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Weltkarte zeigt: China, die USA und Brasilien nutzen am meisten Antibiotika.
Legende: Antibiotikanutzung in der Tierhaltung nach Ländern: Rot = Stand 2013, Dunkelrot=Prognosen für 2030. ZVG
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Studie Antibiotikaresistenzen «Die Veränderung des Fleischkonsums ist ein wichtiger Faktor»

700'000 Tote pro Jahr, weil die Antibiotika nicht mehr wirken: Das Hauptrisiko liegt im Stall, wie eine Studie zeigt. Was man dagegen tun könnte, erklärt Studien-Co-Autor Sebastian Bonhoeffer.

SRF News: Warum wird Antibiotikum so oft an Tiere verabreicht?

Es gibt drei Arten der Antibiotikanutzung bei Tieren: Zur Behandlung erkrankter Tiere, zur Wachstumsförderung und zur Prophylaxe. Es hat sich gezeigt, dass die Tiere schneller wachsen, wenn dem Futter kleine Mengen Antibiotika beigemischt werden. In der Schweiz und in der EU ist das allerdings seit 2006 verboten. Als Prophylaxe soll das Antibiotika verhindern, dass sich ansteckende Keime in der Tierhaltung ausbreiten.

Bonhoeffer im Porträt.
Legende: Sebastian Bonhoeffer arbeitet am Institut für integrative Biologie der ETH Zürich und hat die Studie mitverfasst. ZVG

Wer verabreicht seinen Tieren weltweit am meisten Antibiotika?

China ist im Moment der grösste Antibiotikanutzer – sowohl was den totalen Verbrauch als auch den Verbrauch pro Kilo produziertes Fleisch betrifft. Wichtig ist aber auch die Veränderung in verschiedenen Wirtschaftsräumen, insbesondere in den Schwellenländern. Dort wird der wachsende Wohlstand dazu führen, dass mehr Fleisch konsumiert wird. Die Tierhaltung wird sich also intensivieren. Mit zunehmender Massentierhaltung steigt auch der Antibiotikaverbrauch, zumal dort nicht gleichzeitig auch in bessere Hygiene investiert werden kann.

Wir sollten also nicht zu sehr auf dem hohen Ross sitzen und mit dem Finger nur auf die anderen zeigen.

Gibt es Länder, die Vorbildcharakter haben?

Sicher gibt es solche Länder, etwa die Niederlande. Sie gehören zu den weltweit grössten Produzenten landwirtschaftlicher Güter. In der Humanmedizin wird dort schon seit langem relativ wenig Antibiotika eingesetzt. Im Veterinärwesen war der Einsatz allerdings lange Zeit relativ hoch, doch in den letzten Jahren wurde er sehr stark reduziert, sodass die Niederlande im Moment eines der Länder mit tiefem Antibiotikaverbrauch bei gleichzeitig hoher Produktivität sind.

Sicher wird eine Zunahme der Antibiotikanutzung auch im Veterinärbereich Folgen für die Entstehung resistenter Keime haben.
Mehrstöckige Käfige mit Schweinen, die übereinander liegen müssen.
Legende: China hat eine Schlüsselrolle in der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen: Schweinehaltung in der Stadt Quanzhou. Getty Images

Sie prognostizieren in Ihrer Studie eine Zunahme der Antibiotikavergabe bei Nutztieren um 53 Prozent bis 2030. Was wären die Folgen für die Weltbevölkerung?

Das ist schwer abzuschätzen. Sicher wird eine Zunahme der Antibiotikanutzung auch im Veterinärbereich Folgen für die Entstehung resistenter Keime haben. Wie weit diese dann auf den Menschen übertragen werden könnten, ist unklar. Es gibt aber Beispiele genug dafür, dass eine solche Übertragung stattgefunden hat. Mit der zunehmenden Nutzung von Antibiotika werden sie wahrscheinlich noch häufiger werden.

Wir haben in unserer Studie drei Ansätze zur Problemlösung angeschaut: Verbesserte Vorschriften, Veränderung des Konsumverhaltens und Einführung von Gebühren oder Steuern für den Antibiotikaverbrauch.

Was müsste man jetzt gegen diese Resistenzen unternehmen?

Audio
Übermässiger Antibiotika-Einsatz und seine Folgen
06:15 min, aus Echo der Zeit vom 13.11.2017.
abspielen. Laufzeit 06:15 Minuten.

Wir haben in unserer Studie drei Ansätze zur Lösung des Problems angeschaut: Verbesserte Vorschriften, Veränderung des Konsumverhaltens und Einführung von Gebühren oder Steuern für den Antibiotikaverbrauch. Wenn man sich den Fleischkonsum anschaut, ist etwa interessant, dass China die Richtlinien bezüglich Konsum tierischer Proteine verändert hat. Wenn man so stark reduzieren würde, wie es in China derzeit besprochen wird, könnte man auch eine grosse Reduktion erreichen. Allerdings sind die Werte, die dort mit 40 Gramm tierische Proteine pro Tag angegeben werden, unrealistisch für die gesamte Welt. Sicher ist die Veränderung des Fleischkonsums ein ganz wichtiger Faktor.

Sicher ist die Veränderung des Fleischkonsums ein ganz wichtiger Faktor.

Letztlich braucht es wohl eine Kombination dieser Anstrengungen. Man muss natürlich auf die nationalen Gegebenheiten und Möglichkeiten Rücksicht nehmen. Aber es ist ein grosses Problem, sodass grössere internationale Anstrengungen notwendig sind, um es in den Griff zu bekommen. Der Umgang mit Antibiotika mag in den Schwellenländern in der Tat etwas unvorsichtigerer sein, doch in Indien isst man vielleicht zehnmal weniger Fleisch pro Kopf als bei uns. Wir sollten also nicht zu sehr auf dem hohen Ross sitzen und mit dem Finger nur auf die anderen zeigen.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Antonietta Tumminello  (GoVegan)
    Die Tierhaltung, und damit der Konsum tierischer Produkte, ist einer der Hauptverursacher für die größten Probleme unserer Zeit: vom Klimawandel über die Rodung der Wälder, bis hin zur Ressourcenverschwendung und Trinkwasserproblematik. Wenn Ihnen etwas an unserem Planeten liegt, leben Sie vegan.
  • Kommentar von Oliver Schmid  (O. Schmid)
    Kein Wunder ist hier China wieder Spitze. Ich würde keine Lebensmittel essen, die dort hergestellt werden. Darum bestellt sich die Oberschicht in China oder die, welche es sich leisten können, die Nahrungsmittel aus dem Ausland. Die haben nämlich null Vertrauen in die Chinesischen Lebensmittel. Hauptsache billig Produktion, gleich wie bei Kleidern, Elektronik etc. Nur das die Lebensmittel in unserem Körper und dann Organen landen.
  • Kommentar von Achim Frill  (Afri)
    Fatal: Auf der einen Seite die Profitgier für schnelles Fleischwachstum. Auf der anderen Seite das fehlende Interesse der Pharma, Geld in die Antibiotikaforschung zu stecken - weil es zu wenig profitträchtig ist. Es geht immer immer immer nur um das verfluchte Geld. An dieser Gier werden die Menschen eines Tages ersticken.