Zum Inhalt springen
Inhalt

Terror aus Usbekistan «Zentralasien ist Rekrutierungsregion islamistischer Extremisten»

Der New Yorker Attentäter ist Usbeke und nicht der erste Terrorist aus der Region. Einschätzungen einer Expertin.

Legende: Video Audio: Interview mit Zentralasien-Expertin Edda Schlager abspielen. Laufzeit 03:26 Minuten.
Aus News-Clip vom 01.11.2017.
  • Vor dem Attentat in New York haben Terroristen mit usbekischen Wurzeln bereits Anschläge in Stockholm, Istanbul und St. Petersburg verübt.
  • Gemäss Schätzungen haben sich 2000 Personen aus Zentralasien der Terrororganisation IS angeschlossen. 500 von ihnen sollen aus Usbekistan stammen.

Die Journalistin Edda Schlager, Link öffnet in einem neuen Fenster lebt in Zentralasien. Sie hat Usbekistan mehrmals bereist, zuletzt im vergangenen Jahr.

SRF News: Wie schätzen Sie die Gefahr durch islamistischen Terror aus Usbekistan ein?

Edda Schlager: «Angesichts des Attentates in New York und der Attentate in Istanbul, St. Petersburg und Stockholm, in denen überall Attentäter aus Zentralasien involviert waren, kann man sagen: Es gibt eine Gefahr des islamistischen Extremismus aus Zentralasien. Das heisst: Zentralasien ist eine Rekrutierungsregion für islamistische Extremisten.»

Sie haben gerade angesprochen, dass Zentralasien eines der Rekrutierungszentren für islamische Terroristen ist: Wo liegt die Wurzel des Problems aus Ihrer Sicht?

«Die Länder in Zentralasien sind sehr autoritär. Sie sind zum Teil seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion durch ein- und denselben Präsidenten geführt worden. Viele junge Leute versuchen, diese Länder zu verlassen. Wenn diese jungen Leute mit grosser Hoffnung ins Ausland gehen – dann dort aber auf Diskriminierung durch die einheimische Bevölkerung stossen, was in Russland nicht selten der Fall ist, dann wenden sie sich nach langer Zeit der Frustration anderen Idealen zu. Das kann unter Umständen auch eine Islamisierung sein.»

Bis Ende des vergangenen Jahres regierte ein Diktator in Usbekistan: Wie stabil ist die Lage im Land zur Zeit?

«Ich persönlich würde jetzt überhaupt nicht ausmachen, dass sich Usbekistan zur Zeit destabilisiert. Im Gegenteil. Seit Dezember gibt es einen neuen Präsidenten in Usbekistan. Es geht momentan keine Gefahr meiner Meinung nach von einer Destabilisierung aus. Der Weg, den Shavkat Mirziyoyev, der neue Präsident eingeschlagen hat, lässt eigentlich hoffen.»

Legende: Video Terror aus Usbekistan abspielen. Laufzeit 02:13 Minuten.
Aus Tagesschau vom 01.11.2017.

Usbekistan hat den USA nach dem Anschlag von gestern Unterstützung angeboten: Welche Auswirkungen hat der gestrige Anschlag auf das Verhältnis der USA zu Usbekistan?

«Man muss dazu wissen, dass sich der Westen in den letzten Jahren aus der Region zurückgezogen hat. Die USA hatten bis 2005 eine Militärbasis in Qarshi. Sie wurden dann aber des Landes verwiesen. Deutschland war auch bis 2015 mit einer eigenen Militärbasis im Land, hat dann aber Usbekistan auch verlassen. Das sind nur zwei Hinweise darauf, dass das Interesse des Westens an dieser Region doch deutlich nachgelassen hat. Man denkt offensichtlich einfach: ‹Die Länder sind mehr oder weniger stabil›.

Wurde die Bedrohung durch islamistische Terroristen aus Zentralasien in der Vergangenheit unterschätzt?

«Wenn sich die westlichen Regierungen aus dieser Region zurückziehen – und nicht ständig einfordern, dass man sich an Menschenrechte und an Rechtstaatlichkeit zu halten hat, dann geben Regierungen, wie die usbekische, dem leicht nach und sagen: ‹Gut dann machen wir das nach unserer Façon›, und ich denke, dass ist eine grosse Gefahr.»

Karte Usbekistans

Hintergrund zu Usbekistan

Islamisches Zentrum in Usbekistan.

Das Land ist zehnmal grösser als die Schweiz. 5-10 Prozent der Usbeken gelten als Anhänger des Islamismus – bei 88 Prozent Muslimen im Land. Laut «Reporter ohne Grenzen» steht das Land bei der Pressefreiheit auf dem 169. Platz von 180. In der näheren Vergangenheit sorgten Terroristen aus Usbekistan und dem zentralasiatischen Raum für Schlagzeilen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Ich bezweifle je länger, je mehr die Richtigkeit der Öffnung der Sowjetunion zum Westen. Vorher herrschte nach dem 2., Weltkrieg Frieden und ein wirtschaftlicher Aufschwung. Der Westen konnte die Finanzen zum Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Infrakstruktur und Gebäude verwenden. Die Wirtschaft blühte auf. Es ging uns gut, bis zur Wende. Dann stellten sich die Probleme an: Flüchtlinge, Helfen beim Wiederaufbau der während der Sowjetzeit vernachlässigten Infrastruktur etc,
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Destabilisierend sind manche Operationen, nicht nur des Westens, von denen man gar nicht oder viel später hört. Sinn und Zweck sind oft handfeste wirtschaftliche Gründe weniger Mächtiger und Konzerne. Gerade in den erwähnten Gebieten unterstützt man Extremisten, um z. B. Russland zu schaden. Mir fällt immer wieder der Zauberlehrling ein. Viele Kämpfer und Gruppen fühlen sich verarscht und missbraucht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Markus Breitschmid (Markus in Washington)
    Ich schliesse mich dem Kommentar von Herrn Reuteler an. Die Expertin fordert also ein, dass der Westen, sprich die USA, überall in der Welt Präsenz haben muss damit die Welt einigermassen menschlich vonstattten geht. Zu oft liest man auf in den gängigen Medien dass der Westen und ganz speziell die USA sich aus dem Weltgeschehen heraushalten soll – Imperialismus ist der gänige Vorwurf. Die Expertin hat natürlich recht: ohne amerikanische Weltordung geht gar nichts in dieser Welt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen