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Wieso sucht Erdogan die Eskalation mit westlichen Staaten?
Aus Echo der Zeit vom 24.10.2021.
abspielen. Laufzeit 05:32 Minuten.
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Streit um Aktivist Kavala «Erdogan braucht dringend einen innenpolitischen Erfolg»

Im Streit um die Inhaftierung des Kulturförderers und Aktivisten Osman Kavala hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Botschafter Deutschlands, der USA und mehrerer anderer Staaten zu unerwünschten Personen erklärt. Erdogan stellt damit die Beziehungen des Westens zur Türkei vor eine neue Belastungsprobe.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Journalist in der Türkei

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Thomas Seibert ist seit 1997 Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF.

SRF News: Was steckt hinter dieser Ankündigung Erdogans?

Thomas Seibert: Dahinter steckt der Fall Osman Kavala. Kavala wird beschuldigt, die regierungskritischen Gezi-Proteste in Istanbul 2013 unterstützt und einen Umsturzversuch angezettelt zu haben. Die Botschafter, um die es hier geht, hatten die Freilassung des Bürgerrechtlers verlangt. Das hat Erdogan so auf die Palme gebracht.

Erdogan riskiert damit eine Verschlechterung der diplomatischen Beziehungen zum Westen. Ist ihm das der Fall Kavala schlicht wert – oder steckt da mehr dahinter?

Zwei Dinge stecken dahinter: Erdogan ist davon überzeugt, dass Kavala ihn mit westlicher Hilfe stürzen will. Er bezeichnet Kavala als Vertreter des Investors George Soros. Anzeichen dafür gibt allerdings keine.

Erdogan steht derzeit nicht so gut da.
Autor: Thomas Seibert Journalist in Istanbul

Der zweite Grund ist innenpolitisch. Erdogan steht derzeit nicht so gut da. Er braucht dringend einen innenpolitischen Erfolg. Die Lira ist auf einem Tiefststand angelangt. Es gibt Leute in der Türkei, die sagen, Erdogan hat diese Krise um die Botschafter vom Zaun gebrochen, um ausländische Sündenböcke zu finden, auf die er diese Probleme schieben kann.

Erdogan will sich damit also innenpolitisch Luft verschaffen – gelingt ihm das?

Bis anhin gelingt ihm das nicht. Regierungsnahe Medien stehen stramm an seiner Seite. Wenn man aber mit den Menschen redet, findet man kaum jemand, der dieses Manöver gut findet. Ich glaube nicht, dass es Erdogan schafft mit dieser Aktion die Nation hinter sich zu bringen.

Präsident Erdogan hat sich über lange Zeit strategisch äusserst geschickt verhalten, auch auf der internationalen Bühne. Jetzt scheint es aber doch den einen oder anderen Ausreisser zu geben. Woran liegt das?

Das liegt am türkischen Präsidialsystem, das Erdogan eingeführt hat. Seit der Einführung ist Erdogan quasi allmächtig.

Erdogan kann also schalten und walten, wie er will.
Autor: Thomas Seibert Journalist in Istanbul

Andere Ministerien, wie etwas das Aussenamt, haben an Einfluss verloren. Dieses System führt dazu, dass es keine Kontrollmechanismen mehr gibt. Erdogan kann also schalten und walten, wie er will.

Der türkische Aussenminister hat die Anordnung Erdogans bisher noch nicht umgesetzt. Ist das eine Frage der Zeit?

Es ist unglaublich schwer vorauszusehen, was als Nächstes geschieht. Erdogan ist dafür bekannt, dass er äusserst pragmatisch ist. Es ist gut möglich, dass die Türkei in den nächsten Tagen etwas unternimmt, um die Sache vom Eis zu kriegen. Auf der anderen Seite fehlen wegen des Mangels an unabhängigen Institutionen politische Leitplanken. Deswegen kann man nicht absehen, ob er die Sache durchzieht und die Diplomaten tatsächlich ausweist.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

Echo der Zeit, 24.10.2021, 18 Uhr;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Tag liebe Community. Aufgrund des geringen Diskussionsbedürfnisses zu diesem Thema schliessen wir die Kommentarspalte an dieser Stelle. Wenn Sie weiter diskutieren möchten, finden Sie unter der Rubrik "Die Debatten des Tages" weitere Themen. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
    Erdogan hat viel dafür getan, um die Wirtschaft der Türkei zum Blühen zu bringen - doch auf seine alten Tage schickt er sie wieder bachab; das irrationale Verprellen wichtiger Partner gibt der Lira den Rest. In einer Demokratie wäre Erdogan lvom Volk ausgetauscht worden, doch die Türkei nimmt Kurs aufs Fahrwasser von China und Russland, die nach aussen noch aggressiver und nach innen wirtschaftsschädlicher agieren. Allen drei werden von älteren Männern beherrscht, die sich an die Macht klammern.
  • Kommentar von Reto Weber  (SPQR)
    Die Kontrolle über den Bosporus, der den einzigen Zugang zum Mittelmeer, für die russische Schwarzmeerflotte, darstellt, ist für die NATO von eminenter Wichtigkeit. Deshalb kann Erdogan sich relativ viel erlauben, was den Umgang mit den Westmächten betrifft. Wie weit er dabei zu gehen bereit ist, hängt direkt mit dem zurzeit geschwächten Zusammenhalt der NATO ab.
    1. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Dank dem Vertrag von Montreux ist die Nato-Frage beim Zugang zum Schwarzen Meer weitgehend irrelevant. Darum baut Erdogan übrigens ein Kanal ins Schwarze Meer, um nicht mehr so stark durch den Vertrag von Montreux gebunden zu sein. Die NATO Mitgliedschaft der Türkei ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg, damals ging es vor allem darum, dass Moskau in Reichweite damaliger Atomraketen lag.