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Leere Tangosäle in Buenos Aires
Aus Tagesschau vom 30.08.2021.
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Tango in Buenos Aires Gefährliche Umarmung

In der Welthauptstadt des Tangos setzt die Pandemie der Szene schwer zu – und bringt so ein Kulturerbe in Gefahr.

Mehl, Kürbisse, passierte Tomaten: Auch anderthalb Jahre nach Beginn der Pandemie sammeln Lucila Díaz Colodrero und ihre Freunde vom Verband der Tangotänzer noch immer Nahrungsmittelspenden und packen sie in grosse Säcke.

Viele Tänzer wissen nicht, wie sie die Miete zahlen sollen oder haben kein Geld für Essen.
Autor: Lucila Díaz Colodrero Mitglied Verband der Tangotänzer

Vom Tango zu leben, ist seit März 2020 in Argentinien praktisch unmöglich: Die Salons sind geschlossen, Touristen dürfen nicht einreisen. «Viele Tänzer wissen nicht, wie sie die Wohnungsmiete zahlen sollen, haben kein Geld für Essen und das Schlimmste: Wir wissen nicht, wann es wieder losgeht!» sagt Díaz Colodrero. Die Tänzerin hat selbst ein alternatives Einkommen als Englischlehrerin gefunden.

Legende: Lucila Díaz Colodrero und ihre Freunde vom Verband der Tangotänzer (TTD, Trabajadores del Tango Danza) sammeln auch anderthalb Jahre nach Beginn der Pandemie noch immer Nahrungsmittelspenden und verteilen sie an Tänzer, die in der Pandemie kein Auskommen mehr finden. Karen Naundorf

Staatliche Hilfe für Tangobranche blieb aus

Der Präsident des Verbands der Tangoveranstalter, Julio Bassan, hält Zahlen bereit. In der Pandemie hat eine landesweite Umfrage unter mehr als 2400 Beschäftigten im Tangosektor gezeigt, wie prekär die Lage ist. «76 Prozent zahlen in keine Rentenkasse ein, 69 Prozent sind nicht krankenversichert, 92 Prozent haben in der Pandemie keinerlei staatliche Unterstützung erhalten», erklärt Bassan, selbst von Beruf Profitänzer.

«Der Tango ist ein immaterielles Kulturerbe. Er lebt in jedem, der tanzt, singt, in einem Orchester spielt, unterrichtet, von und mit dem Tango lebt», sagt Bassan. Er fragt sich, was bleibt, wenn immer mehr Salons schliessen müssen.

92 Prozent der Beschäftigten im Tangosektor haben in der Pandemie keinerlei staatliche Unterstützung erhalten.
Autor: Julio Bassan Präsident Verband Tangoveranstalter

Es fehle an staatlichen Hilfen. «Viele andere Aktivitäten sind inzwischen wieder erlaubt. Doch für den Tango gibt es nicht einmal mehr einen Dialog mit dem Gesundheits- und dem Kulturministerium», sagt Bassan. «Wir sind verzweifelt.»

Corona-Zahlen steigen weiter

Klar ist: Wange an Wange tanzen, mit wechselnden Partnern, ist in der Pandemie zur Hochrisikoaktivität geworden. Solange täglich mehrere Tausend neue Corona-Fälle und um die 150 neue Tote registriert werden, gibt es keine schnelle Wiederbelebung der Tangoszene.

Legende: Lucila Díaz Colodrero und ihr Tanzpartner trainieren erst seit kurzem wieder – Zuhause im Wohnzimmer. Sie haben sich für die Tango-WM im September angemeldet. Ob diese als Präsenzveranstaltung oder virtuell stattfindet, ist noch nicht klar. Karen Naundorf

Die Regierung erwägt zwar eine Grenzöffnung für den Tourismus, wovon auch der Tangosektor profitieren würde. Aber man möchte zuvor die Impfkampagne voranbringen. Inzwischen haben 60 Prozent der Argentinier eine Dosis erhalten – das sind mehr als in der Schweiz oder in den USA. Bei den Zweitimpfungen hapert es noch: Erst 25 Prozent der Argentinier haben zwei Impfdosen erhalten.

Tangotanzen im Freien – eine rechtliche Grauzone

Viele «Tangueros» halten es nicht mehr aus und tanzen in Parks und auf Plätzen, etwa auf der Plaza Congreso, mitten im Zentrum von Buenos Aires. Zwei Mal wöchentlich organisiert Tänzer und Tangolehrer Orlando Faciano hier eine Milonga.

Auf einem Klapptisch liegen ein Fieberthermometer und Alkohol zum Händereinigen bereit. Es ist eine rechtliche Grauzone: An der freien Luft ist das Tanzen weder erlaubt, noch verboten. «Ich sehe, wie die Leute es geniessen, das macht mich glücklich! Viele tanzen nur mit ihren festen Partnern, die meisten nutzen einen Mundnasenschutz», sagt Faciano. So vernünftig sind längst nicht alle Tänzer: Im gesamten Pandemiejahr kursierten in Buenos Aires' sozialen Medien Listen mit illegalen Tanzveranstaltungen.

Legende: Orlando Faciano organisiert «La Otra Milonga», eine Tanzveranstaltung auf der Plaza Congreso mitten in Buenos Aires. An der freien Luft im öffentlichen Raum ist das Tanzen weder erlaubt, noch ist es verboten. Karen Naundorf

Tango-Weltmeisterschaft

Lucila Díaz Colodrero vom Verband der Tango-Tänzer hat erst vor kurzem wieder begonnen, mit ihrem Partner zu trainieren, Zuhause im Wohnzimmer: Das Paar hat sich für die Tango-Weltmeisterschaft im September angemeldet.

«Es ist noch unklar, ob es eine Präsenzveranstaltung wird oder ob es virtuell sein wird», sagt Díaz Colodrero. «Die Regierung wird auf die Fallzahlen schauen.» Ihr ist klar: Schnell wird es nicht gehen mit der Öffnung. Dennoch hofft sie schon jetzt auf den Tag, an dem der Verband keine Essensspenden für Tangotänzer mehr sammeln muss.

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