«Südsudan ist an der Schwelle zu einem neuen Krieg»

Eigentlich könnte das Land fünf Jahre Unabhängigkeit feiern. Stattdessen liefern sich die Armee und Truppen des Vizepräsidenten und ehemaligen Rebellenführers Riek Machar in der Hauptstadt Juba wieder Kämpfe. Dort harrt Fotojournalist Gregor Fischer in einem Hotel aus. Die Lage ist unübersichtlich.

Menschen im Südsudan gehen auf einer staubigen Strasse neben einem Stacheldrahtzaun. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Leid ohne Ende: Rund 10'000 Menschen sind nach Angaben humanitärer Helfer wieder auf der Flucht. Keystone/Archiv

Zusatzinhalt überspringen

Gregor Fischer

Gregor Fischer arbeitet als freiberuflicher Fotojournalist. Er arbeitet unter anderem für die Deutsche Presseagentur (DPA), für das Magazin «Focus» und den «Tagesspiegel».

SRF News: Sie sitzen zurzeit in der südsudanesischen Hauptstadt Juba in einem Hotel fest. Wie ist die Lage?

Gregor Fischer: In den letzten Stunden konnte ich zum Glück ein bisschen schlafen, es war ziemlich ruhig in der Nacht. Regen hat die Kämpfe draussen verstummen lassen. Nun geht die Sonne auf. Vereinzelt sind Menschen in den Strassen unterwegs.

Man liest hier von Kämpfen mit Helikoptern und Panzern, die vor allem um das Regierungsviertel ausgetragen werden. Haben Sie davon in den letzten Tagen etwas mitbekommen?

Hören Sie hier das Gespräch mit Gregor Fischer

4:44 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.07.2016

Ich war am Freitag an einer Pressekonferenz im Präsidentenpalast, als die Schiesserei, kurz vor dem Auftritt des Präsidenten, direkt vor der Türe losging. Es folgte ein ziemlich heftiges Feuergefecht mit sowohl leichten als auch schweren Waffen. Wir hörten einen Panzer vorbeifahren. Das Ganze dauerte zehn bis fünfzehn Minuten und hörte dann ziemlich plötzlich auf. Der Präsident und dessen Vize kamen dann doch noch an die Pressekonferenz.

«  Die Soldaten reagieren nicht besonders entspannt auf Kameras. Auch die Bevölkerung ist gegenüber Journalisten sehr vorsichtig. »

Muss man wieder von einem Land im Krieg sprechen?

Zusatzinhalt überspringen

UNO-Friedensaufruf

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hat ein sofortiges Ende der Kämpfe im Südsudan gefordert. Die beiden Rivalen an der Regierungsspitze sollten ihre Einheiten abziehen. «Diese sinnlose Gewalt birgt die Gefahr, dass die bisher erreichten Fortschritte im Friedensprozess zunichte gemacht werden.» Der Sicherheitsrat kam für eine Sondersitzung zusammen.

Das Land ist auf der Schwelle zu einem neuen Krieg. Die Entscheidung werden die nächsten zwei Tage bringen. Da wird sich auch zeigen, ob sich die Kämpfe auf das ganze Land ausbreiten.

Können Sie das Hotel nun wieder verlassen und Ihrer Arbeit als Fotojournalist nachgehen?

Angesichts der momentanen Ruhe, hoffe ich, dass wir heute rausgehen können, um zu schauen, was in den letzten vier Tagen passiert ist und wie sich die aktuelle Situation präsentiert. Die letzten beiden Tage war das sehr schwierig. Die Soldaten reagieren nicht besonders entspannt auf Kameras. Auch die Bevölkerung, geprägt durch die vielen Jahre Krieg, ist gegenüber Journalisten sehr vorsichtig.

Gibt es staatliche Behörden, die Sie ansprechen können, wenn Sie das Hotel verlassen? Oder sind Sie völlig auf sich gestellt?

Ich habe den Eindruck, dass die Ministerien hier nach wie vor funktionieren und arbeiten. Wir haben im Hotel bereits Besuch gehabt, der Sprecher des Präsidenten und der Minister für Information und Rundfunk waren hier und gaben Statements ab. Sie forderten beide Seiten zu einer Waffenruhe auf.

Waren die Kämpfe nicht voraussehbar, als Sie vor einer Woche in dem Land angekommen sind?

Ich bin eingereist, um eine freie Fotoreportage mit Sportlern zu machen. Am vierten Tag meines Aufenthalts begannen die ersten Konflikte in Juba. Ich musste mein Projekt vorerst abbrechen. Im Augenblick heisst es abwarten.

Das Gespräch führte Andrea Christen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Unabhängigkeitstag Südsudan

    Aus Tagesschau vom 9.7.2016

    Vor fünf Jahren wurde der Südsudan nach 30-jährigem Krieg unabhängig. Wirtschaftskrise, Dürre und gewaltsame Auseinandersetzungen stellen das Land vor eine Zerreissprobe.