn, eine Spur im Original laufen zu lassen, denn da fehlte ja der ganze Off-Text des Beitrags. Aber generell stimmt das natürlich: Wenn wir als SRF direkt streamen – und die Rechte abgedeckt sind – können wir tatsächlich auch im Originalton übertragen, so dies von der Bedeutung her gerechtfertigt ist. Freundliche Grüsse Ihr SRF News Team
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